{"id":1487,"date":"2021-09-03T00:11:38","date_gmt":"2021-09-03T00:11:38","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1487"},"modified":"2021-09-02T19:32:52","modified_gmt":"2021-09-02T19:32:52","slug":"keine-angst-vor-psychischen-erkrankungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1487","title":{"rendered":"Keine Angst vor psychischen Erkrankungen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">In der queeren Community d\u00fcrfen Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht stigmatisiert werden. Dabei spielt die Sprache eine wichtige Rolle.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wenn ich \u00fcber das Thema queere Menschen und psychische Erkrankungen nachdenke, kommt bei mir einiges an Wut hoch. Denn es hat bis 1990 gedauert, bis sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchringen konnte, Homosexualit\u00e4t von der Liste der psychischen Erkrankungen zu streichen. Noch schlimmer ist die Situation bei trans*Personen. In den Diagnoseb\u00fcchern, die ich als Psychotherapeut zur Abrechnung von Leistungen mit der Krankenkasse verwenden soll, wird \u201eTranssexualismus\u201c (!) noch immer als psychische Erkrankung eingestuft, was eine Unversch\u00e4mtheit ist. Viel zu sp\u00e4t kommt es nun zu \u00c4nderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Thema Queer-Sein und psychische Erkrankungen ist noch viel an Aufarbeitung notwendig. W\u00fcnschenswert w\u00e4re in \u00d6sterreich eine offizielle Entschuldigung von Seiten der Medizin wie von \u00c4rzt*innen, Psychiater\u00ad*innen und Psycholog*innen. Ein Vorbild k\u00f6nnte die Vorgangsweise von Justizministerin Alma Zadi\u0107 (Die Gr\u00fcnen) sein. Sie hat sich vor Kurzem f\u00fcr die jahrzehntelange strafrechtliche Verfolgung homosexueller Menschen entschuldigt. \u201eDiese Menschen wurden von den Institutionen, die sie eigentlich h\u00e4tten sch\u00fctzen sollen, in ihrer W\u00fcrde, in ihrem Menschsein verletzt\u201c, so die Ministerin. Genau das l\u00e4sst sich auch \u00fcber den Umgang der Medizin mit queeren Menschen sagen. Jahrzehntelang wurden in \u00d6sterreich homosexuelle Personen als psychisch krank abgestempelt. Sie wurden mit Konversionstherapien gequ\u00e4lt und nachhaltig gesch\u00e4digt. Solche Konversionstherapien gibt es immer noch. Daher ist ein gesetzliches Verbot notwendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Diskriminierungserfahrungen f\u00fchren dazu, dass LGBTIQ*-Personen h\u00e4ufiger von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und \u00fcberdurchschnittlich starken \u00c4ngsten betroffen sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Queere Menschen sollten sich daher nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Genauso wichtig ist es, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen innerhalb der LGBTIQ*-Community nicht ausgegrenzt werden. Viele Menschen sind sich bei diesem Thema unsicher und wissen nicht, wie sie dar\u00fcber sprechen sollen. Dazu einige Hinweise:<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen mit einer psychischen Erkrankung werden h\u00e4ufig diskriminiert. Die Stigmatisierung beginnt mit der Sprache. Oft sind Aussagen zu h\u00f6ren wie \u201edie Person ist gest\u00f6rt\u201c &#8211; \u201ehat sich aufgef\u00fchrt wie eine*r Irre*r\u201c &#8211; \u201etickt nicht richtig\u201c &#8211; \u201eist ein*e Psycho\u201c &#8211; \u201ebist du schizo?\u201c. Hinzu kommen Bezeichnungen wie verr\u00fcckt, hysterisch, abartig, nicht-normal, geisteskrank, schwachsinnig etc. Krankenh\u00e4user f\u00fcr Menschen mit einer psychischen Erkrankung werden als Irrenanstalt, Narrenhaus oder Klapsm\u00fchle bezeichnet. Diese negative Sprache f\u00fchrt dazu, dass sich betroffene Menschen zur\u00fcckziehen und sich f\u00fcr die psychische Erkrankung sch\u00e4men. Doch dazu besteht kein Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Fachwelt hat sich durchgesetzt, nicht von \u201epsychisch Erkrankten\u201c, von \u201eDepressiven\u201c, von \u201eSchizophrenen\u201c oder von \u201eManischen\u201c zu sprechen. Denn hier werden Personen einseitig und ausschlie\u00dflich auf die psychische Erkrankung reduziert. Viel besser ist die Formulierung \u201eMenschen mit einer psychischen Erkrankung\u201c oder \u201eMenschen mit einer Depression\u201c. Doch besser ist es, wenn wir von \u201eMenschen mit einer depressiven Episode\u201c oder \u201eMenschen