{"id":1914,"date":"2022-06-03T00:12:00","date_gmt":"2022-06-02T22:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1914"},"modified":"2022-05-25T23:14:07","modified_gmt":"2022-05-25T21:14:07","slug":"pride-dystopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1914","title":{"rendered":"Pride Dystopie"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Oder ist eine Utopie m\u00f6glich\u2026?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Budapest, Ungarn, 2022. Die Pride ist eine immer beliebtere Veranstaltung mit immer mehr Teilnehmer-*innen und Programme. Dennoch st\u00f6\u00dft sie jedes Jahr auf ernsthaften Widerstand: Es gibt eine laute, von der Politik aufgehetzte Gruppe, die gegen die Pride protestieren. Bei der 27. Pride versuchen diese Leute alles M\u00f6gliche gegen sie zu tun, wie z.B. immer mehr m\u00f6gliche Routen bei der Polizei im Voraus zu buchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Politik, noch dazu mit ihrer Rhetorik und mit den in den letzten Jahren erlassenen Gesetzen, feuert diesen Widerstand noch weiter an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber wie hat das alles angefangen? Wo sind wir jetzt? Und ist unsere Lage wirklich so aussichtslos, wie sie erscheint? Ich habe Zsolt Vir\u00e1g danach gefragt; der Obmann vom Szimpozion Verein hat an der Pride von Anfang an teilgenommen, kurz als Organisator, aber auch als Teilnehmer. Der begeisterte Aktivist k\u00e4mpft seit 16 Jahren f\u00fcr die Sichtbarkeit von LGBTIQ* Menschen und ist daneben eine bedeutende Figur des schwulen kulturellen Lebens in Budapest.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lambda: Seit wann ist die Pride ein Teil deines Lebens?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe schon an dem ersten Ungarischen Schwulen und Lesbischen Filmfestival in 1993 teilgenommen. Aber die erste Pride wurde erst 1997 organisiert: ich bin seitdem immer dabei. Die Webseite unseres Vereins wurde 2006 gemacht: Bei der dazu geh\u00f6rigen Pressenkonferenz bin ich voll als schwul aufgetreten. Aber bis dahin habe ich die Pride nur im vollen Inkognito besucht: ein Kapperl und ein Fotoapparat, als ein Fotograf.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie war dieses erste Pride 1997? Nach den Zeitungsartikeln aus dieser Zeit ist der Marsch auff\u00e4llig schnell verlaufen.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war spannend. Es gab schon damals vor dem Marsch ein kleines Festival. Der Marsch selbst begann bei der Capella. (Ehemaliges, ber\u00fchmtes und kultiges schwules Lokal in Budapest.) Die ganze Veranstaltung hatte so eine amateurhafte Stimmung: wie eine Fete organisiert von einem Freundeskreis.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was f\u00fcr ein Gef\u00fchl war das f\u00fcr euch, auf die Stra\u00dfe zu gehen und unsere Gemeinschaft den Menschen offen zu zeigen?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grunds\u00e4tzlich erschreckend: Einerseits, weil ich mich wegen meiner Familie vor den Kameras versteckt gehalten habe, anderseits haben wir gar nicht gewusst, was passieren wird. Es war auch spannend, durch die wundersch\u00f6ne Innenstadt von Budapest so offen zu spazieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich ist nichts passiert: Die meisten haben uns nur so verst\u00e4ndnislos angesehen, und manche haben gewinkt oder gel\u00e4chelt. Aber grunds\u00e4tzlich hat niemand gewusst, was dort gerade gelaufen ist. Bei der ersten Pride gab es ca. 200-300 Teilnehmer*innen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Also man kann sagen, dass die Pride in der Anfangszeit eine gute Stimmung hatte?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, die ersten 10 Jahre sind prinzipiell ruhig vergangen. Nat\u00fcrlich gab es ein paar Gegner, aber sie und ihre kleinen komischen handgeschriebenen Aufschriften wie z.B.: \u201eSchwuchtel go home!