{"id":1665,"date":"2021-12-03T01:19:29","date_gmt":"2021-12-03T00:19:29","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1665"},"modified":"2021-12-03T01:22:15","modified_gmt":"2021-12-03T00:22:15","slug":"zurueck-zur-sichtbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1665","title":{"rendered":"Zur\u00fcck zur Sichtbarkeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Sich mutig \u00f6ffentlichen Raum nehmen, sich nicht mehr verstecken und f\u00fcrchten, wider alle Vorurteile, Kritik und Anw\u00fcrfe mit dem Sichtbar-Werden und den damit verbundenen Aktivit\u00e4ten positive Ver\u00e4nderungen bewirken in den K\u00f6pfen und Herzen der Menschen: das hat die HOSI-Lesbengruppe seit Anbeginn getan und damit in \u00d6sterreich Geschichte geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon zeugt die Ausstellung \u201eSICHTBAR. 40 Jahre HOSI-Wien-Lesben*\u00adgruppe\u201c im Gugg zu sehen war. Beim Schreiben dieser Zeilen ist es exakt 40 Jahre her seitdem es diese gro\u00dfartigen Aktivistinnen gibt; K\u00e4mpfe, Erfolge, Ereignisse \u00fcber vier Dekaden, die junge Lesben und andere LGBTIQ-Personen \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur aus Erz\u00e4hlungen kennen. In der heute so schnelllebigen Zeit, in der schon Fotos auf Instagram nach wenigen Tagen aus der Wahrnehmung wieder verschwunden sind, ist der Blick auf unsere Geschichte wichtig. Denn wie sagte doch Bruno Kreisky, der sich 1979 (also zwei Jahre vor Gr\u00fcndung der HOSI-Lesbengruppe) nicht gescheut hatte, die g\u2019standene Feministin (und Lesbe, auch wenn sie dies w\u00e4hrend ihrer aktiven Zeit als Politikerin nicht \u00f6ffentlich machte) Johanna Dohnal in die Regierung zu holen: \u201eLernen Sie Geschichte!\u201c Dazu diente die wunderbare Ausstellung und es geht weiter mit dem vorliegende \u201eSICHTBAR\u201c-Buch, aus der diesmal mein \u201eLuna-Check\u201c stammt:<\/p>\n\n\n\n<p>Die HOSI-Lesbengruppe, die heuer ihr 40(!)j\u00e4hriges Jubil\u00e4um feiert, steht genau f\u00fcr den im Titel erw\u00e4hnten Gedanken: Wenn wir lesbischen Frauen uns nicht deklarieren, nicht offen zu unserer sexuellen Orientierung stehen, wird es nichts werden mit einem Leben in Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Freiheit, das ist selbstverst\u00e4ndlich ein breiter Begriff, und f\u00fcr die Freiheit, die ich hier meine, braucht es auch noch andere Voraussetzungen: gute Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze, eine offene, sozial gerechte Politik und Gesellschaft, M\u00e4nner \u2013 egal ob schwul oder nicht \u2013 die Frauenrechte und Gleichstellung einfordern und bereit sind, einen Teil ihrer Macht und ihres Geldes abzugeben, und ihre eigenen M\u00e4nner- und Frauenbilder, Geschlechterrollen insgesamt, zu hinterfragen \u2013 und insgesamt Respekt und Akzeptanz \u2013 denn nur \u201etoleriert\u201c, also \u201egeduldet\u201c zu werden, das war mir und auch den Frauen der Hosi-Lesben-Gruppe schon immer zu wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>All jene, die wie ich schon zu Gr\u00fcndungszeiten der HOSI-Lesbengruppe meine ersten frauenliebenden Schritte gesetzt haben, wissen, wie angstbesetzt und daher vorsichtig viele von uns waren, wenn es darum ging, \u00fcber unsere Freundinnen hinaus offen dazu zu stehen, dass wir lesbisch sind, ohne Scham und Furcht: gegen\u00fcber unseren Herkunftsfamilien, an unseren Schulen und Universit\u00e4ten, an unseren Arbeitspl\u00e4tzen, in unseren Sport- und anderen Vereinen, in der Disco oder der Tanzschule, wenn wir bei der \u201ebesten Freundin\u201c \u00fcbernachteten, aber weder ihre noch unsere Eltern wussten, dass wir ineinander verliebt waren und uns ganz z\u00e4rtlich aufs erste Liebesabenteuer einlie\u00dfen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viele LGBTI-Organisationen war auch die HOSI Wien zu Beginn \u2013 vor 42 Jahren \u2013 eine reine M\u00e4nnerorganisation. Sich darin als Frauen, als Lesben durchzusetzen, ernst genommen zu