{"id":1925,"date":"2022-06-03T00:15:00","date_gmt":"2022-06-02T22:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1925"},"modified":"2022-05-25T23:13:54","modified_gmt":"2022-05-25T21:13:54","slug":"zeit-zu-traeumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1925","title":{"rendered":"Zeit zu tr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unsere Utopien und Tr\u00e4ume verraten etwas \u00fcber unsere W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse. Daher ist es gut, wenn wir uns damit besch\u00e4ftigen.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Stellen wir uns folgende Geschichte vor: Eine Person kam zur Psychotherapie, weil sie ein Burn-out hatte. Die Person arbeitete zu viel und war auch sonst gestresst. Die Arbeit machte ihr wenig Spa\u00df, aber die Person traute sich nicht, Nein zu sagen. Auch in der Freizeit konnte sie sich nicht entspannen. Die Person war darauf bedacht, die W\u00fcnsche von anderen Menschen zu erf\u00fcllen. In der Therapie tat sie ebenfalls alles, um zu gefallen. Sie kam p\u00fcnktlich, war h\u00f6flich und zuvorkommend. Auf die Frage, warum sie diesen anstrengenden Job hat, erkl\u00e4rte die Person, sie habe ein bestimmtes Studium gew\u00e4hlt, weil die Eltern meinten, damit k\u00f6nne sie sp\u00e4ter viel Geld verdienen. Die Person bezeichnete sich weiters als queer, doch das sei ihr nicht so wichtig. Von der Regenbogenparade hielt sie nicht viel, weil dort zu viele \u201eschrille Menschen\u201c seien. Sie selbst sei auf der Suche nach einer stabilen und monogamen Partner*innenschaft. Als Grund nannte sie, dass auch ihre Geschwister verheiratet seien. Schon als Jugendliche habe sie gemerkt, dass sie queer sei. Sie habe sich daf\u00fcr gesch\u00e4mt. Sie f\u00fchlte sich damals alleine und wollte ihre Queerness verheimlichen. Sie tat alles, um nicht aufzufallen. In der Therapie ging es darum, dass die Person wieder einen Zugang zu den eigenen Gef\u00fchlen, W\u00fcnschen, Sehns\u00fcchten und Tr\u00e4umen fand. Das war nicht einfach. Denn schlie\u00dflich wollte sie es allen recht machen, um geliebt und anerkannt zu werden. Doch das war anstrengend und f\u00fchrte zum Burn-out.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mehr Lebensfreude<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Therapie verabschiedete sich die Person von fr\u00fcheren Glaubenss\u00e4tzen wie \u201eIch bin nicht so wichtig\u201c oder \u201eIch muss etwas leisten, um gemocht zu werden\u201c. Anfangs meinte die Person auf die Frage, was sie gerade f\u00fchle: \u201eDas wei\u00df ich nicht\u201c oder \u201eDa bin ich mir nicht sicher.\u201c Um sich dem eigenen Empfinden zu n\u00e4hern, probierte sie im Zuge der Therapie viel aus. Dabei fing sie bei kleinen Dingen an: Fr\u00fcher h\u00f6rte sie immer die gleiche Musik, nun lie\u00df sie sich auf Neues ein. Die Person entdeckte verschiedene Hobbys, lie\u00df sich inspirieren und wurde kreativ. Damit kam die Lebensfreude zur\u00fcck. Ver\u00e4nderungen gab es auch im Job. Sie ergriff die Initiative und fragte in der Firma, ob sie andere Aufgaben \u00fcbernehmen kann. Was ihre Eltern oder Geschwister \u00fcber sie dachten, war ihr nicht mehr so wichtig. Die Person erz\u00e4hlte ihnen nicht mehr alles und grenzte sich teilweise ab. Alte Freund*innen, die diesen Weg nicht mitgehen konnten, traf sie weniger. Gleichzeitig gewann sie neue Freund*innen. Sie besuchte queere Gruppen und entdeckte, wie bunt und vielf\u00e4ltiges queeres Leben sein kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Neue Rollen ausprobieren<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz zu fr\u00fcher freute sich die Person nun auf die Regenbogenparade. Sie liebte es, auf queeren Veranstaltungen in neue Rollen und Identit\u00e4ten zu schl\u00fcpfen. Eigentlich hatte sie schon in der Vergangenheit davon getr\u00e4umt, doch sie hatte sich f\u00fcr solche W\u00fcnsche gesch\u00e4mt und diese mit den Worten \u201edas geh\u00f6rt sich nicht\u201c abgewertet. Fr\u00fcher hatte die Person bei der Partner*innensuche ein genaues Bild, wie die andere Person auszusehen und zu sein hat. Meist ging es auch hier um gesellschaftlich vorgegebene Normen und Konventionen. Doch nun konnte sich die Person davon verabschieden und bei der Partner*innensuche mehr auf die eigenen Gef\u00fchle h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Psychotherapeut liebe ich das K\u00fcrzel LGBTIQA*. Damit wird deutlich, dass es neben der Heteronormativit\u00e4t ein breites Spektrum gibt. Und das * dient als Platzhalter f\u00fcr noch viel mehr. Menschen k\u00f6nnen lesbisch, schwul, bi, trans*, inter*, pan und viel mehr sein. Die Welt besteht nicht nur aus schwarz oder wei\u00df, es gibt nicht nur m\u00e4nnlich und weiblich, sondern viel mehr. Auch Beziehungsmodelle k\u00f6nnen vielf\u00e4ltig sein. