{"id":1662,"date":"2021-12-03T01:18:30","date_gmt":"2021-12-03T00:18:30","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1662"},"modified":"2021-12-03T01:22:19","modified_gmt":"2021-12-03T00:22:19","slug":"das-grosse-streben-nach-veraenderung-laut-bunt-und-offen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1662","title":{"rendered":"Das gro\u00dfe Streben nach Ver\u00e4nderung: Laut, bunt und offen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">\u201eFeminist*innen sind m\u00e4nnerhassende Emanzen! Warum nennt ihr es nicht Humanismus? Wir sind doch eh schon total gleichberechtigt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit solchen und \u00e4hnlichen Reaktionen sind Feminist*innen 2021 immer noch konfrontiert, was angesichts belegter Ungleichheiten absolut unverst\u00e4ndlich ist: Seit dem 25. Oktober 2021 arbeiten Frauen in \u00d6sterreich statistisch gesehen f\u00fcr den Rest des Jahres, sprich die letzten 68 Tage, \u201egratis\u201c. Erkl\u00e4rbar ist dies dadurch, dass Frauen in \u00d6sterreich durchschnittlich 18,5 % weniger Lohn verdienen als M\u00e4nner. Dies ist nicht nur eine Erinnerung daran, dass sich die Einkommensschere in \u00d6sterreich nur langsam schlie\u00dft, sondern auch daran, dass in vielen Familien- und Beziehungskonstellationen weiterhin eine traditionelle Rollenverteilung besteht. Demnach \u00fcbernehmen Frauen \u00fcberwiegend den Haushalt, die Kinderbetreuung und teilweise die Pflege alter Verwandter, arbeiten daher h\u00e4ufiger in Teilzeit, und haben ein geringeres Einkommen. Die Intensivierung dieser Umst\u00e4nde w\u00e4hrend der COVID-19-Pandemie sowie die schockierende Zahl von Femiziden (Morde an weiblichen Personen aufgrund ihres Geschlechts) in \u00d6sterreich sind zus\u00e4tzliche Belege daf\u00fcr, dass wir feministische K\u00e4mpfe weiterhin schlagen m\u00fcssen. Gerade die Femizide, aber bspw. auch die Arbeit der QYVIE innerhalb der HOSI zeigen, dass diese K\u00e4mpfe queer und intersektional sein m\u00fcssen: Sowohl bei Femiziden als auch bei der Arbeit mit queeren Jugendlichen reicht es nicht, ausschlie\u00dflich die Ebene des Geschlechts zu betrachten. Wir leben immer noch in einem patriarchalischen System, dessen Strukturen auch Rassismus, Ableismus, Klassismus und anderen systematischen Formen der Unterdr\u00fcckung einen N\u00e4hrboden bietet. Intersektionalit\u00e4t bedeutet, sich mit den verschiedenen, \u00fcberlappenden Formen der Unterdr\u00fcckung auseinanderzusetzen und daraufhin zu arbeiten, alle aufzul\u00f6sen \u2013 und nicht nur eine.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von Wellen und Post-Feminismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Das ist also ein abstraktes Bild von den Zielen, die Feminismen heute verfolgen &#8211; die Gleichberechtigung aller Menschen und die Bek\u00e4mpfung von struktureller Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und anderer Faktoren. Es ist jedoch lediglich ein Bild, und manche feministischen Str\u00f6mungen definieren ihren Feminismus anders. Feminismus war nie eine einheitliche Bewegung, und leider durchziehen sie seit jeher Spaltungen und Widerspr\u00fcche. Der heutige Feminismus wird allgemeinhin als \u201eDritte Welle\u201c bezeichnet, manchmal auch als Post-Feminismus. Charakteristisch f\u00fcr Dritte-Welle-Feminist*innen ist ein Verst\u00e4ndnis von Geschlechtergerechtigkeit, dass \u00fcber die Kategorie \u201eFrau\u201c hinaus reicht. Auch im Duden wird dieses Verst\u00e4ndnis von Feminismus zugrunde gelegt:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOberbegriff f\u00fcr verschiedene Str\u00f6mungen, die sich f\u00fcr die Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Freiheit aller Geschlechter, v. a. von Frauen, und gegen Sexismus einsetzen, z. B. durch das Hinwirken auf eine grundlegende Ver\u00e4nderung gesellschaftlicher Normen (wie der traditionellen patriarchalischen Rollenverteilung)\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Punkte, die wir uns aus dieser Definition mitnehmen k\u00f6nnen, sind die verschiedenen Str\u00f6mungen \u2013 den einen Feminismus gibt es eben nicht \u2013 und die Betonung auf Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Freiheit aller Geschlechter. Interessanterweise schiebt der Duden hier trotzdem nach, dass es im Feminismus vor allem um Frauen gehe, was, historisch betrachtet, durchaus eine nachvollziehbare Denkweise ist. Feministische