{"id":1831,"date":"2022-03-04T00:22:00","date_gmt":"2022-03-03T23:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1831"},"modified":"2022-03-03T00:13:55","modified_gmt":"2022-03-02T23:13:55","slug":"das-blutspendeverbot-toetet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1831","title":{"rendered":"Das Blutspende\u00adverbot t\u00f6tet"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Rote Kreuz h\u00e4lt daran fest. M\u00fcckstein tut nichts.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Zuerst einmal zwei unangenehme Wahrheiten: Erstens ist Ungleichbehandlung nicht automatisch Diskriminierung, sondern erst, wenn sie sachlich ungerechtfertigt ist. Und zweitens ist HIV\/AIDS nach wie vor ein Problem, das schwule und bisexuelle M\u00e4nner h\u00e4ufiger betrifft als an\u00addere. Nicht global, aber in West- und Mitteleuropa. Hier in \u00d6sterreich sind immer noch gut die H\u00e4lfte der Neuinfektionen bei M\u00e4nnern, die Sex mit M\u00e4nnern haben (also MSM, wie es in der HIV-Pr\u00e4ventionsarbeit hei\u00dft).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Tatsache ist der Grund, weshalb MSM in \u00d6sterreich nach wie vor verboten wird, Blut zu spenden. Und dabei gibt es noch ein zweites Problem: Zwar werden nat\u00fcrlich alle Blutspenden auf HIV getestet, aber es gibt ein sogenanntes \u201ediagnostisches Fenster\u201c, in dem im gespendeten Blut die bereits darin vorhandene HI-Viren noch nicht entdeckt werden k\u00f6nnen. So viel zum Problem \u2013 denn dass die Sicherheit von Blutspenden, die ja gerade Kranken zugutekommen, an erster Stelle stehen muss, ist selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Blutspendeverbot sch\u00fctzt nicht, wie es soll<\/h3>\n\n\n\n<p>Nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, mit welchen Mitteln diese Sicherheit erreicht werden soll. Denn das pauschale Blutspendeverbot f\u00fcr M\u00e4nner, die in den letzten 12 Monaten (ja, es ist nicht mehr lebenslang) Sex mit einem Mann hatten, ist daf\u00fcr nicht besonders wirksam, sondern geradezu sch\u00e4dlich. Denn es fragt nur pauschal nach dem Geschlecht des oder der Sexualpartner*innen. Ein Faktum, das alleine noch \u00fcberhaupt kein Risiko darstellt. Was das Risiko darstellt, ist das konkrete Sexualverhalten. Das wird aber nicht erfragt. Das bedeutet: Ein Schwuler, der ausschlie\u00dflich mit seinem Partner Sex hat und beide sind HIV-negativ, darf kein Blut spenden. Ein Hetero-Mann, der an drei Tagen mit drei verschiedenen Frauen ohne Kondom schl\u00e4ft, darf am vierten Tag Blut spenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht nur absurd, sondern gerade f\u00fcr die Sicherheit der Blutspenden ein Problem. Denn so k\u00f6nnen diese erst recht kontaminiert werden, weil die richtigen Fragen nicht gestellt werden. Fragen wie: Wie viele Sexualkontakte hatte man im letzten Monat vor der Blutspende? Wurden dabei immer Kondome verwendet? Das f\u00fchrt dazu, dass das Ziel, f\u00fcr das es die Ungleichbehandlung gibt, nicht erreicht wird. Und genau hier wird aus der Ungleichbehandlung eine Diskriminierung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Blutspendeverbot diskriminiert<\/h3>\n\n\n\n<p>Diskriminierung, die durchaus Folgen hat. Da ist einerseits das m\u00f6gliche unfreiwillige Outing, wenn etwa die Firma oder bei Wehrpflichtigen das Bundesheer einen Blutspendetag organisieren. Klar ist es w\u00fcnschenswert, dass wir alle offen zu unserer sexuellen Orientierung stehen \u2013 aber diese Entscheidung muss jeder in seinem eigenen Tempo treffen k\u00f6nnen. Es ist auch nicht jede Umgebung eine solche, in der man das ohne weitere Diskriminierung danach tun k\u00f6nnte. Es hat einen Grund, dass je nach Befragung gut die H\u00e4lfte der LGBTIQ-Arbeitnehmer*innen eben nicht offen lebt. In einer Situation wie dem Bundesheer, wo man als Pr\u00e4senzdiener schlimmstenfalls auch nicht k\u00fcndigen kann, ist dieses Problem nochmal versch\u00e4rft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommen die Vorteile der Blutspende, die das Rote Kreuz selbst bewirbt: Man bekommt damit einen kleinen Gesundheitscheck, denn \u201edas Blut wird auf Hepatitis oder andere Infektionskrankheiten untersucht. Zudem bestimmen wir kostenlos die Blutgruppe und den Rhesusfaktor\u201c, wie es auf dessen Website hei\u00dft. Vor allem die sonst privat zu bezahlende Bestimmung von Blutgruppe und Rhesusfaktor, die dann auf dem Blutspendeausweis eingetragen wird, kann in einem Notfall Leben retten. Darum fallen MSM, die sich das nicht selbst leisten k\u00f6nnen, also um.