{"id":1490,"date":"2021-09-03T00:12:11","date_gmt":"2021-09-03T00:12:11","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1490"},"modified":"2021-09-02T19:32:49","modified_gmt":"2021-09-02T19:32:49","slug":"wie-gebaerdet-man-eigentlich-schwul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1490","title":{"rendered":"Wie geb\u00e4rdet man eigentlich schwul?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Wenn wir an die Vielfalt von Sprachen denken, so fallen uns meistens gesprochene Sprachen, also Lautsprachen, ein. Weniger Beachtung oder Anerkennung finden die Geb\u00e4rdensprachen. Dabei gibt es Forschungen zufolge weit \u00fcber 190 verschiedene Geb\u00e4rdensprachen. Sie wertzusch\u00e4tzen, anzuerkennen und mitzudenken ist notwendig f\u00fcr eine inklusive Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorweg: Es gibt keine universelle Geb\u00e4rdensprache, genauso wenig wie es eine universelle Lautsprache gibt. Bestrebungen \u00e4hnlich jener der Esperanto-Bewegung gab es zwar auch in der Geh\u00f6rlosen-Gemeinschaft, konnte sich aber ebenso wie unter H\u00f6renden nicht durchsetzen. Neben der \u00d6sterreichischen Geb\u00e4rdensprache gibt es auch die Deutsche, die Schweizerische, die Amerikanische, die Britische, die Franz\u00f6sische u.v.m. Sogar Dialekte gibt es, auch in \u00d6sterreich. Diese Vielfalt an Geb\u00e4rdensprachen ist beeindruckend und bereichert den Sprachschatz der Menschheit. In der Forschung geht man davon aus, dass Zentren der Geb\u00e4rdensprachen in den vergangenen Jahrzehnten, allen voran im 18. bis 19. Jahrhundert, die so genannten \u201eTaubstummen\u201c-Schulen waren, die zur Verbreitung beigetragen haben. Allerdings gibt es Geb\u00e4rdensprachen schon seit es Menschen gibt. \u00dcbrigens: der Begriff \u201eTaubstumm\u201c gilt als \u00fcberholt, da viele geh\u00f6rlose und schwerh\u00f6rige Menschen nicht stumm sind. Wobei es wichtig ist zu betonen, dass Begriffe stets im historischen Kontext zu sehen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierzulande ist die \u00d6sterreichische Geb\u00e4rdensprache (\u00d6GS) seit 2005 im Bundes-Verfassungsgesetz als eigenst\u00e4ndige Sprache gesetzlich verankert. Konsequenzen daraus ergaben sich allerdings nicht. Noch immer gibt es Unzul\u00e4nglichkeiten im Bildungsbereich, bei der Zug\u00e4nglichkeit von Informationen, kaum Verpflichtungen zur Dolmetschung in \u00d6GS, etc. Schwierigkeiten gab es vor allem im Bildungsbereich, wo zun\u00e4chst die \u00d6GS als Unterrichtssprache nicht anerkannt wurde. Bei der Ausbildung und Erziehung gibt es allerdings im \u00d6GS-Sprachraum seit 1779 einen ideologischen Streit, welche Methode, also rein lautsprachlich, rein geb\u00e4rdensprachlich oder bilingual, die beste Methode w\u00e4re. Die P\u00e4dagogik ging auch mal in die eine und mal in die andere Richtung. Das ist h\u00f6chst bemerkenswert, veranschaulicht sie doch, wie unterschiedlich die Generationen mit Menschen umgehen. Seit den 2010er-Jahren kommt langsam Bewegung in diese Angelegenheit, nicht zuletzt auf Grund der UN-Konvention \u00fcber die Rechte von Menschen mit Behinderungen, wo auch das Recht auf Geb\u00e4rdensprache verfestigt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist zudem \u00e4u\u00dferst schade, vor allem auch gesellschaftspolitisch, dass es keinen fl\u00e4chendeckenden Unterricht in