{"id":1517,"date":"2021-09-03T00:17:05","date_gmt":"2021-09-03T00:17:05","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1517"},"modified":"2021-09-02T19:32:26","modified_gmt":"2021-09-02T19:32:26","slug":"queer-trotz-heterosexueller-beziehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1517","title":{"rendered":"Queer trotz heterosexueller Beziehung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das geht.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Dass ich bisexuell bin, habe ich schon fr\u00fch bemerkt. Bereits mit 13 schw\u00e4rmte ich sowohl f\u00fcr M\u00e4nner als auch f\u00fcr Frauen. Jahrelang k\u00e4mpfte ich mit meiner Identit\u00e4t, mit 17 hatte ich dann mein Coming-out, das total unspektakul\u00e4r verlief. Sowohl meine Familie als auch meine Freund*innen versicherten mir, dass es f\u00fcr sie keinen Unterschied mache, wen ich liebte. Danach lernte ich, meine Bisexualit\u00e4t nicht nur zu tolerieren, sondern stolz auf sie zu sein. Schlie\u00dflich wurde meine Bisexualit\u00e4t ein f\u00fcr mich wichtiger Teil meiner Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit meinem Umzug nach Wien er\u00f6ffnete sich mir eine ganz neue, queere Welt. Begeistert besuchte ich Szenelokale wie das Gugg oder die Villa Vida und tanzte wild auf den GSpot-Partys. Meine Sexualit\u00e4t konnte ich endlich frei ausleben. Ich flirtete, k\u00fcsste und f\u00fchrte Beziehungen mit M\u00e4nnern und Frauen. Endlich f\u00fchlte ich mich zu 100% queer.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor 3,5 Jahren traf ich dann meinen jetzigen Freund. Es war Liebe auf den ersten Blick. Noch nie hat mich jemand so vollst\u00e4ndig erg\u00e4nzt und so wortlos verstanden wie er. Dass er ein Mann ist, ist dabei reiner Zufall, genauso gut h\u00e4tte es eine Frau sein k\u00f6nnen. Aber so bin ich nun seit fast 4 Jahren in einer heterosexuellen Beziehung. Und manchmal f\u00e4llt es mir schwer, meine queere Identit\u00e4t, die \u00fcber die Jahre zu einem integralen Bestandteil meiner Pers\u00f6nlichkeit geworden ist, zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gespr\u00e4che mit bisexuellen Freundinnen<\/h3>\n\n\n\n<p>In den letzten Wochen habe ich einige sehr interessante Gespr\u00e4che mit drei bisexuellen Freundinnen, Bianca, Sabine und Lucia gef\u00fchrt. (Anmerkung: Alle Namen wurden zur Gew\u00e4hrleistung der Anonymit\u00e4t ge\u00e4ndert.) Alle drei leben in heterosexuellen Langzeitbeziehungen. Diese Gespr\u00e4che haben mir sehr geholfen zu verstehen, dass ich mit diesen Gef\u00fchlen nicht alleine bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Bianca ist 25. Sie hat sich mit 15 in ihre Zimmergenossin im Internat verliebt. Als sie dann mit dieser Zimmergenossin zu experimentieren anfing, wurde ihr klar, dass sie bisexuell ist. Sie hatte bisher nur Beziehungen mit M\u00e4nnern, ihre Gef\u00fchle f\u00fcr Frauen sind meist sexueller Natur. Sie hat seit 4 Jahren einen festen Freund. Sabine ist 26. Sie identifizierte sich jahrelang als lesbisch und all ihre bisherigen Beziehungen waren mit Frauen. Vor 1,5 Jahren lernte sie aber ihren jetzigen Freund kennen und verliebte sich \u00fcberraschend in ihn. Lucia ist 23 und ging schon immer gerne feiern. Im Zuge dieser Partys kam es des \u00d6fteren vor, dass sie mit Frauen schmuste. So entdeckte sie, dass sie in Wahrheit bisexuell ist. Seitdem f\u00fchrte sie Beziehungen mit M\u00e4nnern und Frauen, nun ist sie seit 3 Jahren in einer Beziehung mit ihrem Freund.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wir vermissen die queere Community<\/h3>\n\n\n\n<p>Vor allem Sabine klagt oft dar\u00fcber, dass sie das queere Leben vermisse. Wir gingen schon immer gern zu Veranstaltungen in Szenelokalen wie das Gugg oder die Villa Vida, da dort immer so ein herzlicher Umgangston herrscht. Fr\u00fcher war es ganz normal, mit der Freundin zu solchen Veranstaltungen zu gehen. Heute sind wir uns einig, dass es sich irgendwie seltsam anf\u00fchlt, wenn wir den Freund mitnehmen. Gleichzeitig ist es uns aber auch ein inniger Wunsch, den Kontakt zur community Community nicht zu verlieren. Wir beide sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, diese Seite unseres Lebens mit den Partnern zu teilen und dem Bed\u00fcrfnis, besser in das Szenebild hineinzupassen, ohne einen Mann an unserer Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Bianca hingegen vermisst weniger die queere Community, zu der sie nie eine starke Bindung eingegangen ist. Jedoch f\u00fchlt sie sich sexuell viel st\u00e4rker zu Frauen als zu M\u00e4nnern hingezogen und vermisst es oft sehr, mit Frauen intim zu sein. Bianca berichtet, dass sie ihrem