{"id":1524,"date":"2021-09-03T00:19:08","date_gmt":"2021-09-03T00:19:08","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1524"},"modified":"2021-09-02T19:32:15","modified_gmt":"2021-09-02T19:32:15","slug":"sichtbarkeit-macht-angreifbar-angriffe-machen-sichtbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1524","title":{"rendered":"Sichtbarkeit macht angreifbar, Angriffe machen sichtbar"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Politische Entwicklungen in der Pride-Zeit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Nach einem Jahr, in dem es um kaum etwas anderes als Corona ging, haben wir als LGBTIQ-Community mit der Vienna Pride 2021 ein Comeback geschafft, das vielen gut getan hat: Endlich wieder zu Fu\u00df einmal um den Ring. Endlich wieder Leute sehen. Endlich wieder Demo-Atmosph\u00e4re. Endlich wieder bunt, endlich wieder Sichtbarkeit. Endlich wieder dieser eine Tag im Jahr, an dem wir sp\u00fcren, dass wir nicht allein sind. Endlich wieder Pride.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben, was ja 2020 nicht m\u00f6glich war, als Community auch dieses Jahr die Fr\u00fcchte der EuroPride 2019 ernten k\u00f6nnen: Die Medien haben so gro\u00dffl\u00e4chig und niveauvoll berichtet wie selten zuvor, unsere Obfrau Ann-Sophie Otte und unsere Organisatorin der Vienna Pride, Katharina Kacerovsky-Strobl, haben einen Medientermin nach dem anderen absolviert. Auch unser Schulbeflaggungsprojekt FLAGincluded hat einen sch\u00f6nen Zuwachs an Schulen zu verzeichnen, die im Juni die Regenbogenfahne gehisst und so besonders ihren LGBTIQ-Jugendlichen den R\u00fccken gest\u00e4rkt haben. Sogar katholische Pfarren haben die Regenbogenfahne gehisst, um gegen das Nein der vatikanischen Glaubenskongregation zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare zu protestieren. Wir haben viel erreicht, nicht nur als Community, sondern auch als Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/index-1024x768.jpg\" alt=\"Der Pfarrturm in Unken, Salzburg\" class=\"wp-image-1526\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/index-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/index-300x225.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/index-150x113.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/index-768x576.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/index-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/index-1200x900.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/index.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Der Pfarrturm in Unken, Salzburg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Und doch, oder vielmehr gerade deshalb gab es auch in \u00d6sterreich eine Gegenreaktion. Es wurden nicht nur mehrere der von Pfarren gehissten Regenbogenfahnen gestohlen, wie in Unken in Salzburg, teilweise wurden sie sogar angez\u00fcndet, wie etwa in Hard in Vorarlberg. Dass Menschen Vorurteile gegen uns haben, sind wir ja gew\u00f6hnt. Dass manche uns hassen, wissen wir. Aber dass einige selbst vor Brandstiftung an Kirchen nicht zur\u00fcckschrecken, hat eine Dimension, die an dunklere Tage erinnert. Besonderen Respekt verdienen die Pfarrgemeinde Hard und einige andere daf\u00fcr, dass sie sich nicht einsch\u00fcchtern lie\u00dfen, sondern prompt neue Regenbogenfahnen aufh\u00e4ngten \u2013 oder sogar eigene Prides organisierten, wie die Unken Pride. Solche Gl\u00e4ubige sind es, die gerade in konservativeren Umgebungen viel bewegen k\u00f6nnen. Dass sie sich nicht nur gegen die reaktion\u00e4re Kirchenhierarchie sondern auch noch gegen miese Verbrecher wehren m\u00fcssen, zeigt, wie wichtig diese vermeintlich kleinen Symbole sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch damit nicht genug: Rund um die Regenbogenparade kam es heuer zu einer erschreckenden H\u00e4ufung von homophoben \u00dcbergriffen. Mehrere Menschen haben sich danach an die HOSI Wien und teilweise gleich an die \u00d6ffentlichkeit gewandt, weil sie beschimpft und bedroht wurden und teilweise nur knapp Gewalt entgehen konnten. Es l\u00e4sst sich schwer sagen, ob es zahlenm\u00e4\u00dfig wirklich eine Zunahme im Verh\u00e4ltnis zu fr\u00fcheren Jahren war, oder ob diese F\u00e4lle nur eher