Geb\u00e4rdensprache in \u00d6sterreich gibt. Dagegengehalten wird der tats\u00e4chliche Nutzen. Jedoch hat das unmittelbare Auswirkungen: w\u00e4hrend es v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich ist in einer Runde auf Englisch zu wechseln, weil eine Person dabei ist, die nicht so gut die im Land gesprochene Sprache beherrscht, so gut wie gar nicht wechselt die Runde in Geb\u00e4rdensprache, wenn eine Person schlicht nicht oder weniger h\u00f6rt. Damit geht leider eine h\u00f6here Ausgrenzung von geh\u00f6rlosen und schwerh\u00f6rigen Personen einher.  Viele geh\u00f6rlose und schwerh\u00f6rige Personen vermeiden daher gr\u00f6\u00dfere Runden mit h\u00f6renden Personen, weil es schlicht an der Kommunikation scheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geb\u00e4rdensprache ist die Erstsprache vieler geh\u00f6rloser und schwerh\u00f6riger Personen. Rund 10.000 geh\u00f6rlose und ungef\u00e4hr 250.000 schwerh\u00f6rige Personen leben in \u00d6sterreich. Unter ihnen gibt es auch LGBTIQ-Personen, denn die sexuelle Orientierung macht nicht vor der Behinderung halt \u2013 auch nicht umgekehrt. Zentral ist hier die Forderung nach einer gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft, so auch in der LGBTIQ-Community. Hier spielt die Kommunikation eine erhebliche Rolle, wenn nicht gar die Erheblichste. Mit einer h\u00f6renden Person ins Gespr\u00e4ch zu kommen ist allemal leichter, als mit einer geh\u00f6rlosen oder schwerh\u00f6rigen Person, da die Hemmschwelle wegen fehlender Sprachkenntnisse einfach h\u00f6her ist. Was ist, wenn Sie in einem Lokal eine schwerh\u00f6rige oder geh\u00f6rlose Person sehen, die Ihnen gef\u00e4llt? Wie kommunizieren Sie? In Zeiten von Handys ist dies schon leichter geworden \u2013 da kann man einfach S\u00e4tze hin und her tippen. Doch ein Gespr\u00e4ch, beispielsweise in Geb\u00e4rdensprache, wird wohl die Ausnahme bleiben. Lippenablesen funktioniert nur zu 33 %. Idealer N\u00e4hrboden f\u00fcr Missverst\u00e4ndnisse, die man beim Flirten eher vermeiden m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gibt es so etwas wie eine queere Geb\u00e4rdensprache?<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Geb\u00e4rdensprache ist in ihrer Genese eine sehr direkte Sprache. Beispielsweise verzichtet die \u00d6GS fast vollst\u00e4ndig auf Artikel oder auch auf die Verben \u201esein\u201c und \u201ewerden\u201c.  Geb\u00e4rden, so nennt man die W\u00f6rter der Geb\u00e4rdensprache, k\u00f6nnen sehr bildhaft sein, manchmal erscheinen sie logisch, manchmal \u00fcberhaupt nicht. Es gibt f\u00fcr nahezu jedes Wort eine Geb\u00e4rde. Wenn nicht, wird dieses Wort anhand des Fingeralphabets buchstabiert. Wie in allen Sprachen gilt auch hier, dass neue W\u00f6rter (ein st\u00e4ndiges Kommen und Gehen) implementiert werden. Daher fanden LGBTIQ-Begriffe naturgem\u00e4\u00df ebenso Eingang in die \u00d6GS, wie sie ihn in die (deutsche) Lautsprache gefunden haben. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es in der Geb\u00e4rdensprache auch Geb\u00e4rden f\u00fcr m\u00e4nnlich, weiblich, divers, offen, inter, transgender, schwul, lesbisch, bi, queer usw. Die Geb\u00e4rde \u201eschwul\u201c bietet sich in diesem Zusammenhang wunderbar an, um sie etymologisch n\u00e4her anzusehen: Der Begriff Homosexualit\u00e4t beginnt sich in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts zu etablieren \u2013 ohne Belege vorweisen zu k\u00f6nnen, darf davon ausgegangen werden, dass dieser Begriff auch irgendwann in der Geh\u00f6rlosen-Gemeinschaft auftauchte. Im Laufe der Zeit hat die Geb\u00e4rde sich gewandelt \u2013 so war die fr\u00fchere Geb\u00e4rde sehr deutlich auf den Geschlechtsverkehr reduziert, sp\u00e4ter wurde eine andere Geb\u00e4rde, die auf den vermeintlich schwulen Ohrring hindeutete, verwendet, bis schwerh\u00f6rige und geh\u00f6rlose LGBTIQ-Personen im Zuge einer zunehmenden Selbstbewusstseinswerdung eine neutralere Geb\u00e4rde verlangten und auch durchsetzten. Der Begriff \u201equeer\u201c etwa verbreitete sich zunehmend in den 2010er Jahren, da auch hier vermehrt dieser Begriff von schwerh\u00f6rigen und geh\u00f6rlosen geb\u00e4rdensprachigen Menschen verwendet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gibt es auch in der Geb\u00e4rdensprache Abwertungen gegen\u00fcber Menschen. Doch dies h\u00e4ngt meiner Meinung nach stark von der Konnotation, etwa Mimik, Gestik, etc. ab, wie es in der Lautsprache per Betonung geschieht. Anhand eines anderen Beispiels kann man aufzeigen, dass Sprache per se nicht diskriminierend ist, sondern es eher darum geht, wer wie was sagt. Ist der Inhalt des zu vermittelnden inklusiv, wird wom\u00f6glich sofort auch die Sprache inklusiv. Wobei festgestellt werden muss, dass in der Geb\u00e4rdensprache das Genus marginal pr\u00e4sent ist. Geschlecht wird dann sichtbar, wenn es n\u00f6tig wird. Eine Binnen-I-, Gender-Gap- oder Genderstern-Debatte gibt es daher in der Geb\u00e4rdensprache nicht wirklich. Das liegt in der Natur der Sprache selbst. Allenfalls ist in diesem Zusammenhang aber eine wichtige Unterscheidung vorzunehmen: Geb\u00e4rdensprache ist nicht gleich Laut- und Schriftsprache. Selbst die letzten zwei weisen Unterschiede auf. Das Zusammenspiel dieser drei Sprachen kann bei einer Dolmetschung veranschaulicht werden: Dolmetscher\u00ad*innen haben naturgem\u00e4\u00df die Aufgabe eins zu eins von Deutsch in \u00d6GS oder umgekehrt zu \u00fcbersetzen \u2013 wesentlich ist ein kultursensibler Zugang. Geschlechtsneutrale Formulierungen werden daher auch \u00fcbernommen und entsprechend ausformuliert. Machen Vortragende eine Pause, um beispielsweise das Binnen-I oder das Gender-Sternchen zu verdeutlichen, dann wird das entsprechend \u00fcbersetzt. Allerdings kommt es hier manchmal zu einer Lautsprache-Geb\u00e4rde, welche zwar als m\u00f6gliche, aber tunlichst zu vermeidende Form gilt. Das bedeutet jedoch nicht, dass geschlechtsneutrale Formulierungen nicht verwendet werden &#8211; etwa Studierende (die verschriftlichte Version in Geb\u00e4rdensprache k\u00f6nnte STUDIERENDE-PERSONEN hei\u00dfen).<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann daher getrost sagen: Sprache ist so vielf\u00e4ltig, wie ihre Benutzer*in sie anwendet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir an die Vielfalt von Sprachen denken, so fallen uns meistens gesprochene Sprachen, also Lautsprachen, ein. Weniger Beachtung oder Anerkennung finden die Geb\u00e4rdensprachen. Dabei gibt es Forschungen zufolge weit \u00fcber 190 verschiedene Geb\u00e4rdensprachen. Sie wertzusch\u00e4tzen, anzuerkennen und mitzudenken ist notwendig f\u00fcr eine inklusive Gesellschaft. 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