{"id":1669,"date":"2021-12-03T01:20:10","date_gmt":"2021-12-03T00:20:10","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1669"},"modified":"2021-12-03T01:22:10","modified_gmt":"2021-12-03T00:22:10","slug":"das-psychisch-labile-geschlecht-und-ein-bisschen-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1669","title":{"rendered":"Das \u201epsychisch labile Geschlecht\u201c und ein bisschen Corona"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Unsere psychische Gesundheit ist \u201edank\u201c der weltweiten COVID-19-Pandemie aktuell in aller Munde. Man gewinnt sogar den Eindruck, als w\u00fcrden wir alle endlich anerkennen, dass wir trotz guter k\u00f6rperlicher Gesundheit psychisch erkranken k\u00f6nnen \u2013 sogar teilweise sehr schwer \u2013 und dass diese Erkrankungen weder Einzelf\u00e4lle sind, noch deren g\u00e4nzliche Verhinderung in der Macht des Einzelnen steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Auseinandersetzung mit dem Thema psychische Gesundheit darf nicht an der Oberfl\u00e4che bleiben, um nachhaltig positive Ver\u00e4nderungen zu bewirken. Genau das passiert aber zwangsl\u00e4ufig, wenn wir nur die aktuelle Situation in unsere Betrachtungen miteinbeziehen. Denn sch\u00e4dliche Einfl\u00fcsse auf unsere psychische Gesundheit gab es schon vor dieser Pandemie zur Gen\u00fcge und sie werden auch danach nicht einfach verschwinden. Dass Frauen besonders von den negativen Auswirkungen der Pandemie betroffen sind, darf als gesichert gelten. Sie machen den Gro\u00dfteil der viel gelobten Systemerhalter*innen aus, also jene Personen, die in systemrelevanten Berufen, wie z.B. im Lebensmitteleinzelhandel, in Krankenh\u00e4usern oder in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, arbeiten. Systemerhalter*innen waren und sind nicht nur einem erh\u00f6hten Infektionsrisiko, sondern vor allem enormen psychischen Belastungen ausgesetzt. Doch um die psychische Gesundheit von Frauen war es schon vor COVID-19 schlechter bestellt, als um jene von M\u00e4nnern. Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angstst\u00f6rungen werden bei Frauen h\u00e4ufiger diagnostiziert als bei M\u00e4nnern. Ist am Mythos des \u201epsychisch instabileren Geschlechts\u201c also vielleicht doch etwas Wahres dran?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was uns psychisch krank macht<\/h3>\n\n\n\n<p>Die World Health Organisation (WHO) beschreibt psychische Gesundheit als einen Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre F\u00e4higkeiten aussch\u00f6pfen, die normalen Lebensbelastungen bew\u00e4ltigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann. Das ist keineswegs ironisch gemeint, kann aber mit Blick auf die Lebensrealit\u00e4t vieler Frauen w\u00e4hrend dieser Pandemie fast schon zynisch anmuten. Auch ein Blick auf das bio-psycho-soziale Modell, jenes Modell, welches h\u00e4ufig zur Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Entstehung von psychischen Erkrankungen herangezogen wird, l\u00e4sst schnell erahnen, was psychisch krank macht: Es zeigt, dass es f\u00fcr unsere psychische Gesundheit einen Unterschied macht, wo wir wie, wann und mit wem aufwachsen und leben, welche finanziellen Mittel uns zeitlebens zur Verf\u00fcgung stehen, welchen Zugang wir zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen haben und vieles mehr. Soweit so klar, aber was bedeutet das nun f\u00fcr Frauen?