{"id":1928,"date":"2022-06-03T00:16:00","date_gmt":"2022-06-02T22:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1928"},"modified":"2022-05-25T23:13:49","modified_gmt":"2022-05-25T21:13:49","slug":"eine-welt-ohne-hiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1928","title":{"rendered":"Eine Welt ohne HIV"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">reale Vision oder Utopie?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Seit mehreren Jahren gibt es im HIV-Bereich den Slogan \u201eTogether We Can End AIDS\u201c. Doch ist das tats\u00e4chlich m\u00f6glich? Immerhin gibt es bislang weder eine Heilung, noch eine Schutzimpfung. Kann die Medizin ein Virus, dessen Erfolgsrezept unter anderem \u201eVer\u00e4nderung\u201c hei\u00dft, in den Griff kriegen? Oder vielleicht sollte die Frage eher hei\u00dfen: Kann die Menschheit dieses Virus im Griff bekommen?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Diskussion, ob eine HIV-freie Welt eine reale Perspektive ist, braucht es zumindest Teile einer Bestandsaufnahme. Denn auf Basis von Aspekten aus Biologie, Medizin und Gesellschaft l\u00e4sst sich hier durchaus eine Aussage treffen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Biologie: Nicht jede Virusvariante ist gef\u00e4hrlich<\/h3>\n\n\n\n<p>HIV stammt von dem tierischen Simian Immunodeficieny Virus (SIV) ab. Diese Viren treten bei diversen Affenarten auf und wurden genetischen Berechnungen zufolge um 1920 mehrfach auf Menschen \u00fcbertragen. Durch die \u00dcbertragungen unterschiedlicher SIV-Arten entwickelten sich auch unterschiedliche HI-Virustypen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es entstanden die beiden Virusst\u00e4mme HIV-1 und HIV-2. Letzterer tritt fast nur regional in Westafrika und mit weltweit 1-2 Millionen Menschen vergleichsweise selten auf. HIV-1 hingegen gliedert sich weiter in die Gruppen M, N, O und P. Nur eine dieser Gruppen schaffte die globale Verbreitung und ist somit Treiber der Pandemie, die Variante HIV-1-M. Sie macht ca. 90% Prozent aller HIV-Infektionen aus und wird nochmals in ca. 10 Subtypen und danach in viele weitere Unterformen unterteilt. Hintergrund des \u201eErfolgs\u201c ist eine f\u00fcr das Virus geeignete Mischung aus Infektiosit\u00e4t und Pathogenit\u00e4t sowie der hohen Mutationsrate und somit konstanter Ver\u00e4nderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Virusgruppen sind nur sehr \u00fcbergeordnete Einteilungen. Tats\u00e4chlich hat jede HIV-positive Person, sofern sich das Virus vermehren kann, auch verschiedene Viren im K\u00f6rper. Denn bei jedem Replikationsschritt kann es auch zu einer Ver\u00e4nderung kommen. Viele Mutationen haben gar keinen Effekt oder f\u00fchren zu defekten Viren. Einige jedoch machen tats\u00e4chlich einen Unterschied. Dies ist ein Grund, warum es bislang noch keinen Impfstoff gibt. Und es ist auch der Grund, warum HI-Viren gegen Medikamente Resistenzen entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mutationen mit gro\u00dfen sichtbaren Ver\u00e4nderungen, z.B. in der \u00dcbertragungswahrscheinlichkeit, sind selten. Es wurde zwar erst k\u00fcrzlich in den Medien von einer neuen Virusvariante berichtet, die ansteckender sei, doch sind zu dieser \u00dcberschrift wesentliche Punkte zu beachten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Variante ist ansteckender, da sie ohne HIV-Therapie zu einer h\u00f6heren Viruslast f\u00fchrt, welche bekannterma\u00dfen die \u00dcbertragungswahrscheinlichkeit bestimmt. Diese Eigenschaft konnte nur beobachtet werden, da fr\u00fcher eine HIV-Therapie nicht direkt nach der Diagnose begonnen wurde. Die Daten stammen also von Patient*innen, deren Infektion Jahre zur\u00fcckliegt, beim ersten beobachteten Fall z.B. ging es um eine Infektion von 1992. Inzwischen ist der sofortige Start der Therapie \u00fcblich und sie ist auch gegen diese beschriebene Variante effektiv. Liegt dank Therapie die Viruslast unter der Nachweisgrenze, ist auch diese Variante sexuell nicht \u00fcbertragbar. Es muss also hinterfragt werden, wie viele Menschen, die mit dieser Variante infiziert sind, derzeit nicht auf HIV-Therapie und somit infekti\u00f6s sind. Insgesamt wurden nur wenige F\u00e4lle aus den Patient*innen-Akten gefiltert. Von dieser Variante ist keine reale Ver\u00e4nderung der aktuellen Infektionsdynamik zu erwarten. