{"id":1904,"date":"2022-06-03T00:09:00","date_gmt":"2022-06-02T22:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1904"},"modified":"2022-05-25T23:14:20","modified_gmt":"2022-05-25T21:14:20","slug":"hearst-de-san-jo-goar-net-nackat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1904","title":{"rendered":"\u201eHearst, de san jo goar net nackat!\u201d"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Happy, what else?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Dieser Spruch schallt bei der Pride 2021 von der Urania r\u00fcber. Die Erwartungshaltungen zur Pride sind wohl sehr unterschiedlich. Ja, es waren schlichte Zaung\u00e4ste (endo cis hetero vanilla), die aber einen extra Stopp eingelegt haben, um sich das Treiben anzusehen. Wohl eher von der freundlichen Sorte, wie ich erst viel sp\u00e4ter erfahren sollte. Die Zahl an \u00dcbergriffen rund um die Pride habe letztes Jahr, so die Ger\u00fcchte, einen traurigen Rekord erreicht. Auch, weil mehr gemeldet wird. Und dann war da noch die queerphobe Gegenaktion bei der Abschlussveranstaltung der Pride am Rathausplatz. Dabei ist es f\u00fcr manche jedes Jahr aufs Neue keine leichte Entscheidung ob inkognito oder out auf die Pride, wenn \u00fcberhaupt. Denn eines ist klar: Wenn die Musik aus ist und der Prosecco ausgetrunken ist, kehrt sp\u00e4testens am Montag der Alltag wieder ein. Der ist dann f\u00fcr manche gar nicht mehr \u201ehappy\u201c. Manche hoffen dann in der Menge unter gegangen zu sein, nicht erkannt worden zu sein. Nat\u00fcrlich kommt es darauf an, wie sehr hen aus sich rausgegangen ist und sich gezeigt hat. Achtung: K\u00fcssen verboten! Ein Outing kann auch heute noch gro\u00dfe Probleme machen. Denn: \u201e\u2026 eine Trennung von Privatem und Arbeit hat es nie gegeben. \u2026 Privates wird in der Arbeit st\u00e4ndig zur Schau gestellt.\u201c (Sch\u00f6nherr 2021) Wieso sollte es bei LGBTIQ* anders sein? Ist doch nichts dabei, oder? \u2026 Denkste!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Happy? Erwartungen.<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Revolution hat sich von der Pride wohl niemand erwartet. Es geht um Widerstand. Ein Zeichen zu setzen, Pr\u00e4senz zu zeigen. Allerdings ist das f\u00fcr Individuen ein extrem harter Knochen. Und so lag die Hoffnung doch darin gemeinsam etwas zu bewegen. Dann kam das Pride Village, die Party. Was es da wirklich zu feiern galt, war f\u00fcr manch eine*n nicht ganz klar. F\u00fcr jene, die fr\u00fch aufstehen, einen Wagen organisieren, den Aufbau und danach den Abbau durchf\u00fchren und dann noch sechs Stunden mitlaufen und aufpassen, dass niemand \u00fcberfahren wird, ist das ohnehin ein Luxus, welcher gern gegen Schlaf getauscht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n und gut. Jetzt sind wir da und wurden vereinnahmt. Viele kleben sich inzwischen ein Regenbogen-Smiley auf die Brust und treten hintenrum dem Regenbogen in den Arsch. Mit Smiley ist es doch nicht so schlimm, oder? Es ist reines Kalk\u00fcl. Die Pride ist ein Wirtschaftsfaktor, sorgt vielleicht gerade nach Corona f\u00fcr h\u00f6here Buchungszahlen in den Hotels, in der Gastronomie und bei Veranstaltungen. Stichwort: Umwegrentabilit\u00e4t. Mit einem Regenbogen k\u00f6nnen ja auch zahlungskr\u00e4ftige Leute erreicht werden, die sonst nicht erreichbar sind. Da m\u00fcssten sonst ja eigene (Macht)\u00adStrukturen und Haltungen ge\u00e4ndert werden. Als Kund\u00ad*innen schon seit den 90ern