{"id":1565,"date":"2021-09-03T00:16:26","date_gmt":"2021-09-03T00:16:26","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1565"},"modified":"2021-09-02T19:32:29","modified_gmt":"2021-09-02T19:32:29","slug":"sprache-praegt-auch-kongress-emotion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1565","title":{"rendered":"Sprache pr\u00e4gt auch Kongress-Emotion"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein pers\u00f6nliches Stimmungsbild<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Seit vielen Jahren besuche ich nun biomedizinische HIV-Kongresse. In der Regel sind sie anstrengend, inhaltlich fordernd und gepr\u00e4gt von sehr langen Tagen. Sie sind aber auch gepr\u00e4gt von einzigartiger Energie und Empathie. Das erstaunt mich immer wieder, denn immerhin befasst man sich haupts\u00e4chlich mit klinischen Studiendaten und naturwissenschaftlichen Details und es scheint oberfl\u00e4chlich gesehen eher wenig Raum f\u00fcr Emotionen zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle erlaube ich mir ein generelles Lob f\u00fcr Mediziner*innen aus dem HIV-Bereich. Die Kongressbeitr\u00e4ge k\u00f6nnen inhaltlich noch so trocken sein, es ist fast immer zugleich die Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber HIV-positiven Menschen oder Menschen, die einem erh\u00f6hten Risiko ausgesetzt sind, heraus zu h\u00f6ren. Oft verschwimmen Grenzen zwischen medizinischem Beruf, wissenschaftlichem Ehrgeiz und aktivistischer Energie. Das gibt vielen Kongressen einen fast pers\u00f6nlichen Tonfall und macht sie \u00e4u\u00dferst speziell.<\/p>\n\n\n\n<p>Und obwohl sie bereits so besonders sind, durfte ich \u00fcber die Jahre zus\u00e4tzliche Ver\u00e4nderungen mitverfolgen, wie folgende Beispiele zeigen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommunikation \u00fcber Frauenanteil: In Vortragsdiskussionen war fr\u00fcher oft die berechtigte Kritik zu h\u00f6ren, dass der Frauenanteil in klinischen Studien zu gering ist. Das ist zwar nach wie vor so, aber inzwischen wird meist bei Pr\u00e4sentationen das Problem auch offen dargestellt. Und es gibt breitere Anerkennung, wenn vergleichsweise viele Frauen inkludiert waren. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich f\u00fchlt es sich an, als w\u00e4re auf den Kongressen aus einem vermeintlichen Nischenthema eine allgemeine Wahrnehmung geworden. Und dass sich ein anhaltendes Sichtbarmachen eben einfach lohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Begriff mit Nachgeschmack: Ver\u00e4nderungen sieht man auch in der Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber einzelnen Begriffen, so etwa dem Ausdruck \u201elate presenter\u201c. Er beschreibt die Situation, dass eine HIV-Diagnose zu einem Zeitpunkt erfolgt, an dem die Infektion bereits lange Zeit unbemerkt und damit untherapiert blieb. Dass es hier einen eigenen Terminus gibt, ist richtig und wichtig. Denn untherapierte HIV-Infektionen f\u00fchren zu schlechteren Gesundheitsprognosen der Menschen und zu weiteren \u00dcbertragungen. Nun bedeutet \u201elate presenter\u201c jedoch w\u00f6rtlich gemeint \u201esp\u00e4t vorstellig werden\u201c. Der Begriff impliziert also, die Person selber h\u00e4tte sich aktiv fr\u00fcher f\u00fcr einen HIV-Test \u201evorstellen\u201c m\u00fcssen. Er hat damit einen Hauch von Schuldzuweisung. In Realit\u00e4t hatten viele Menschen bereits vor der Erstdiagnose Kontakt zum Gesundheitssystem, ohne dass ein Test empfohlen oder angeboten wurde. Diese sprachliche Nuance findet zunehmend Beachtung und so taucht der neutrale Begriff \u201elate diagnosis\u201c immer h\u00e4ufiger auf. Ein emotionaler Nachgeschmack f\u00fcr HIV-positive Menschen pr\u00e4gt hier die medizinische Ausdrucksweise.<\/p>\n\n\n\n<p>Gendern auf Kongressen: Nat\u00fcrlich beeinflussen generell die Konferenzen auch die Alltagssprache der Mediziner*innen. Auf deutschsprachigen HIV-Kongressen ist ganz klar der Trend zu sehen: Es wird von \u201eKolleginnen und Kollegen\u201c oder \u201ePatientinnen und Patienten\u201c gesprochen und auf Vortragsfolien findet sich immer h\u00e4ufiger ein Binnen-I oder Gendersternchen. Wirklich sch\u00f6n sind etwa Workshops im offiziellen Kongressprogramm, in denen z.B. erkl\u00e4rt wird, wie man das Gendersternchen ausspricht oder eine Ordination auch f\u00fcr Trans*Personen ad\u00e4quat gestaltet. Und ein Highlight f\u00fcr mich in j\u00fcngster Zeit waren einzelne Sessions, die genderneutral formuliert und in denen das Auditorium mit \u201eLiebe Menschen\u201c angesprochen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In solchen Situationen darf ich dann wieder mal feststellen, dass nicht nur die medizinische Entwicklung im Bereich HIV \u00fcber die Zeit phantastisch ist. Genauso gro\u00dfartig ist es, wie Lebenswelten sichtbarer werden und Raum erhalten, wie die Auswirkungen von Kommunikation und sprachlichen Unterschieden zu sehen und welche Empathie hier von Seiten der Mediziner\u00ad*innen zu sp\u00fcren ist. Und so bleiben biomedizinische HIV-Kongresse f\u00fcr mich pers\u00f6nlich auch weiterhin sehr emotional.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein pers\u00f6nliches Stimmungsbild Seit vielen Jahren besuche ich nun biomedizinische HIV-Kongresse. In der Regel sind sie anstrengend, inhaltlich fordernd und gepr\u00e4gt von sehr langen Tagen. Sie sind aber auch gepr\u00e4gt von einzigartiger Energie und Empathie. 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