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Blutspendeverbot t\u00f6tet<\/h3>\n\n\n\n<p>Oder auch darum, selbst lebensrettende Blutspenden zu bekommen, wie es letztes Jahr einem Covid-Patienten passiert ist. Er musste intensivmedizinisch betreut werden und h\u00e4tte eine Blutplasma-Infusion von jemandem gebraucht, der selbst bereits die Corona-Infektion hinter sich und damit die Antik\u00f6rper aufgebaut hatte. Dieser jemand h\u00e4tte sein Lebensgef\u00e4hrte sein k\u00f6nnen. Doch weil die beiden als M\u00e4nner zusammenleben, durfte dieser kein Plasma f\u00fcr seinen eigenen Partner spenden. Der Patient verstarb. Weil der Mensch, der ihn retten h\u00e4tte k\u00f6nnen, ihn nicht retten durfte. Weil er schwul ist. Das ist nicht nur eine menschliche Trag\u00f6die, sondern zeigt auch in aller Brutalit\u00e4t, was f\u00fcr eine Farce die Behauptung ist, es ginge beim Blutspendeverbot um Menschenleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall wurde \u00fcbrigens bekannt, weil der Lebensgef\u00e4hrte des Toten bei Raiffeisen arbeitet, die infolgedessen gemeinsam mit anderen Unternehmen wie der Telekom Austria, Accenture, Ikea, Microsoft und PWC-\u00d6sterreich eine Initiative f\u00fcr ein Ende der Diskriminierung bei der Blutspende gestartet und eine entsprechende Petition an Gesundheitsminister M\u00fcckstein \u00fcbergeben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn bei diesem liegt die Verantwortung: Das Blutspende-Verbot ist rechtlich in der Blutspendeverordnung festgelegt. Und eine Verordnung ist kein Gesetz, sondern kann vom zust\u00e4ndigen Ministerium alleine ge\u00e4ndert werden. Der gr\u00fcne Minister muss also hier nicht auf die \u00d6VP f\u00fcr die n\u00f6tige Mehrheit im Parlament warten. Er k\u00f6nnte es einfach tun.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens ist der politische Widerstand ohnehin \u00fcberschaubar, wenn das nicht schon klar war, als die nicht gerade als rote Vorfeldorganisation bekannte Raiffeisen sich f\u00fcr ein Ende der Diskriminierung ausgesprochen hat: Als sich letztes Jahr der zust\u00e4ndige Ausschuss des Nationalrats mit dem Thema besch\u00e4ftigt und Expert*innen dazu eingeladen hat, war jener des Roten Kreuzes der einzige(!), der sich f\u00fcr eine Beibehaltung des Blutspendeverbots ausgesprochen hat. Aber da das Rote Kreuz bekanntlich nicht das Gesundheitsministerium ist und bei dessen Verordnungen kein Veto-Recht hat, kann man dessen Widerstand als Minister auch ignorieren. Man k\u00f6nnte auch meinen: Angesichts von Toten muss er das.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Blutspendeverbot wird in immer mehr L\u00e4ndern abgeschafft<\/h3>\n\n\n\n<p>Ganz davon abgesehen, dass die Diskussion in \u00d6sterreich so gef\u00fchrt wird, als m\u00fcssten wir hier v\u00f6llig unbekannte Risiken eingehen und das Rad neu erfinden. Dabei d\u00fcrfen MSM bereits in Deutschland, Italien, Israel, Spanien, Gro\u00dfbritannien, Brasilien und selbst in Orbans Ungarn Blut spenden \u2013 und aus keinem dieser L\u00e4nder w\u00e4re eine pl\u00f6tzlich auftretende Welle an HIV-Infektionen bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammengefasst: Die Intention des Blutspendeverbots mag urspr\u00fcnglich verst\u00e4ndlich gewesen sein, aber heute wissen wir, dass es seinen Zweck nicht erf\u00fcllt. Viel schlimmer noch, es gef\u00e4hrdet schwule und bisexuelle M\u00e4nner an Leib und Leben. Dabei kann man die n\u00f6tige Sicherheit, wie internationale Erfahrungen zeigen, auch anders erreichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es scheitert nur an M\u00fcckstein und dem Roten Kreuz, das nicht will, das wir Blut spenden k\u00f6nnen. Ich nehme sie beim Wort und werde ihnen auch sonst nichts spenden. Aber die wirkliche Verantwortung liegt beim Gesundheitsminister. Er kann es bei Bedarf im Alleingang \u00e4ndern. Das k\u00f6nnen wir als Community von einem gr\u00fcnen Minister verlangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Rote Kreuz h\u00e4lt daran fest. M\u00fcckstein tut nichts. Zuerst einmal zwei unangenehme Wahrheiten: Erstens ist Ungleichbehandlung nicht automatisch Diskriminierung, sondern erst, wenn sie sachlich ungerechtfertigt ist. Und zweitens ist HIV\/AIDS nach wie vor ein Problem, das schwule und bisexuelle M\u00e4nner h\u00e4ufiger betrifft als an\u00addere. Nicht global, aber in West- und Mitteleuropa. 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