mit einer manischen Episode\u201c sprechen. Damit wird deutlich, dass Menschen nicht nur depressive Episoden, sondern auch gesunde Phasen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei psychischen Erkrankungen existieren oft falsche Vorstellungen: die Personen sind selbst schuld &#8211; sollen sich nicht so anstellen &#8211; sollen sich mehr zusammenrei\u00dfen &#8211; sind zu schwach &#8211; es fehlt an Willenskraft &#8211; haben eine falsche Lebensf\u00fchrung &#8211; nutzen das Sozialsystem aus &#8211; sind faul oder Simulant*innen. Solche Behauptungen sind nachweislich falsch. Tats\u00e4chlich ist es meistens so, dass sich Menschen die Krankheitssymptome lange Zeit nicht eingestehen. Sie versuchen, die Fassade aufrecht zu erhalten und holen sich zu sp\u00e4t Hilfe. Doch je fr\u00fcher sie Hilfe annehmen, umso besser kann ihnen geholfen werden. Die Vorurteile k\u00f6nnen dazu f\u00fchren, dass sich die betroffenen Menschen zur\u00fcckziehen. Viele haben Angst vor negativen Reaktionen und wollen nicht, dass andere Person (wie in der Familie oder in der Arbeit) von der Erkrankung erfahren. Die Geheimhaltung und Tabuisierung sorgt f\u00fcr zus\u00e4tzlichen Stress.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele psychische Erkrankungen sind gut behandelbar. Der Satz \u201eeinmal krank &#8211; immer krank\u201c stimmt nicht. Genauso falsch ist die Annahme, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung aggressiver sind. Die Krankheitssymptome treten unterschiedlich auf, auch der Verlauf der Erkrankung ist individuell. Viele Personen sind trotz der Erkrankung berufst\u00e4tig oder studieren. Genauso individuell sind die Behandlungsm\u00f6glichkeiten. Manche Personen gehen in Psychotherapie, manche nehmen Medikamente, gehen ins Krankenhaus oder beantragen einen Reha-Aufenthalt. Je mehr wir \u00fcber psychische Erkrankungen wissen, umso leichter k\u00f6nnen wir damit umgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir \u00fcber psychische Erkrankungen sprechen, sollten wir diese nicht schockierend oder negativ darstellen, denn es handelt sich hier um Krankheitsph\u00e4nomene, die in unserer Gesellschaft h\u00e4ufig vorkommen. Auch soll uns klar sein, dass jeder Mensch psychisch krank werden kann. F\u00fcr die Personen ist es meistens eine Erleichterung, wenn sie mit Freund*innen dar\u00fcber sprechen k\u00f6nnen. Dabei ist jede diskriminierende Bezeichnung wie \u201eSt\u00f6rung\u201c oder \u201ewar in der Klapsm\u00fchle\u201c zu vermeiden. Nicht empfehlenswert ist beispielsweise die Frage: \u201eWann hast du gemerkt, dass bei dir etwas nicht stimmt?\u201c. Viel besser ist die Formulierung: \u201eWann sind bei dir die ersten Symptome aufgetreten?\u201c. Wenn wir nicht wissen, wie wir helfen k\u00f6nnen, dann ist es ratsam, die betroffenen Personen einfach zu fragen. Je nach Situation und Verlauf der Erkrankung kann die Unterst\u00fctzung unterschiedlich sein. Oft ist es schon hilfreich, empathisch zuzuh\u00f6ren. Ein anderes Mal wollen sich die Menschen zur\u00fcckziehen, weil ihnen gerade alles zu viel ist. Dann sollen wir diesen Wunsch respektieren. Nicht hilfreich sind Standards\u00e4tze wie \u201edas wird schon wieder\u201c, \u201eKopf hoch\u201c oder \u201erei\u00df dich zusammen\u201c. Denn damit f\u00fchlen sich die Personen nicht ernst genommen. Ratsam ist es au\u00dferdem, die Personen nicht nur auf die Erkrankung zu reduzieren, sondern mit ihnen auch \u00fcber andere Themen zu sprechen wie beispielsweise \u00fcber Hobbys, Interessen, Freund*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich Hilfe holt, sollte sich beim Erstgespr\u00e4ch \u00fcber die Ansichten der Mediziner*innen und Psychotherapeut*innen zur sexuellen Vielfalt erkundigen. Ich h\u00f6re immer wieder, dass Menschen wegen einer Depression zu Psychotherapeut*innen gegangen sind und dann sp\u00e4ter die Therapie abgebrochen haben, weil es den Therapeut*innen an der notwendigen Offenheit bei sexuellen Themen und vielf\u00e4ltigen Lebensstilen gefehlt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der queeren Community d\u00fcrfen Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht stigmatisiert werden. Dabei spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Wenn ich \u00fcber das Thema queere Menschen und psychische Erkrankungen nachdenke, kommt bei mir einiges an Wut hoch. 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