werden, einen eigenen \u00f6rtlichen, zeitlichen und auch politischen Raum zu fordern und dann auch einzunehmen \u2013 also \u201ezu liefern\u201c \u2013 war sicherlich nicht immer einfach. Mehrere der Protagonistinnen der ersten Stunde sind leider nicht mehr unter uns, ich erinnere nur an Helga Pankratz und an Gudrun Hauer von den Lambda Nachrichten, aber die Hosi-Lesbengruppe hat sich \u00fcber die Jahre als fixer Bestandteil am Hosi-Him mel etabliert \u2013 und ist auch heute noch notwendig. Danke f\u00fcr Eure Arbeit, herzlichen Gl\u00fcckwunsch zum Geburtstag und viel Erfolg in der Zukunft!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aber zur\u00fcck zur Sichtbarkeit<\/h3>\n\n\n\n<p>Als ich 1995 das erste Mal f\u00fcr die Gr\u00fcnen f\u00fcr den Nationalrat kandidierte, war mir die Sichtbarkeit ein zentrales Anliegen. Es gab damals in \u00d6sterreich keine \u00f6ffentlich weit bekannte und offen lebende Lesbe. Von Johanna Dohnal, die ich immer sehr gesch\u00e4tzt habe, wusste ich es, so wie viele andere. Aber so sehr viele von uns auch gew\u00fcnscht haben, dass sie offen zu ihrem Lesbisch-Sein steht, so sehr hatte ich auch ein gewisses Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass sie ihre sexuelle Orientierung in ihrer aktiven Zeit als Politikerin verschwieg: Als deklarierte Feministin mit ihrem unverkennbaren Stil und ihrer f\u00fcr viele provokanten Rhetorik wie auch Politik war sie in der Regierung, in breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung und auch bei vielen in der SP\u00d6 ein \u201erotes Tuch\u201c \u2013 und es war wohl nicht von ungef\u00e4hr, dass sie von Bundeskanzler Franz Vranitzky 1995 abgesetzt wurde \u2013 kurz vor der 4. Weltfrauenkonferenz in Beijing, f\u00fcr die sie in \u00d6sterreich wichtige Vorbereitungen betrieben hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch schwule M\u00e4nner waren der breiten \u00d6ffentlichkeit damals so gut wie nicht bekannt \u2013 einzig G\u00fcnther Tolar hatte wenige Jahre zuvor mit seinem beruflichen und damit \u00f6ffentlichen Coming Out (er war ORF-Talkmaster) f\u00fcr Aufsehen gesorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war \u2013 neben meinem beruflichen Fokus auf (feministische) Entwicklungspolitik \u2013 ab Ende der 1970er-Jahre in v.a. feministischen bzw. lesbisch-feministischen und dann in den 1990ern in schwul-lesbischen Zusammenh\u00e4ngen (v.a. dem \u00d6LSF, dem \u00d6sterreichischen Lesben- und Schwulenforum) aktiv. Klar war mir die HOSI-Wien bekannt, ich nahm auch immer wieder an Aktionen teil \u2013 zum Beispiel dem Tanz unter dem riesigen rosa Winkel am Stephansplatz im Jahr 1991 &#8211; doch auf die Idee, mich der HOSI-Lesbengruppe anzuschlie\u00dfen kam ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum? Zu jener Zeit (in den 1980ern) lag der Schwerpunkt meines zivilgesellschaftlichen Engagements in feministischen Zusammenh\u00e4ngen, und deshalb wollte ich damals auch nicht mit schwulen M\u00e4nnern zusammenarbeiten. Ich kannte jedoch Waltraud Riegler, Helga Pankratz, Gudrun Hauer \u2013 und Waltraud war es, die mich 1989 fragte, ob ich nicht bei der von der HOSI Wien damals schon zum zweiten Mal organisierten Weltkonferenz der ILGA (International Lesbian and Gay Association \u2013 beim ersten Mal 1983 hie\u00df die Organisation \u00fcbrigens noch IGA, International Gay Association (soviel zum Thema Sichtbarmachen von Lesben!), f\u00fcr die Lateinamerikanerinnen dolmetschen wollte \u2013 eine Bitte, der ich sehr gerne nachkam, ich hatte ja Dolmetsch studiert, Englisch und Spanisch. F\u00fcr die An.schl\u00e4ge hatte ich bei meinem Besuch in Nicaragua 1989 ein Interview mit einer sandinistischen Lesbe gef\u00fchrt, welches auch in den Lambda Nachrichten abgedruckt wurde (LN 3\/1989, S. 62-64).