\u201c konnten nicht ernst genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war aber ein gro\u00dfes Erlebnis, die Kraft der Gemeinschaft zu erfahren. Die Pride in Budapest war gegen die Prides im Ausland aber grau: Mit einem kleinen Budget war es schwierig etwas Spektakul\u00e4res zu machen. Wir haben versucht alles billig und einfach zu l\u00f6sen: Transparente gemalt auf alte Laken, Musik aus einem alten LKW, usw.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gegner haben sowieso immer damit argumentiert, dass wir anst\u00f6\u00dfig sind. Sie haben aber damals noch gar nicht gesehen was bei ausl\u00e4ndischen Prides vorkommt\u2026 Obwohl \u2013 davon wird es bunt und interessant.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Findest du es wichtig, dass das Pride spektakul\u00e4r ist?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Prinzipiell ist das nicht unser Ziel, sondern die Sichtbarkeit. F\u00fcr viele ist es eine perfekte Gelegenheit, sich zum ersten Mal in der \u00d6ffentlichkeit zu outen oder sogar mit seiner*m Partner*in Hand-in-Hand auf der Stra\u00dfe zu spazieren. F\u00fcr die Familie und Freunde ist es eine M\u00f6glichkeit ihre Unterst\u00fctzung auszudr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Teilnehmer*innen versuchen sich aber noch immer in die Gesellschaft einzuf\u00fcgen, weil sie noch immer Angst haben und die Unsichtbarkeit Sicherheit bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ist es dem politischen Umschwung in 2007\/2008 zu verdanken, dass sich alles zum Schlechteren gewendet hat?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2006, nach einem politischen Fiasko, ist die Gewalt auf den Stra\u00dfen freigekommen: Brandstiftung, Besch\u00e4digungen, Demos, Belagerung der Fernsehzentrale, usw. Danach wurde begonnen, die Pride bewusst und gut organisiert anzugreifen und aus den LGBTIQ* Menschen Feinde zu kreieren. Die Parade wurde mit Molotowcocktails und Rauchgranaten attackiert. Die Polizei war v\u00f6llig hilflos: Es gab nicht genug Sicherheitspersonal vor Ort, und sie konnte die Situation nicht beherrschen. Sie sind hin und her gelaufen, w\u00e4hrend sie versuchten, die Stra\u00dfenkreuzungen irgendwie zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben einander angefeuert, aber viele sind v\u00f6llig zusammengebrochen. Aber wenn wir fl\u00fcchten und heimlaufen, dann haben sie das Ziel erreicht, die Gemeinschaft zu versch\u00fcchtern. Wir waren nicht im Lebensgefahr: wir haben lieber die Verlegenheit gesp\u00fcrt, die Schreierei geh\u00f6rt und die Spuren gesehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Danach ist die \u201eZaun\/Gitter-Epoche\u201d mit heftigem Polizeieinsatz gekommen. Aber nicht die Vandalen sondern wir, die ruhigen Demonstranten*innen wurden \u201ehinter Gitter\u201d gesperrt. Wie weit hat das den Schwung der Pride und die Begeisterung der Leute gebrochen?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wirkung und Gegenwirkung, was f\u00fcr mich auch \u00fcberraschend war: Viele, die sich fr\u00fcher lieber versteckt haben, sind nun gerade mitmarschiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2009 ist die Reihe der Kordons aufgetaucht, und der Polizeischutz hat sich auch laufend entwickelt. Das hat aber noch immer nicht genug sicheren Abstand von den Gegnern bedeutet, die die Parade mit Pflastersteinen und Eier beworfen haben. Wir haben uns in diesem \u201eEierschauer\u201c so gef\u00fchlt wie Soldaten, die in die Schlacht marschieren. Eine Sache war sicher: wir d\u00fcrfen nicht stehen bleiben, also haben wir die Leute mit Regenschirmen vor den Eiern gesch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Angriffe sind sp\u00e4ter auch weitergegangen. Die Gegner konnten sich mehrmals trotz der Z\u00e4unen in die Menge einschleusen: damals