{"id":1651,"date":"2021-12-03T01:15:05","date_gmt":"2021-12-03T00:15:05","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1651"},"modified":"2021-12-03T01:22:34","modified_gmt":"2021-12-03T00:22:34","slug":"empowerment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1651","title":{"rendered":"Empowerment"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was ich als Psychotherapeut von Feminist*innen, Black-Lives-Matter-Aktivist*innen und queeren Held*innen lerne.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Der Kampf gegen Ausbeutung, Diskriminierung und Rassismus hat etwas Befreiendes. Menschen lassen sich nicht mehr unterdr\u00fccken, sondern wollen ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben f\u00fchren. Darum geht es auch in der Psychotherapie. Wenn Menschen in die Therapie kommen, haben sie oft falsche Vorstellungen. Sie glauben, dass immer \u00fcber Probleme oder \u00fcber die Herkunftsfamilie gesprochen werden soll. Zwar kann das Aussprechen von Problemen heilsam sein, doch wir sollten dabei nicht stehen bleiben. Denn Psychotherapie hat auch viel mit Empowerment zu tun. Der Begriff kommt von amerikanischen Emanzipationsbewegungen, wie der Black-Power-Bewegung, und l\u00e4sst sich mit \u201eSelbsterm\u00e4chtigung\u201c und \u201eSelbstbef\u00e4higung\u201c \u00fcbersetzen. Gemeint ist, dass Menschen nicht mehr andere \u00fcber ihr Leben bestimmen lassen. Sie werden aktiv, schlie\u00dfen sich in Gruppen zusammen. Sie besinnen sich auf ihre eigenen Ressourcen und F\u00e4higkeiten, sie ermutigen sich gegenseitig und gewinnen an St\u00e4rke, um sich f\u00fcr ihre eigenen Interessen und f\u00fcr ihre Bed\u00fcrfnisse einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Selbstentfaltung<\/h3>\n\n\n\n<p>Was in gro\u00dfen Bewegungen und Communities m\u00f6glich ist, kann auch im kleineren Rahmen, wie etwa in der Psychotherapie, wirksam sein. Denn auch hier werden Prozesse von Empowerment angeregt, wie dieses fiktives Beispiel zeigt: Eine Person kommt mit Schlafproblemen und depressiven Symptomen in die Therapie. Zu Beginn werden verschiedene Entspannungstechniken ausprobiert. Doch das hilft nicht weiter. Im Zuge der Therapie stellt sich heraus, dass die Person mit dem Studium unzufrieden ist, weil sie k\u00fcnftig in diesem Bereich nicht arbeiten will. Gleichzeitig hat die Person gro\u00dfe Angst, dass Studium abzubrechen, um die Eltern und das soziale Umfeld nicht zu entt\u00e4uschen. Die Eltern sind Akademiker*innen. Ihnen ist es wichtig, dass ihre Kinder einen \u00e4hnlichen Weg einschlagen. Sie bezahlen f\u00fcr das Studium und machen entsprechend Druck. Im Zuge der Psychotherapie geht es darum, dass sich die Person von diesem Druck l\u00f6st. Gleichzeitig werden neue Denkprozesse und Perspektiven angeregt, um einen Prozess der Selbstentfaltung zu f\u00f6rdern. Die Person \u00e4u\u00dfert den Wunsch, einmal f\u00fcr einige Monate ins Ausland zu gehen. Die Eltern sind dagegen. Daher nimmt die Person einen Ferienjob an, um die Reise zu finanzieren. Die Reise bringt den Wendepunkt. Im Ausland lernt die Person viele Menschen kennen. Sie findet neue Ideen und Inspirationen f\u00fcr das berufliche und private Leben. Die Person arbeitet nun bei einer NGO. Alleine h\u00e4tte die Person die Neuorientierung nicht gewagt. Doch in der Psychotherapie erh\u00e4lt sie die notwendige Unterst\u00fctzung und Begleitung. Schlie\u00dflich sind auch die Eltern zufrieden, weil sie sehen, wie gl\u00fccklich die Person jetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Keine Fremdbestimmung<\/h3>\n\n\n\n<p>In der Psychotherapie geht es darum, sich Zeit zu nehmen, um sich selbst besser kennenzulernen, sich der eigenen Bed\u00fcrfnisse, W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume klar zu werden. Denn gerade ein allzu angepasstes und von den eigenen Bed\u00fcrfnissen abgespaltenes Verhalten kann zu Depressionen oder anderen psychischen Problemen f\u00fchren. F\u00fcr mich steckt in der Psychotherapie auch ein gesellschaftskritisches und emanzipatorisches Potenzial. Denn viele psychischen Probleme h\u00e4ngen mit den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen zusammen. So haben das Deutsche Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) und die Universit\u00e4t Bielefeld heuer eine Studie ver\u00f6ffentlicht, wonach in Deutschland LGBTIQ*-Personen dreimal so h\u00e4ufig an Depressionen und Burnout erkranken als der Rest der Bev\u00f6lkerung. F\u00fcr \u00d6sterreich liegen dazu keine Zahlen vor. Aber es ist davon auszugehen, dass bei uns die Situation \u00e4hnlich ist wie in Deutschland. Ausl\u00f6ser daf\u00fcr sind nach Angaben der Studienautor*innen die Ablehnung und Diskriminierung, die LGBTIQ*-Personen noch immer in verschiedenen Lebenssituationen erfahren. Das bedeutet im Klartext: LGBTIQ*-Personen m\u00fcssen sich nicht \u00e4ndern, sondern bei den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen besteht Handlungsbedarf.