<\/p>\n\n\n\n<p>Kann uns ein Popsong aus den 90ern dazu die Antwort liefern? Einen Versuch ist es zumindest wert, weil diese Verbindung uns wahrscheinlich ob ihrer Ungew\u00f6hnlichkeit in Erinnerung bleiben wird. \u201cBITCH\u201d von Meredith Brooks, ein Song, der mit seinem eing\u00e4ngigen Refrain gut zu den vielf\u00e4ltigen Rollenanforderungen an Frauen passt: \u201cI\u2019m a bitch, I\u2019m a lover, I\u2019m a child, I\u2019m a mother, I\u2019m a sinner, I\u2019m a saint\u201d, welchen man an dieser Stelle mit \u201cI\u2019m a cook, I\u2019m a nurse, I\u2019m a teacher and a housekeeper\u201d weiterf\u00fchren k\u00f6nnte. Die Positionen, die uns als Frauen von der Gesellschaft selbstverst\u00e4ndlich zugeschrieben werden, w\u00fcrden f\u00fcr einen sehr langen Refrain ausreichen. Vielleicht ein am\u00fcsantes Partyspiel. Fakt ist aber schlicht, dass sich hinter den geschlechtsspezifischen Unterschieden in Bezug auf die psychische Gesundheit h\u00e4ufig krankmachende Lebensrealit\u00e4ten, also soziale Umst\u00e4nde, von Frauen verbergen. Frauen mit schlechteren Bildungs- und \u00f6konomischen Voraussetzungen sind davon besonders betroffen, ebenso alleinerziehende M\u00fctter sowie Migrantinnen. Um auf \u201cBITCH\u201d zur\u00fcckzukommen: Wir k\u00f6nnen also versuchen, all diesen Rollenanforderungen zu entsprechen. Unserer psychischen Gesundheit wird es nicht zutr\u00e4glich sein. Das hat die Pandemie durch die zus\u00e4tzliche Anforderung des Home-Schooling (I\u2019m a teacher) oder die \u00dcbernahme der intensiven Pflege f\u00fcr Angeh\u00f6rige (I\u2019m a nurse) eindr\u00fccklich bewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frauen sind also aufgrund von sozialen Umst\u00e4nden h\u00e4ufiger von psychischen Erkrankungen betroffen \u2013 w\u00e4hrend einer weltweiten Pandemie gilt das noch mehr. Das ist eigentlich schlimm genug, aber noch d\u00fcsterer wird es, wenn Faktoren wie die sexuelle Orientierung noch als zus\u00e4tzliche Faktoren ins Spiel kommen. In den Forschungsergebnissen aktueller Studien unter lesbisch, schwulen und bisexuellen Personen finden sich durch die Bank erh\u00f6hte Raten an psychischen Erkrankungen oder Symptomen im Vergleich zu heterosexuellen Personen. Transidente Personen stehen oft vor nochmals ganz besonderen Herausforderungen in diesem Bereich. Eine aktuelle Studie aus Deutschland (DIW Berlin, Kasprowsky und Kolleg*innen) f\u00fchrt an, dass bei 26 Prozent der befragten LGBTIQ-Menschen schon einmal eine depressive Erkrankung diagnostiziert wurde, im Vergleich zu knapp zehn Prozent bei den cis-heterosexuellen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verzerrtes Selbstbild<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch hier ist die Ursache in den sozialen Umst\u00e4nden zu suchen. Die noch immer rigiden Geschlechternormen und ihre negativen Auswirkungen wie Mobbing, Gewalterfahrungen, Angst vor Ausgrenzung und vieles mehr tragen absolut nichts Positives zu unserer psychischen Gesundheit bei. Aber nicht immer ist das f\u00fcr uns auch klar erkennbar. Besonders perfide ist n\u00e4mlich, dass diese sozialen Umst\u00e4nde nicht nur von au\u00dfen auf uns einwirken. Gesellschaftliche Vorurteile werden bereits in uns wirksam noch bevor wir selbst einer stigmatisierten Gruppe angeh\u00f6ren. Wir lernen im Laufe unseres Aufwachsens nicht nur welche positiven und negativen Rollenzuschreibungen es in unserer Gesellschaft an das Mann- bzw. Frausein gibt und wenden diese Schemata auf uns selbst an. Wir lernen auch unwillentlich welche negativen gesellschaftlichen Einstellungen gegen\u00fcber Homosexualit\u00e4t vorherrschen und akzeptieren diese h\u00e4ufig. Das hei\u00dft, all diese negativen Bilder wenden wir automatisch auf uns selbst an, sobald wir vermuten, dass unsere eigene sexuelle Orientierung von der Mehrheit abweicht \u2013 mit betr\u00e4chtlichen negativen Auswirkungen auf unsere Gesundheit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Jede ihres Gl\u00fcckes Schmiedin?