willkommen. \u201eFraming\u201c war damals Zauberwort in der Werbung, also Zielgruppenwerbung. Es mussten ja neue K\u00e4ufer*innenschichten f\u00fcr das Wachstum erschlossen werden. Was besser als DINK\u2019s (Double Income No Kids). Dass die auch heiraten w\u00fcrden und Kinder haben wollen, konnte damals ja niemand ahnen. Und als Mitarbeiter*innen? Hey, es geht um F\u00f6rderkriterien. Vergabe nur an \u201ediverse\u201c, sprich inklusive Unternehmen. In \u00d6sterreich wohl (noch) nicht. Aber: Am liebsten junge kreative High-Potentials f\u00fcr die \u201eDiversit\u00e4t\u201c: \u201eyoung white males (m\/w\/x) preferred?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Happy? Gegenwind!<\/h3>\n\n\n\n<p>Nicht erst seit dem 24.Februar 2022 ist offensichtlich, was vollkommen durchgeknallte nicht mehr so ganz taufrische M\u00e4nner so anrichten k\u00f6nnen. Gegenwind gibt es aber schon sehr lange (Faludi 1991). Auch davor, was die B\u00fcrgerrechtsbewegung betrifft. Manchmal ist es auch nur ein laues kaum bemerkbares L\u00fcftchen wie Corona, welches \u00fcberkommene tradierte Muster, Rollen, Zuordnungen und Zuschreibungen reetabliert. Und immer wieder wird die enharmonische Verwechslung von Kultur und Natur gespielt (Stock 2022). Als ob es die gleiche Klaviatur w\u00e4re. Nein, es gibt keinen nat\u00fcrlichen Unterschied zwischen weiblichen und m\u00e4nnlichen Gehirnen (Rippon 2019). Es gibt auch keine nat\u00fcrliche Geschlechterbinarit\u00e4t bei Menschen. Den zentralen Ansto\u00df die Binarit\u00e4t zu revidieren gab die feministische Wissenschaftskritik und die daraus folgende Forschung (u.a. Fausto-Sterling 1985, s.a. Vo\u00df 2010). Besonders auff\u00e4llig sind die Unsch\u00e4rfen in den Argumentationen auf allen Seiten (Schwarzer, Louis 2022), die Zitierung von fachlichen Teilwahrheiten, die hohe Emotionalisierung internationaler Debatten zum Beispiel zum Selbstbestimmungsrecht von Trans, Inter und Non Binary (Amelung 2022). Dabei geht es gar nicht um Argumente, wie eine ganz frische Studie zeigt. Menschen mit Sonderrechten (Privilegien) diskriminieren andere, auch wenn sie sich selbst, ihrem Unternehmen, ihrer Institution und der Gesellschaft damit schaden, um die eigene Position mit den Sonderrechten zu behaupten. (Brown, et al. Mai 2022) Dem Gegenwind ist mit Argumenten also nicht beizukommen (Was seit Trump Allgemeinwissen ist, Stichwort: Fake News). Dennoch nochmal \u00fcberspitzt formuliert: Es ist schon lange bekannt, dass eine biologische Rollenzuschreibung jeglicher Art in keiner Weise haltbar ist: \u201e\u2026es kommt niemand mit der F\u00e4higkeit zur Welt, Klos zu putzen oder Fl\u00e4schchen zu sterilisieren\u201c (Penny 2022). Es handelt sich dabei um erlernte F\u00e4higkeiten\/Unf\u00e4higkeiten. Wir schaffen die Dualit\u00e4t Binarit\u00e4t selber und erheben sie zur allgemeinen Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Happy? Soziale Realit\u00e4ten<\/h3>\n\n\n\n<p>Laurie Penny schreibt in ihrer Einleitung zur sexuellen Revolution (2022): \u201eDie meisten Frauen und die meisten LGBTQ jeglichen Genders k\u00f6nnen sich sexuelle Befreiung nicht leisten \u2013 Weil es sie nach wie vor teuer zu stehen kommt, wenn sie ihr Begehren auch nur aussprechen\u201c. Damit schlie\u00dfe ich den Kreis um das, was es bei der Pride zu feiern g\u00e4be, dem Thema Outing und dem st\u00e4rker werdenden Gegenwind.