Bewegungen seit Ende des 19. Jahrhunderts werden oft in drei Wellen aufgeteilt: In der ersten Welle um 1900 wurden Frauenrechte im Bereich Demokratie und Erwerbsarbeit erk\u00e4mpft, die zweite Welle ab den 1960er Jahren war auf Themen wie Selbstbestimmung von Frauen, (sexualisierte) Gewalt, Pornografie, und im Zusammengang mit der Lesben- und Schwulenbewegung auf die Rechte von Minderheiten fokussiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erst die dritte Welle hat den Fokus feministischer Bewegungen auf Frauen um andere Geschlechter erweitert, indem insbesondere die aufkommende Queer Theory an den Universit\u00e4ten seit ca. 1990 die Aufl\u00f6sung von Geschlecht als Kategorie in den Raum gestellt hat. Insgesamt haben sich queer-feministische Str\u00f6mungen von bin\u00e4ren Vorstellungen gel\u00f6st und denken die K\u00e4mpfe um Geschlechtergerechtigkeit nicht nur mit Hinblick auf Menschen, deren Geschlechtsidentit\u00e4t in kein bin\u00e4res, heteronormatives System passt, sondern auch mit anderen Diskriminierungsebenen, wie Herkunft, Hautfarbe, Religion, finanziellen M\u00f6glichkeiten und physischen\/psychischen Beeintr\u00e4chtigungen zusammen. Um verschiedene Diskriminierungsebenen in eine gesellschaftliche Analyse mit einzubeziehen, denken queer-feministische Str\u00f6mungen heute intersektional, sie erkennen also an, dass Menschen aufgrund von ungleich verteilten Machtverh\u00e4ltnissen mehrfach unterdr\u00fcckt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als queere Menschen eint uns alle eine Diskriminierungsebene, weil wir nicht der Cis-Hetero-Norm entsprechen, aber ihre Auswirkungen treffen uns unterschiedlich stark. Betrachten wir zun\u00e4chst zwei lesbische Frauen, die eine entspricht dem Stereotyp einer \u201eButch\u201c (gekennzeichnet durch vermeintlich m\u00e4nnliche Verhaltensweise, Ausdruck, Aussehen), die andere dem einer \u201eFemme\u201c (gekennzeichnet durch vermeintlich weibliche Verhaltensweise, Ausdruck, Aussehen). Von der Mehrheitsgesellschaft werden diese beiden Personen unterschiedlich gelesen und unterschiedlich behandelt, z.B. reagieren Menschen auf das Outing von \u201eFemme\u201c-Lesben \u00fcberrascht bzw. hinterfragend, w\u00e4hrend \u201eButch\u201c-Lesben aufgrund ihres Ausbruchs aus gleich zwei Normen &#8211; die der Weiblichkeit und die der Heterosexualit\u00e4t &#8211; eher Ablehnung erfahren. Stellen wir uns vor, dass jeweils eine dieser Personen neben Geschlecht (\u201eFrau\u201c) und Sexualit\u00e4t (\u201elesbisch\u201c) au\u00dferdem noch Schwarz ist oder eine Behinderung hat, wird die Vielschichtigkeit der Auswirkungen von gesellschaftlichen Strukturen auf diese beiden Personen deutlich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Queeren Feminismus zu leben, hei\u00dft, nicht nur die Ebenen, die eindeutig mit queer sein verbunden sind, anzuerkennen, sondern auch andere unterdr\u00fcckende Strukturen in Frage zu stellen. Dabei m\u00fcssen wir nicht zwangsl\u00e4ufig Geschlecht als Kategorie per se in Frage stellen, wie es insbesondere post-\u00adfeministische Ans\u00e4tze tun. Aber Menschen sind niemals nur queer, sondern vereinen viele Schubladen in sich. Als queere Menschen f\u00fchlen wir oft die Notwendigkeit, unsere Queerness besonders hervorzuheben, einfach weil die Mehrheitsgesellschaft unsere Lebensrealit\u00e4ten sonst ignoriert, oder im schlimmsten Fall negiert. Gerade weil wir verstehen, wie es sich anf\u00fchlt, marginalisiert zu werden, m\u00fcssen wir nicht nur akzeptierten, dass es andere Diskriminierungsebenen neben der Hetero-Matrix gibt, sondern wir m\u00fcssen unsere feministischen K\u00e4mpfe geeint f\u00fchren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn \u201eFrau sein\u201c schon eine vereinigende Kategorie ist, die seit mehr als 120 Jahren f\u00fcr gemeinsame K\u00e4mpfe bem\u00fcht wird, wie stark kann dann eine Bewegung werden, die \u201eUnterdr\u00fcckte\u201c als Kategorie bem\u00fcht?<\/p>\n\n\n\n<p><em>(mit Nelly L\u00f6tsch)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFeminist*innen sind m\u00e4nnerhassende Emanzen! Warum nennt ihr es nicht Humanismus? Wir sind doch eh schon total gleichberechtigt.\u201c Mit solchen und \u00e4hnlichen Reaktionen sind Feminist*innen 2021 immer noch konfrontiert, was angesichts belegter Ungleichheiten absolut unverst\u00e4ndlich ist: Seit dem 25. 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