gab es noch keine Einlasspunkte und keine Leibesvisitation. Der schlimmste Tiefpunkt war, als die zwei Gruppen voneinander mit zwei Reihen von Z\u00e4unen geteilt wurden. Die Gegner haben aber trotzdem geschrien, geschimpft, und das hat viele erschreckt. Die Geschlossenheit hat aber Sicherheit bedeutet. Es gab aber trotzdem Personen (egal ob heterosexuell oder nicht), die auf dem Heimweg angegriffen wurden, weil sie an der Pride teilgenommen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Polizei hat dagegen aber meistens nichts getan: weil sie nicht konnte oder gar nicht etwas tun wollte (versteckte Homophobie oder Opfertadeln).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu kam: wenn es eine*n auff\u00e4llige*n oder extreme*n Teilnehmer*in gab, hat die Presse diese Fotos sofort benutzt um die Pride zu kritisieren. Oder sie haben auch manchmal Fotos vom Ausland f\u00fcr solche Zwecke verwendet, um die Pride in einen \u00fcblen Ruf zu bringen und die Menschen irrezuf\u00fchren und ihre Meinungen zu beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Unterst\u00fctzung der Pride steigt aber trotz des politischen Drucks immer mehr.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist richtig: Die Leistung der Organisationsgruppe im Bereich von PR und Spende ist hervorragend. Die Gruppe entstand mit der Marke \u201eBudapest Pride\u201c 2009. Die Organisator*innen haben versucht immer zu lernen, sich zu entwickeln, und f\u00fcr die Aufgaben die richtige Personen zu finden. Heutzutage gibt es schon Arbeitsgruppen, die durch Weiterbildungen und ausl\u00e4ndische Reisen wichtige Erfahrungen sammeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daneben unterst\u00fctzt Budapest Pride die kleineren Gruppen auf dem Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Eskalation der Angriffe haben immer mehr B\u00fcrgerinitiativen und Privatpersonen bei der Arbeit geholfen, und tun es so bis heute! Die Teilnehmer*innenzahl ist damit auch stark gewachsen: Am Anfang waren es 3-4000 Teilnehmer*innen, sp\u00e4ter 10-15000, und bei der letzten Pride mehr als 30000.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wegen der immer st\u00e4rkeren politischen Propaganda schlie\u00dfen sich nicht nur die Betroffenen sondern immer mehr Unterst\u00fctzer*innen an.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Siehst du es also m\u00f6glich an, mit der steigenden Unterst\u00fctzung irgendwann das Niveau vom Westeuropa zu erreichen?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grunds\u00e4tzlich ist zu sagen: Die ungarische Politik von heute, die unser Leben und M\u00f6glichkeiten einfach verunm\u00f6glicht, hat eine gro\u00dfe Wirkung auf unsere Sichtbarkeit und immer mehr Leute diskutieren \u00fcber LGBTIQ*-Themen. Die Pride ist ebenso ein Punkt, \u00fcber den alle eine feste Meinung haben: entweder pro oder contra. Deswegen ist es wichtig, dass die Pride ein konkretes Ziel und Aussage hat: So hat die Pride jedes Jahr ein klares Motto.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Ausland ist die Pride ein wahres Fest. In Ungarn marschieren die Teilnehmer*innen mit voller Spannung. Wir m\u00fcssen uns bem\u00fchen, eine ertr\u00e4glichere und tolerante Welt zu schaffen, die diese Spannung l\u00f6st und beweist: Wir haben auch das Recht in unserer Heimat als gleichwertige Staatsb\u00fcrger*innen zu leben. Aber es gibt noch Hoffnung und niemand ist allein!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder ist eine Utopie m\u00f6glich\u2026? Budapest, Ungarn, 2022. Die Pride ist eine immer beliebtere Veranstaltung mit immer mehr Teilnehmer-*innen und Programme. Dennoch st\u00f6\u00dft sie jedes Jahr auf ernsthaften Widerstand: Es gibt eine laute, von der Politik aufgehetzte Gruppe, die gegen die Pride protestieren. Bei der 27. 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