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Medizin: Wichtigste Methoden bereits verf\u00fcgbar<\/h3>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher startete man mit einer HIV-Therapie erst zu einem gewissen Zeitpunkt lange nach der Diagnose. Unter anderem, um die Belastung durch die Medikamente so gering wie m\u00f6glich zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die modernen Wirkstoffe sind hingegen hocheffektiv, zumeist gut vertr\u00e4glich und mit 1 Tablette pro Tag leichter in den Alltag zu integrieren. Bei rechtzeitigem Start und unter guten Bedingungen ist die statistische Lebenserwartung HIV-positiver Menschen mit jener der Gesamtbev\u00f6lkerung gleichzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute darf man die HIV-Therapie als Langzeitbehandlung und Bestandteil eines umfassenden Gesundheitsmanagements einer chronischen Erkrankung werten. Der Erfolg ist besonders anschaulich anhand der weltweiten Todesf\u00e4lle zu sehen: Waren es 2004 noch etwa 2,1 Millionen Todesf\u00e4lle, sind es mittlerweile mit 700.000 nur noch ein Drittel davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer unermesslicher Erfolg der Medizin ist die anerkannte Tatsache, dass bei effektiver Therapie eine sexuelle \u00dcbertragung nicht mehr m\u00f6glich ist. Die Behandlung HIV-positiver Menschen bedeutet also gleichzeitig aktive Pr\u00e4vention f\u00fcr Sexualpartner*innen. Und auch von HIV-negativen Menschen eingenommene HIV-Medikamente verhindern Neuinfektionen. So bietet z.B. eine richtig durchgef\u00fchrte PrEP ebenfalls ausgezeichneten Schutz. Zus\u00e4tzlich zu den bew\u00e4hrten Schutzma\u00dfnahmen, wie das Verwenden eines Kondoms, sind also die wichtigsten medizinischen Werkzeuge zum hocheffizienten Verhindern von Infektionen bestens bekannt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gesellschaft: Menschen verbreiten HIV in der Welt<\/h3>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich war ein Zusammenspiel von unterschiedlichsten Faktoren notwendig, um HIV seinen heutigen Stellenwert zu erm\u00f6glichen. Und die essenziellen Faktoren basieren auf menschlichen, bzw. gesellschaftlichen Aspekten. <\/p>\n\n\n\n<p>HIV blieb anf\u00e4nglich lokal auf Gebiete im Kongo beschr\u00e4nkt. Eine zunehmende Verbreitung von HIV begann erst mit dem rasanten Anstieg der Bev\u00f6lkerung in der Hauptstadt Kinshasa. Politische Ver\u00e4nderungen im Land erm\u00f6glichten dann quasi den \u201einternationalen Durchbruch\u201c der HI-Viren: Im Jahr 1960 erlangte Kongo die Unabh\u00e4ngigkeit von Belgien. Dies f\u00fchrte zu einer Auswanderung der dort lebenden Menschen belgischer Herkunft und einer Einwanderung aus anderen Weltregionen, insbesondere aus Haiti. Bereits 1964 erreichte HIV \u00fcber diese Verbindung Haiti und mit st\u00e4rker werdendem Tourismus ein paar Jahre sp\u00e4ter die USA, wo die Erkrankung dann 1981 beschrieben wurde. Die seitdem erfolgte Globalisierung f\u00f6rdert naturgem\u00e4\u00df weiterhin die Verbreitung von allen Infektionserkrankungen, so auch von HIV. <\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich wurde die HIV-Pandemie also erst mit steigender Bev\u00f6lkerungsdichte, politischen Umbr\u00fcchen, vermehrter Zu- und Abwanderung sowie h\u00f6herer Mobilit\u00e4t m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gesellschaft: Menschen f\u00f6rdern aktiv Infektionen <\/h3>\n\n\n\n<p>Ein anderer Aspekt, der zur Verbreitung der Viren f\u00fchrt, ist der bestehende inad\u00e4quate Umgang der Gesellschaft mit manchen Bev\u00f6lkerungsgruppen. Damit Menschen von Pr\u00e4vention, Testung und Therapie auch profitieren k\u00f6nnen, ben\u00f6tigen sie z.B. ausreichenden Zugang zu Information und zu Angeboten des Gesundheitsbereichs. Allen Menschen, die in der Gesellschaft keinen gleichwertigen Status erleben, die diskriminiert und kriminalisiert werden, ist dieser ausreichende Zugang nicht gew\u00e4hrt. In direkter Konsequenz sind sie einem h\u00f6heren Risiko f\u00fcr eine HIV-Infektion ausgesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass HIV-Infektionen nicht verhindert werden und nicht alle Menschen mit HIV die lebensnotwendige Therapie erhalten, wird gro\u00dfteils ganz aktiv durch das gesellschaftliche Umfeld verursacht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Endeffekt muss man sagen, HIV h\u00e4tte durchaus gute Karten als Pandemie bestehen zu bleiben. Die heutigen M\u00f6glichkeiten in Diagnostik, medikament\u00f6ser Pr\u00e4vention und vor allem Therapie, k\u00f6nnen dem jedoch mehr als ausgezeichnet Paroli bieten. W\u00fcrden alle Erkenntnisse und bereits bestehenden Optionen bestm\u00f6glich und zur G\u00e4nze ausgesch\u00f6pft und eingesetzt werden, k\u00f6nnte man HIV tats\u00e4chlich vom Status einer Pandemie in eine individuelle Erkrankung zur\u00fcckdr\u00e4ngen und \u00fcber lange Sicht sogar eliminieren.<\/p>\n\n\n\n<p>w\u00fcrde\/h\u00e4tte\/k\u00f6nnte \u2013 die Wortwahl zeigt schon klar den Haken auf. Das Problem ist nicht das Virus oder die Forschung oder die Medizin, sondern letztlich wie so oft der Mensch und die Gesellschaft selber. Daher wird eine HIV-freie Welt leider noch l\u00e4nger eine reine Utopie bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>reale Vision oder Utopie? Seit mehreren Jahren gibt es im HIV-Bereich den Slogan \u201eTogether We Can End AIDS\u201c. Doch ist das tats\u00e4chlich m\u00f6glich? Immerhin gibt es bislang weder eine Heilung, noch eine Schutzimpfung. 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