{"id":1479,"date":"2021-09-03T00:09:48","date_gmt":"2021-09-03T00:09:48","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1479"},"modified":"2021-09-02T19:33:00","modified_gmt":"2021-09-02T19:33:00","slug":"winzige-arsendosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1479","title":{"rendered":"Winzige Arsendosen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wer gegen Diskriminierung angehen will, lernt schnell, dass die immer mit der Sprache beginnt.<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sprache erf\u00fcllt ihre Funktion nur dann, wenn sie beim Diskriminieren (lateinisch f\u00fcr \u201eunterscheiden\u201c) hilft. \u00dcber Wirkungen, unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen und was man gegen diese tun kann.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Alle Diskriminierung beginnt mit der Sprache. \u201eWorte k\u00f6nnen wie winzige Arsendosen sein: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.\u201c Geschrieben hat das Viktor Klemperer, Bruder des Dirigenten Otto Klemperer, in seinem Tagebuch der Nazi-Jahre \u201eLingua Tertii Imperii\u201c, die \u201eSprache des Dritten Reiches\u201c. Wer dieses Buch gelesen hat, kennt den bedr\u00fcckend unausweichlichen Schritt vom scheinbar harmlosen Wort, das einen Unterschied bezeichnet, hin zur dr\u00f6hnenden, schreienden, stampfenden Parolenpolitik und von dort direkt in die Mordlager der Nazis und anderer totalit\u00e4rer Regimes.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles beginnt mit der Sprache. Denn Sprache unterscheidet (\u201ediskriminiert\u201c) zwangsl\u00e4ufig; das ist auch ihr Strukturprinzip. Der Wortsinn von \u201ediskriminieren\u201c ist \u201eUnterschiede machen\u201c. Wenn wir\u00b4s auf den wei\u00dfgl\u00fchenden Punkt bringen wollen: Sprache ist und Sprache macht Ungleichheit. Sie muss das tun, um f\u00fcr uns Gefahr von Nichtgefahr, Nahrung von Gift, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Sobald sie das nicht mehr tut, hat sie ihre Funktion verloren. <\/p>\n\n\n\n<p>Soweit das erste Learning. <\/p>\n\n\n\n<p>Ohne funktionierende Sprache h\u00e4tten wir\u00b4s nicht einmal ins Neandertal geschafft. Und dass wir jetzt, gemessen am Gebell und Gebl\u00f6ke auf Social Media, wieder auf dem Weg dorthin zur\u00fcck sind, zeigt: Es ist wirklich wichtig, bewusst mit unserer Sprache umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also bedeutet \u201ediskriminieren\u201c: \u201eCerno\u201c bedeutete im Lateinischen sehen und wahrnehmen, \u201ediscernere\u201c stand f\u00fcr genau unterscheiden, auseinanderhalten. Die anr\u00fcchige Bedeutung von Benachteiligung und Entw\u00fcrdigung hat erst die Moderne entwickelt \u2013 \u00fcbrigens zuerst in amerikanischen Gesetzestexten zur unterschiedlichen Rechtsstellung von Schwarzen und Wei\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir lernen daraus zweitens: Die blo\u00dfe Unterscheidung ist meist harmlos. Das Gift der Abwertung und Ungleichbehandlung wird erst sp\u00e4ter reingetr\u00e4ufelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ebnet \u00fcbrigens den Weg zu einem h\u00e4ufig vorgebrachten, weil auf den ersten Blick plausiblen, Argument: Nur wir Menschen tr\u00e4ufeln die Abwertung in die Sprache rein, wenn wir andere diskriminieren \u2013 die arme Sprache kann ja nichts daf\u00fcr; sie ist ja nur ein harmlos rumliegendes Werkzeug. In der besonders perfiden Deutung wird das Gift \u00fcberhaupt erst und nur von denen wahrgenommen (gemeint: erfunden), die sich diskriminiert f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber \u2013 drittes Learning \u2013 die Sprache ist kein harmloses Werkzeug. Sie ist eine Waffe, konstruiert zum Zweck des Diskriminierens bis hin zum Ausschlie\u00dfen, Verletzen, zum Vernichten. Wie eine Schusswaffe, die ja auch nur einen Zweck kennt \u2013 abschrecken, verletzen, t\u00f6ten. Nicht die Waffe t\u00f6tet, sondern nur der Mensch, der den Abzug dr\u00fcckt? Sch\u00f6n w\u00e4r\u00b4s.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wer das vorbringt, sagt vielleicht auch \u201eSchwarze\/r\u201c ohne b\u00f6se Absicht: Die Hautfarbe ist ja ein an sich sachliches Kriterium, das erst dann rassistisch wird, wenn es in dieser Absicht gebraucht wird. <\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle das vierte Learning: Es gibt mindestens einen sehr guten Grund, nicht alle eigentlich ungerechtfertigten sprachlichen Unterscheidungen abzuschaffen. Denn wie sollte man dann noch die schrecklichen Wege der Benachteiligung, Zerst\u00f6rung und Vernichtung beschreiben, die wir in der Vergangenheit bestimmten Gruppen zugemutet haben (und manchmal heute noch zumuten)? Black Live Matters ist nicht Vergangenheit, sondern im Wortsinn brennende Gegenwart. Wie damit umgehen, wenn wir die daf\u00fcr n\u00f6tigen Begriffe und Worte ausradiert haben?