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gesellschaftlicher Druck<\/h3>\n\n\n\n<p>Frauen, egal ob Heteras oder auf dem queeren Spektrum, trifft es im Allgemeinen besonders: So werden viele psychischen Probleme durch patriarchale Muster und durch den weit verbreiteten Sexismus ausgel\u00f6st. Auch hier m\u00fcssen sich nicht die Frauen, sondern die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern. Wie eng psychische Krankheiten und das gesellschaftliche Umfeld zusammenh\u00e4ngen, zeigt sich beispielsweise bei Ess-St\u00f6rungen. Diese treten verst\u00e4rkt bei Frauen in westlichen Industriel\u00e4ndern auf. Ursache daf\u00fcr ist unter anderem der Schlankheitswahn. Denn in der Werbung werden d\u00fcnne Frauen als attraktiv und erfolgreich bewertet. Es ist nicht einfach, sich solchen gesellschaftlichen Trends zu entziehen. Denn sexistische Werbeformate sind allgegenw\u00e4rtig. Auch schwule M\u00e4nner erkranken h\u00e4ufig an Ess-St\u00f6rungen. Dies ist auf \u00fcbertriebene Sch\u00f6nheitsideale (jung, sportlich, m\u00e4nnlich) in Teilen der schwulen Szene und auf schwulen Dating-Plattformen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Kommen Menschen in die Psychotherapie, weil sie darunter leiden, wird der Fokus auf die St\u00e4rkung des Selbstbewusstseins gelegt. Wir k\u00f6nnen Widerstand leisten. Wir m\u00fcssen uns nicht von ungesunden gesellschaftlichen Trends abh\u00e4ngig machen. Wir m\u00fcssen auch keinen bestimmten K\u00f6rper haben, um uns sch\u00f6n zu f\u00fchlen. Wir k\u00f6nnen vielmehr unser eigenes Wohlf\u00fchlgewicht entwickeln. Dabei kann es hilfreich sein, einen achtsamen Umgang mit sich selbst zu pflegen und die Bed\u00fcrfnisse des eigenen K\u00f6rpers besser wahrzunehmen. Je mehr wir zu uns selbst stehen k\u00f6nnen, umso leichter k\u00f6nnen wir uns gegen ungesunde Einfl\u00fcssen von au\u00dfen &#8211; wie den Sch\u00f6nheitsidealen in der Werbung oder dem st\u00e4ndigen Erfolgsdruck &#8211; abgrenzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kleine \u00c4nderungen k\u00f6nnen viel bewirken<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Ursachen von psychischen Erkrankungen k\u00f6nnen oft komplex und vielschichtig sein. Dennoch halte ich es f\u00fcr wichtig, dass in der Psychotherapie auch gesellschaftliche Faktoren, die zu psychischen Problemen f\u00fchren k\u00f6nnen, angesprochen werden. Dies kann entlastend wirken und einen Nachdenkprozess anregen. Schlie\u00dflich befinden sich viele Menschen in einem Hamsterrad. Sie kommen oft mit dem Wunsch in die Therapie, m\u00f6glichst schnell wieder funktionieren zu k\u00f6nnen. Gerade in der neoliberalen Gesellschaft steigt der Druck auf die Selbstoptimierung. Menschen f\u00fchlen sich als Versager*innen, weil sie den gesellschaftlichen Vorgaben und Idealen nicht entsprechen. Doch Psychotherapie ist keine \u201eReparaturwerkst\u00e4tte\u201c, um wieder funktionst\u00fcchtig f\u00fcr das Hamsterrad zu sein. Vielmehr sollten wir uns fragen, ob wir bei allen gesellschaftlichen Trends mitmachen m\u00fcssen. Jede Person kann f\u00fcr sich eigene Wege der Ver\u00e4nderung finden. Dabei k\u00f6nnen auch schon kleine \u00c4nderungen viel bewirken.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sich vernetzen<\/h3>\n\n\n\n<p>Empowerment bedeutet auch, sich mit Menschen, denen es \u00e4hnlich geht, zu vernetzen. In der neoliberalen Gesellschaft gibt es einen starken Hang, sich mit anderen Personen zu vergleichen. Die Menschen sollen st\u00e4ndig in Konkurrenz zueinander sein. Umso wichtiger sind daher Communities und Orte, wo wir uns nicht verstellen m\u00fcssen und wo wir uns gemeinsam f\u00fcr unsere Bed\u00fcrfnisse und Interessen einsetzen k\u00f6nnen. Gerade f\u00fcr LGBTIQ*-Menschen sind solche Orte und Communities wertvoll. Ein Vorbild ist hier die HOSI Wien mit den vielen Gruppen und Initiativen, wie der Lesben*gruppe, die ihren 40. Geburtstag feiert. Meine herzlichen Gl\u00fcckw\u00fcnsche!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ich als Psychotherapeut von Feminist*innen, Black-Lives-Matter-Aktivist*innen und queeren Held*innen lerne. Der Kampf gegen Ausbeutung, Diskriminierung und Rassismus hat etwas Befreiendes. Menschen lassen sich nicht mehr unterdr\u00fccken, sondern wollen ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben f\u00fchren. Darum geht es auch in der Psychotherapie. Wenn Menschen in die Therapie kommen, haben sie oft falsche Vorstellungen. Sie glauben, dass [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1652,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,20],"tags":[85,84],"class_list":["post-1651","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheit","category-schwerpunkt","tag-feminismus","tag-lambda-185"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1651","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1651"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1651\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1653,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1651\/revisions\/1653"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1652"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1651"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1651"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1651"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}