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Gestaltung der Sexualit\u00e4t. Manche Menschen folgen immer dem gleichen Ablauf: Zwei Personen ziehen sich aus und stimulieren sich. Dann folgt der Geschlechtsverkehr und der Orgasmus  \u2013 und es ist vorbei. Doch es gibt unendlich viele Varianten, wie Menschen sich k\u00f6rperlich nahe sein k\u00f6nnen. Vielleicht ist es gerade Zeit f\u00fcr Neues, egal ob in der Sexualit\u00e4t, im Beruflichen oder im Privaten. Manche Queers sind oft angepasst, um von den Mehrheitsheteras\/os akzeptiert zu werden. Doch das Angepasst-Sein bringt nichts. Damit geht die Lebendigkeit verloren. In diesem Sinne halte ich es f\u00fcr wichtig, dass wir gemeinsam an queeren Utopien arbeiten  \u2013 dass wir gemeinsam mithelfen, dass die Welt bunter und vielf\u00e4ltiger wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Rebellische Seite entdecken <\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte hat gezeigt, dass queere Menschen oft rebellisch sind. Sie haben sich gegen gesellschaftliche Konventionen aufgelehnt und sind gemeinsam f\u00fcr ihre Interessen eingetreten. Ein gutes Beispiel ist der Stonewall-Aufstand. Auch in \u00d6sterreich gab es in der Vergangenheit rebellische Akte. So gingen 1982 beim traditionsreichen Neujahrskonzert im Wiener Musikvereinssaal zwei Personen nackt auf die B\u00fchne und forderten auf einem Transparent \u201eMenschenrechte f\u00fcr Schwule\u201c, was beim konservativen Wiener Establishment f\u00fcr Emp\u00f6rung sorgte. Im gleichen Jahr besetzten Queers an der Linken Wienzeile ein leerstehendes Haus. Daraus wurde die T\u00fcrkis Rosa Lila Villa, die aus dem Wiener Stadtbild nicht mehr wegzudenken ist. Manchmal frage ich mich, wo heute unsere rebellische Seite geblieben ist und ob wir zu angepasst sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben queeren Utopien auf gesellschaftlicher Ebene sollten wir auch auf unsere pers\u00f6nlichen Tr\u00e4ume nicht vergessen. Es gibt verschiedene Arten von Tr\u00e4umen, positive und negative. In diesem Artikel sind positive Tr\u00e4ume gemeint, die unsere W\u00fcnsche und Sehns\u00fcchte ausdr\u00fccken. Jede*r sollte immer wieder mal innehalten und sich fragen: Was brauche ich? Wohin m\u00f6chte ich mich bewegen? Wonach sehne ich mich? Oft gehen unsere Tr\u00e4ume im Alltagstrott unter. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass Menschen erst nach einer Krise, einer Krankheit oder einem Unfall begonnen haben, auf ihre pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnisse zu achten. Doch wir sollten nicht auf einen Schicksalsschlag oder eine Krankheit warten, um die eigenen Tr\u00e4ume zu verwirklichen. Wir haben nur dieses eine Leben. Und keiner wei\u00df, wie lange es dauern wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mit \u00c4ngsten umgehen <\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch psychische Erkrankungen k\u00f6nnen ein Weckruf sein, wie folgende Geschichte zeigt: Eine Person hatte so starke \u00c4ngste, dass sie Medikamente nehmen musste. In der Psychotherapie lernte sie, mit den \u00c4ngsten umzugehen. Dann stellte sich die Person die Frage, was ihr die Angst sagen m\u00f6chte. Die Antwort war, dass die Person wieder mehr auf die eigenen W\u00fcnsche achten soll. So erz\u00e4hlte die Person vom Traum, ganz weit weg zu fliegen und dort ohne Stress, ohne Terminkalender und ohne Sorgen einfach am Strand zu liegen und zu chillen. Das sei Freiheit, die sie im jetzigen Leben so sehr vermisse, sagte die Person. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen manche Tr\u00e4ume nicht sofort umgesetzt werden. Die Person beispielsweise hatte zu wenig Geld, um weit weg zu fliegen. In der Therapie ging es darum, wie die Person jetzt mehr Freiheit und stressfreie Zeiten erleben kann. Die Person begann, an jedem zweiten Wochenende im Kalender einen \u201eTag der Freiheit\u201c einzutragen. Dann nahm sie sich eine Auszeit. Sie schaltete das Handy ab, fuhr mit dem Fahrrad ins Gr\u00fcne oder entspannte auf der Donauinsel. F\u00fcr andere Personen bedeutet Freiheit, mit Freund*innen in eine queere Disco zu gehen und abzutanzen. Zur Vielf\u00e4ltigkeit und Buntheit passt folgender Pride-Spruch: \u201eWer immer nur schwarz-wei\u00df denkt, wird nie einen Regenbogen sehen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Utopien und Tr\u00e4ume verraten etwas \u00fcber unsere W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse. Daher ist es gut, wenn wir uns damit besch\u00e4ftigen. 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