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Und eines noch: Die Kategorien schwarz und wei\u00df sind h\u00f6chst ungenau, jedenfalls nicht eindeutig; dazwischen liegen unbegrenzt viele Abstufungen. Und wir packen jede Menge Eigenschaften\/Vorurteile drauf, wenn wir sie erst einmal gefunden haben: \u201eFrauen reden, M\u00e4nner handeln.\u201c Klingt plausibel. Verwenden wir aber das viel genauere \u201ePersonen mit weiblichen\/m\u00e4nnlichen Geschlechtsorganen, die sich auch als weiblich\/m\u00e4nnlich definieren\u201c, f\u00e4llt die fehlende Logik des Zusammenhanges leichter und schneller auf.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn wir schon bei den \u201eSchwarzen\u201c sind: Die Klassifizierung geht vom Wei\u00dfen aus, den wir Wei\u00dfe als Normalfall voraussetzen. Wer \u201eandersrum\u201c ist, bestimmt der Hetero, sich selbst als Normalfall sehend. Wer heute noch, ohne zu stocken, \u201edie \u00c4rzte\u201c sagt, ist wahrscheinlich ein Mann, der vom einstigen Normalfall \u201eFrauen sind mitgemeint\u201c noch nicht losgekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles, was vom Normalfall abweicht, ist anders, abweichend, fremd. Wer also den \u201eNormalfall\u201c nicht in Frage stellt, kann gar nicht anders als in die Sprachfalle zu gehen, die, seit es Sprache gibt, f\u00fcr das Fremde Vorsicht und Abgrenzung bereith\u00e4lt, Herabw\u00fcrdigung und Benachteiligung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das mag einst gute, f\u00fcrs \u00dcberleben wichtige Gr\u00fcnde gehabt haben. Aber wo finden sich heute so gute Gr\u00fcnde, wenn wir zum Beispiel nach dem Geschlecht differenzieren und \u201edie G\u00e4rtnerin\u201c sagen: Die braucht ja nur Dinge zu wissen und zu tun, die mit ihrem Geschlecht nullkommanix zu tun haben (harmloses Beispiel). Oder (heikleres Beispiel, aber genauso fragw\u00fcrdig) \u201edie Kinderg\u00e4rtnerin\u201c? Besonders schlimm f\u00e4llt die Ausgrenzung und Benachteiligung aber bei Begriffen wie \u201eHomosexuelle\u201c auf: Dass ein erheblicher Teil der Menschen, man kann es nicht anders sagen, reduziert wird und schon dadurch herunterqualifiziert auf das Niveau der blo\u00dfen Sexualit\u00e4t, daf\u00fcr gibt es nicht einmal den Schimmer einer Begr\u00fcndung. \u201eHomosexuelle\u201c ist ein Kampf- und Ausgrenzungsbegriff von Heteros, Kirchen und Weltanschauungen, die mit Menschen nicht zurechtkommen, die blo\u00df in einem Lebenssegment anders funktionieren als sie.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterscheidungen der Sprache sind best\u00e4ndig gewordene Kodierungen von Gesellschaft und Kultur; sie wurden selbstverst\u00e4ndlich und wirken h\u00f6chst praktisch. Wenn alles so gut funktioniert \u2013 wozu dann nachdenken \u00fcber Alternativen zur Benachteiligung durch Sprache?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich wird es nicht damit getan sein, einfach ein N-Wort durch ein braveres zu ersetzen, weil das den \u201eNormalfall\u201c nicht in Frage stellt, in dem die b\u00f6sen W\u00f6rter\/Unterscheidungen\/Zuschreibungen wurzeln. Wahrscheinlich werden wir nicht mehr k\u00f6nnen als immer weiter vorw\u00e4rts zu stolpern mit dem immer neu zu unternehmenden Versuch, die Unterscheidungen (und ihre manchmal irrationale Basis) anzusprechen: Was spricht gegen das Lehrpersonal, die Reinigungskraft, das Chormitglied? Eigentlich nur, dass wir es nicht gew\u00f6hnt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen M\u00f6glichkeiten bleiben ja erhalten \u2013 vom Binnen-I \u00fcber den Gender Gap bis hin zur expliziten Benennung aller Geschlechter. M\u00fchsam? Sicher. Aber die Sache wert. Es geht dabei auch darum, langsam (sowas geht nur langsam) das eigene und das Bewusstsein der Umwelt zu bilden, der Umwelt so zu zeigen, dass man das Thema ernst nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Thema ist, dass wir schon durch die Sprache beginnen, andere zu benachteiligen. Und dass das so nicht bleiben soll, wenn wir die W\u00fcrde des Menschen ernst nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also auch unsere eigene.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer gegen Diskriminierung angehen will, lernt schnell, dass die immer mit der Sprache beginnt. Sprache erf\u00fcllt ihre Funktion nur dann, wenn sie beim Diskriminieren (lateinisch f\u00fcr \u201eunterscheiden\u201c) hilft. \u00dcber Wirkungen, unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen und was man gegen diese tun kann. 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