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese ILGA-Konferenz war \u00fcbrigens mein Einstieg in ein st\u00e4rker politisches Engagement zu unserem Thema. Die da malige Erfahrung, den ersten international bekannten offen schwulen Abgeordneten \u2013 den Kanadier Svend Robertson \u2013 kennen zu lernen, hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mich mehr f\u00fcr die Rechtslage in \u00d6sterreich zu interessieren begann, und schlie\u00dflich 1995 den Schritt in die Partei- und Parlamentspolitik wagte. Au\u00dferdem lernte ich damals, 1989, meine heutige Partnerin kennen: Rebeca Sevilla war zu jener Zeit Direktorin von MHOL, dem Movimiento Homosexual de Lima, sp\u00e4ter, als unsere Beziehung 1993 begann, Co-Generalsekret\u00e4rin der ILGA \u2013 \u00fcbrigens eine Zeit lang gemeinsam mit John Clark, dem Wahlwiener und langj\u00e4hrigen HOSI-Wien-Aktivisten. Also gleich zwei Gr\u00fcnde, warum ich der HOSI, inkl. der HOSI-Lesbengruppe, sehr zu Dank verpflichtet bin!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sichtbarkeit und Gesetze<\/h3>\n\n\n\n<p>Homosexualit\u00e4t: bedeutet in den K\u00f6pfen der meisten Menschen ,schwul\u2018 \u2013 und ist au\u00dferdem explizit mit Sexualit\u00e4t, verbunden, was zwar ein wichtiger Teil unseres Lebens ist, aber lange nicht alles, was uns zu gleichgeschlechtlich liebenden Frauen macht. Auf Englisch verwenden viele Lesben den Terminus ,gay\u2018 f\u00fcr sich, was mir aus der Sichtbarkeitsperspektive unverst\u00e4ndlich ist, denn auch hier ist es so: die meisten Menschen \u2013 egal ob hetero\/a oder nicht \u2013 verstehen unter ,gay\u2018 schwule M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele engagierte schwule M\u00e4nner haben au\u00dferdem als einziges Aktivismus-Feld die Verbesserung der Lebensbedingungen von Schwulen, und die wenigsten haben sich ausf\u00fchrlich mit Feminismus befasst, was wiederum zu \u2013 Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel \u2013 Unverst\u00e4ndnis bzgl. des Bed\u00fcrfnisses nach sprachlicher Anerkennung und Sichtbarmachung des Daseins von lesbischen Frauen f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus all diesen und noch viel mehr Gr\u00fcnden ist weiterhin Engagement n\u00f6tig: Gerade in Zeiten von Backlash, erstarkenden Anti-Gender-Ideoloien und religi\u00f6sen Fundamentalismen ist es n\u00f6tig, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sich nicht unterkriegen zu lassen, denn das ist es was unsere Gegner:innen wollen: dass wir uns wieder vor lauter Angst in die eigenen vier W\u00e4nde, in private R\u00e4ume zur\u00fcckziehen und die hart erk\u00e4mpfte Sichtbarkeit als Frauen und als Lesben wieder verlieren. Und wenn wir unser Land, also \u00d6sterreich, und viele Teile unseres Kontinents mit dem Gro\u00dfteil der Welt vergleichen \u2013 beim Schreiben dieser Zeilen haben die Taliban gerade Kabul \u00fcbernommen \u2013 dann bleibt noch viel zu tun, um Frauen \u2013 Lesben wie Heteras und selbstverst\u00e4ndlich auch jenen, die sich nicht bin\u00e4r definieren \u2013 ein eigenst\u00e4ndiges, selbstbestimmtes Leben zu erm\u00f6glichen, bzw. sie dabei zu unterst\u00fctzen. Angst ist jedenfalls \u2013 obwohl oft real begr\u00fcndet \u2013 ein schlechter Ratgeber f\u00fcrs Leben, und die HOSI-Lesben haben viel dazu beigetragen, dass Lesben es wagen, offener mit ihrer sexuellen Orientie rung umzugehen, ein angstfreieres und selbstbestimmtes Leben zu f\u00fchren. Out and Proud and Loud, das w\u00fcnsche ich der Hosi-Lesbengruppe auch f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahrzehnte! Bleibt offen und k\u00e4mpferisch und laut, wir brauchen die HOSI-Lesben auch weiterhin!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sich mutig \u00f6ffentlichen Raum nehmen, sich nicht mehr verstecken und f\u00fcrchten, wider alle Vorurteile, Kritik und Anw\u00fcrfe mit dem Sichtbar-Werden und den damit verbundenen Aktivit\u00e4ten positive Ver\u00e4nderungen bewirken in den K\u00f6pfen und Herzen der Menschen: das hat die HOSI-Lesbengruppe seit Anbeginn getan und damit in \u00d6sterreich Geschichte geschrieben. 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