Freund emotional sehr nahesteht und ihn sehr liebt, die Leidenschaft fehlte jedoch fast von Beginn an. Eine wirkliche Leidenschaft habe sie bisher auch nur mit Frauen erlebt. Da der Beziehungsalltag aber ansonsten perfekt passe, k\u00f6nne sie sich nicht vorstellen, mit ihm Schluss zu machen. Sie spricht deshalb immer wieder davon, die M\u00f6glichkeit einer offenen Beziehung in Betracht zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wir werden nur noch selten als queer wahrgenommen<\/h3>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur die queere Community fehlt Sabine und mir, sondern auch die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der wir fr\u00fcher als queer wahrgenommen wurden. Wir sind bisexuell und das wird sich auch niemals \u00e4ndern, das wissen wir nat\u00fcrlich. Aber je l\u00e4nger wir in einer heterosexuellen Beziehung sind, desto weniger werden wir von den Menschen als queer gelesen. Immer \u00f6fter m\u00fcssen wir uns wieder aktiv outen, anstatt selbstverst\u00e4ndlich als queer gesehen zu werden. Das konstante Outen hatte sich fr\u00fcher er\u00fcbrigt, als wir Partnerinnen hatten. Aber auch alte Bekannte, die es eigentlich besser wissen m\u00fcssten, vergessen immer wieder, dass wir eigentlich Teil der LGBTQIA+ Community sind. Das ist f\u00fcr uns alle drei sehr verletzend, da es einen wichtigen Teil unserer Identit\u00e4t ausmacht. Auch wir haben dasselbe erlebt wie viele homosexuelle Menschen: Wir k\u00e4mpften jahrelang mit unserer Sexualit\u00e4t, bis wir sie akzeptieren konnten, wir mussten uns outen und besonders Bianca bekam nicht nur positive Reaktionen. Schlie\u00dflich lernten wir in einem langen Prozess, auf unsere bisexuelle Identit\u00e4t stolz zu sein.  Nun f\u00fchlt es sich so an, als w\u00fcrde dieser Teil unserer Identit\u00e4t nicht mehr ernst genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind zurzeit alle \u201estraight passing\u201c, das hei\u00dft, wir wirken von au\u00dfen heterosexuell und nicht queer. Da wir aber immer bisexuell sein werden und das auch so nach au\u00dfen tragen m\u00f6chten, haben wir alle unsere eigenen Methoden entwickelt, um dagegen zu steuern. Bianca geht sehr offen damit um, wen sie attraktiv findet und erz\u00e4hlt immer wieder, dass sie diese und jene Frau sehr anziehend fand\/findet. Auch von vergangenen Eroberungen erz\u00e4hlt sie oft. Sabine und ich schauen oft Filme mit queerem Inhalt. Au\u00dferdem achten wir beide darauf, den Anschluss an die Community nicht zu verlieren. Wir haben beide einen queeren Freundeskreis, mit dem wir auch regelm\u00e4\u00dfig LGBTQIA+ Veranstaltungen besuchen. Besonders diese Veranstaltungen sind f\u00fcr Sabine und mich sehr wichtig, und manchmal nehmen wir auch Bianca mit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wir sind trotzdem queer<\/h3>\n\n\n\n<p>Lucia ist die Freundin, die am wenigsten Probleme mit der Situation hat. Sie ist mit ihrem Freund sehr gl\u00fccklich und sie macht sich auch am wenigsten Gedanken. Als sie mit einer Frau zusammen war, hatte sie die gleiche Einstellung. Meines Wissens hat sie sich auch gar nicht gegen\u00fcber ihrem Freund geoutet, sie findet es nicht wichtig. Manchmal beneide ich Lucia. Sie macht sich viel weniger Gedanken \u00fcber ihre Bisexualit\u00e4t als wir anderen. Sie wei\u00df, sie ist bisexuell, und damit ist sie zufrieden. Was die anderen dazu sagen, ist ihr egal. Das hat aber auch den umgekehrten Effekt, dass nur sehr wenige Menschen von ihrer Bisexualit\u00e4t wissen. Ihr ist es auch gar kein Anliegen, das zu \u00e4ndern. Nicht, weil sie Angst hat, sich zu outen, sondern weil es f\u00fcr sie einfach nicht so wichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl wir also alle verschiedene Standpunkte einnehmen, haben wir eines gemeinsam: Wir sind bisexuell in einer heterosexuellen Beziehung und sehr gl\u00fccklich in diesen Beziehungen. Was mir von diesen langen Gespr\u00e4chen blieb, ist die befriedigende Erkenntnis, dass ich mit diesen Gedanken nicht alleine bin und dass es so viele Wege gibt, sich trotzdem der Community nahe zu f\u00fchlen. Man muss nur den richtigen Weg f\u00fcr sich finden. Denn obwohl wir in heterosexuellen Beziehungen sind, macht uns das nicht weniger queer. Wir sind trotzdem loud and proud!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das geht. Dass ich bisexuell bin, habe ich schon fr\u00fch bemerkt. Bereits mit 13 schw\u00e4rmte ich sowohl f\u00fcr M\u00e4nner als auch f\u00fcr Frauen. Jahrelang k\u00e4mpfte ich mit meiner Identit\u00e4t, mit 17 hatte ich dann mein Coming-out, das total unspektakul\u00e4r verlief. 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