<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein einseitiges Aufzeigen von psychischen Problemen, ohne den sozialen Kontext zu betrachten und zu diskutieren, ist, egal bei welcher Personengruppe, nicht nur nicht hilfreich, sondern kann auch zu einer falschen Pathologisierung f\u00fchren. Es gibt Merkmale einer Person, die unabh\u00e4ngig von den sozialen Umst\u00e4nden zu einer psychischen Erkrankung f\u00fchren k\u00f6nnen. Aber all zu oft sind es gesellschaftliche Rollenbilder, die ungleiche Verteilung von Ressourcen und die gesellschaftliche Inakzeptanz des Abweichens, die uns krankmachen. Und auch wenn gesellschaftliche Rollenbilder und Vorurteile in uns selbst wirksam werden, so muss doch eines klar sein: Wir k\u00f6nnen und d\u00fcrfen die Verantwortung f\u00fcr die psychische Gesundheit nicht zur G\u00e4nze an das Individuum auslagern. Wir k\u00f6nnen und sollten als Individuen viel f\u00fcr unsere eigene psychische Gesundheit tun. Aber wir k\u00f6nnen es uns nicht alleine richten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, Risikofaktoren f\u00fcr psychische Gesundheit zu identifizieren, klar zu benennen und zu verringern. Selbst im kleinen, abgeschlossen Rahmen einer therapeutischen Sitzung ist es nicht so, dass gesamtgesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge keine Rolle spielen w\u00fcrden. Krankmachende Faktoren zu identifizieren, Zusammenh\u00e4nge aufzuzeigen und pers\u00f6nliche Grenzen zu erkennen, ist wichtig f\u00fcr den individuellen Genesungsprozess und geh\u00f6rt zum psychotherapeutischen Handwerkszeug dazu. Dabei geht es niemals darum, eine Opferhaltung einzunehmen, sondern darum, die Verantwortung dort zu verorten, wo sie liegt. Wir suchen uns unser Geschlecht nicht aus, wir haben keinen Einfluss auf unsere sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t, aber wir alle gestalten mit unseren Haltungen und Handlungen die Gesellschaft mit. Ein Bewusstsein daf\u00fcr zu entwickeln, was uns psychisch krankmacht und was unsere psychische Gesundheit f\u00f6rdert, dieses Wissen mit anderen zu teilen und best\u00e4ndig an die Politik f\u00fcr die Verbesserung unserer sozialen Umst\u00e4nde zu appellieren, sollte quasi zur eigenen Psychohygiene dazugeh\u00f6ren. Und was die Covid-19 Pandemie anbelangt: So bietet sie gerade durch die Zuspitzung im Bereich der Pflege und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch ein window of opportunity, um strukturelle Verbesserungen, die vor allem Frauen zugutekommen k\u00f6nnten, einzuf\u00fchren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere psychische Gesundheit ist \u201edank\u201c der weltweiten COVID-19-Pandemie aktuell in aller Munde. Man gewinnt sogar den Eindruck, als w\u00fcrden wir alle endlich anerkennen, dass wir trotz guter k\u00f6rperlicher Gesundheit psychisch erkranken k\u00f6nnen \u2013 sogar teilweise sehr schwer \u2013 und dass diese Erkrankungen weder Einzelf\u00e4lle sind, noch deren g\u00e4nzliche Verhinderung in der Macht des Einzelnen steht. 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