<\/p>\n\n\n\n<p>Real ist, dass wir uns viele Leistungen, welche heteronormativen Menschen automatisch zustehen oder f\u00fcr die sie scheinbar keinen Bedarf haben, gesondert kaufen m\u00fcssen. (vgl. Brown, et. al 2022: If you rise, I fall) Das betrifft sowohl medizinische Leistungen (Reproduktionsmedizin, Geschlechtsangleichungen, (Psycho)-Therapeutische Hilfe, erh\u00f6hter Informations- und Pflegeaufwand, spezielle Medikamente (STI)) als auch Dienstleistungen (Ausschlusskriterien, Stichwort: levelling up), Konsumg\u00fcter und Schutz bzw. Sicherheit. \u201eAnderssein\u201c kann sehr teuer und lebensgef\u00e4hrlich werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Real ist auch, dass den meisten Frauen und LGBTIQ die M\u00f6glichkeit genommen ist, f\u00fcr diese Sonderleistungen, welche die Gesellschaft teilweise fordert (Versorgungspflichten, Behandlungsrichtlinien und sonstige Vorschriften), ein entsprechendes Einkommen zu erzielen. Autonomie steht f\u00fcr die meisten allein auf dem Papier. \u201eIn den meisten Demokratien steht es den meisten von uns vom Gesetz her frei, zu lieben, wen wir lieben wollen, zu leben, wie wir leben wollen, und unserer Lust zu fr\u00f6nen \u2013 allerdings nur so wie es auch den meisten von uns freisteht, einen Maserati, eine Villa oder eine Wahl zu kaufen.\u201c (Penny 2022)<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Happy Utopien<\/h3>\n\n\n\n<p>Argumente jeglicher Art greifen nicht. Masse tut es auch nicht, wie bei der Occupy Bewegung mit dem Slogan \u201eWe are the 99 percent\u201c klar wurde. Es braucht wohl eine neue wertsch\u00e4tzende Konsenskultur (Brown 2020: We will not Cancel us). Im Intimen mit der eindeutigen Zustimmung beider und im \u00f6ffentlichen mit einer Anh\u00f6rung aller Stimmen und einer gegenhierarchischen oder gegenhegemonialen Gewichtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind eigentlich keine Utopien im strengen Sinn, eher unrealistische W\u00fcnsche. Ein zentraler Punkt ist mehr Gemeinsamkeit, da die Interessen doch sehr unterschiedlich sind und jede Gruppe ihr spezifisches Zielpublikum hat. Dabei w\u00e4re auch eine st\u00e4rker politische Botschaft, sozusagen ein Auftrag oder eine Message, welche von allen Gruppen getragen wird, erforderlich um die Verh\u00e4ltnisse ein wenig zu drehen. Das w\u00fcrde wahrscheinlich einen l\u00e4ngeren Prozess mit breiterer Beteiligung implizieren, in dem der jeweilige Schwerpunkt oder das gemeinsame \u201eMotto\u201c diskursiv rausgesch\u00e4lt wird. Dabei sollten auch Gruppen eingebunden werden, die aus Mangel an Ressourcen nicht so leicht gleichwertig an der Pride teilnehmen k\u00f6nnen (Frauengruppen, Migrant*innen, Trans, Inter, PoC, Sexworkers). Dies w\u00fcrde eventuell eine kollektive Finanzierung im Sinne eines aktiven Ausgleichs ben\u00f6tigen. Ich will nicht unterstellen, dass dies nicht bereits geschieht, aber manche NGOs und Gruppen z\u00f6gern immer noch mit einer Teilnahme. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Rahmung der Pride von einer einzigen Demonstration mit umschlie\u00dfender Party um einen breit angelegten Diskurs kann die LGBTIQ-Community nur st\u00e4rken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Happy, what else? Dieser Spruch schallt bei der Pride 2021 von der Urania r\u00fcber. Die Erwartungshaltungen zur Pride sind wohl sehr unterschiedlich. Ja, es waren schlichte Zaung\u00e4ste (endo cis hetero vanilla), die aber einen extra Stopp eingelegt haben, um sich das Treiben anzusehen. 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