gemeldet wurden \u2013 erschreckend ist es aber in jedem Fall, wie h\u00e4ufig es vorkam. Die HOSI Wien bittet alle, die Opfer von \u00dcbergriffen werden \u2013 selbst, wenn es \u201enur\u201c Beschimpfungen sind \u2013, diese zu melden. Entweder direkt uns oder der Gleichbehandlungsanwaltschaft (die eine eigene App f\u00fcr anonyme Meldungen hat), und am besten auch Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Nur mit klaren Daten und Fakten kann die Polizei Hassverbrechen bek\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Organisator*innen der Vienna Pride sind wir \u00fcbrigens gleich mit gutem Beispiel vorangegangen. Nachdem bei der Abschlusskundgebung der Regenbogenparade w\u00e4hrend der Gedenkminute f\u00fcr die Opfer von Hassverbrechen, Verfolgung und HIV\/AIDS mehrere mutma\u00dflich rechtsextreme M\u00e4nner vom Rathaus ein Plakat mit \u201eNo Pride Month\u201c entrollt haben, haben wir alle unsere Ressourcen zur Verf\u00fcgung gestellt, um sie ausfindig zu machen und zur Anzeige bringen zu k\u00f6nnen. Das Wichtigste war aber ohnehin die Reaktion der Teilnehmer*innen: keine Schockstarre, sondern sofort tausende Mittelfinger und \u201eNazis raus!\u201c-Sprechch\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbergriffe gibt es aber nicht nur zur Pride. In Vorarlberg sind im Sommer zwei transgender Jugendliche verpr\u00fcgelt worden, aus Wien wurde berichtet, dass ein Taxifahrer im Verdacht steht, einen Fahrgast mit einem Schlagring verpr\u00fcgelt zu haben, nachdem klar wurde, dass der in einer Schwulenbar war. Das sind die einzelnen F\u00e4lle, die in die seit letztem Jahr endlich erhobene Statistik von Hassverbrechen Eingang finden. Von November 2020 bis April 2021 gab es allein 97 Vorf\u00e4lle aufgrund der sexuellen Orientierung, hat die Polizei gemeldet. Diese Zahl ist sicher noch zu niedrig, da viele F\u00e4lle nicht zur Anzeige gebracht werden, und vor allem sind sie nicht repr\u00e4sentativ, weil der zweite und dritte Lockdown in diesem Zeitraum waren und damit sehr viel weniger Leben im \u00f6ffentlichen Raum m\u00f6glich war, in dem die meisten dieser \u00dcbergriffe passieren. Die einzige vorsichtig positive Nachricht: Die Aufkl\u00e4rungsquote dieser F\u00e4lle liegt bei 68%.<\/p>\n\n\n\n<p>Was passiert, wenn man Gewaltt\u00e4tern nicht von Anfang an entschieden entgegentritt, konnte man am 5. Juli bei einem traurigen H\u00f6hepunkt in Tbilisi, der Hauptstadt von Georgien, sehen: Dort lie\u00df die Polizei am Tag der Tbilisi Pride nationalistischen und georgisch-orthodoxen Randalierer*innen in der Innenstadt freien Lauf. Der georgische Premierminister Irakli Gharibaschwili forderte in Putin-Manier das Absagen der Pride, was die Organisator*innen angesichts der Sicherheitslage auch tun mussten. Doch auch das hinderte den rechten Mob nicht daran, die B\u00fcros der Tbilisi Pride zu st\u00fcrmen und zu verw\u00fcsten und den Journalisten Lekso Lashkarava, der von den Ausschreitungen berichtete, schwer zu verletzen, sodass er einige Tage sp\u00e4ter starb. Gegen diesen Skandal, dass die georgischen Beh\u00f6rden sich schlicht geweigert haben, die Grundrechte der Versammlungs- und Pressefreiheit gegen eine Bande von Randalierern und M\u00f6rdern zu sch\u00fctzen, hat die georgische Community jedoch ungeheuren Mut bewiesen, und schon am Tag danach protestiert: 7.000 Menschen standen vor dem Parlament in Tbilisi, viele davon auch gar nicht selbst LGBTIQ-Menschen, sondern schlicht anst\u00e4ndige, tolerante Georgier*innen, die der pro-europ\u00e4ischen Mehrheit im Land angeh\u00f6ren und es satt haben, von Nationalist*innen und christlichen Fundamentalist*innen terrorisiert zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00e4hnliche starke Gegenreaktion gab es bei der Budapest Pride in Ungarn: Im Juni hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das selbst neutrale Information \u00fcber LGBTIQ-Inhalte in der N\u00e4he von Minderj\u00e4hrigen unter Strafe stellt. Es handelt sich dabei also um ein Gesetz, wie es Putin in Russland eingef\u00fchrt hat, und wie es auch in \u00e4hnlicher Form in \u00d6sterreich bis 1997 existierte, und das genauso verlogen und b\u00f6sartig mit dem angeblichen Schutz vor P\u00e4dophilie begr\u00fcndet wird. Es sind bereits die ersten Buchh\u00e4ndler f\u00fcr den Verkauf von LGBTIQ-Kinderb\u00fcchern bestraft worden. Dagegen gab es in ganz Europa heftige Reaktionen, 17 der 27 Mitgliedsstaaten der EU legten offiziell Protest ein. \u00d6sterreich wie \u00fcblich als Nachz\u00fcgler nach einem Tag des internationalen Shitstorms in den sozialen Medien, aber immerhin. EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen hat ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn angek\u00fcndigt. Und die Ungar*innen selbst? Die haben als Reaktion am 24. Juli die gr\u00f6\u00dfte Budapest Pride in ihrer Geschichte hingelegt und rund 30.000 Menschen auf die Stra\u00dfe gebracht, und auch der Budapester B\u00fcrgermeister Gergely Kar\u00e1csony hat erstmals dort gesprochen und sich klar solidarisch bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens ist das nicht das einzige Gesetz dieser Art, das es lange Zeit auch in \u00d6sterreich gab: Bis 1989 war auch schwule Prostitution verboten, bis 1997 Vereine und bis 2002 konnte ein 19-J\u00e4hriger ins Gef\u00e4ngnis gehen, wenn er eine Beziehung mit einem 17-J\u00e4hrigen hatte. Diese Gesetze waren klar menschenrechtswidrig und bis heute sind die Opfer dieser Strafrechtsverfolgung weder rehabilitiert noch entsch\u00e4digt worden. Deswegen war es eine besondere Freude und ein historisches Signal, dass Justizministerin Alma Zadi\u0107 von den Gr\u00fcnen am 7. Juni um Entschuldigung f\u00fcr das zugef\u00fcgte Unrecht gebeten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das kann nur ein erster Schritt sein und nach der bisherigen gr\u00fcnen Regierungsperformance warten wir auf Taten: Es m\u00fcssen alle F\u00e4lle gepr\u00fcft werden und jene Menschen rehabilitiert und vor allem entsch\u00e4digt werden, deren Verhalten heute nicht strafbar w\u00e4re. Einerseits braucht es Entsch\u00e4digungen f\u00fcr die Haftzeiten, andererseits aber auch deren beitragsfreie Anrechnung als Ersatzzeit auf die Pensionsversicherungszeit, die entsprechend verzinste R\u00fcckzahlung verh\u00e4ngter Geldstrafen sowie die pauschale Abgeltung f\u00fcr allf\u00e4llige Anwalts- und Gerichtskosten. Dar\u00fcber hinaus fordert die HOSI Wien seit Jahren auch eine Entschuldigung des Nationalrats, denn dieser war es, der dieses Unrecht erst verursacht hat. Hier ist vor allem die \u00d6VP in der Pflicht, die die Abschaffung dieser Strafbestimmungen besonders lange blockiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bleibt nach zwei Monaten mit so einer Dichte von Meldungen, so viele davon so emp\u00f6rend? Die Erkenntnis, dass uns diese Angriffe st\u00e4rker machen. Weil wir als Community darauf reagieren, indem wir zusammenhalten und friedlich, aber umso lauter reagieren. Wir k\u00f6nnen es uns gar nicht leisten, zu resignieren. Aufgeben w\u00fcrde bedeuten, jenen, die uns hassen, das Feld zu \u00fcberlassen und zur\u00fcck ins Versteck zu gehen. Sie zwingen uns zu noch mehr Sichtbarkeit. Denn wir m\u00fcssen auch an jene denken, die nicht die Wahl haben, ob sie laut sein wollen. LGBTIQ-Jugendliche, die vielleicht mit einem Gewaltt\u00e4ter im selben Haus leben. LGBTIQ-Fl\u00fcchtlinge, die in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft gef\u00e4hrdet w\u00e4ren, tr\u00fcgen sie dort ein Soliband von der Regenbogenparade am Handgelenk. Genau deshalb brauchen wir Prides und Demonstrationen. Deswegen d\u00fcrfen wir keine Geduld mit verz\u00f6gernder, blockierender Politik haben. Deswegen m\u00fcssen wir Unternehmen, die im Juni ihre Logos in Regenbogenfarben t\u00fcnchen, fragen, was sie denn sonst konkret f\u00fcr die Community tun. Wenn wir nur ein kleines bisschen von diesem Zorn als Antrieb f\u00fcr sinnvollen Aktivismus nutzen, k\u00f6nnen wir viel erreichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politische Entwicklungen in der Pride-Zeit Nach einem Jahr, in dem es um kaum etwas anderes als Corona ging, haben wir als LGBTIQ-Community mit der Vienna Pride 2021 ein Comeback geschafft, das vielen gut getan hat: Endlich wieder zu Fu\u00df einmal um den Ring. Endlich wieder Leute sehen. Endlich wieder Demo-Atmosph\u00e4re. 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