{"id":1459,"date":"2021-09-03T00:04:13","date_gmt":"2021-09-03T00:04:13","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1459"},"modified":"2021-12-02T21:18:55","modified_gmt":"2021-12-02T21:18:55","slug":"berlinale-teddy-rueckschau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1459","title":{"rendered":"Berlinale-Teddy-R\u00fcckschau"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vergangenheitsbew\u00e4ltigung in politisch turbulenten Zeiten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Das Summer Special der 71. Berlinale im Juni umfasste auch die Open-Air-Filmvorf\u00fchrungen der 15 f\u00fcr den 35. Teddy Award nominierten Filme. Einige davon beschrieb ich bereits in meinem BERLINALE-Beitrag der vorigen <\/p>\n\n\n\n<p>Lambda-Ausgabe, zum Beispiel \u201e<strong>Genderation<\/strong>\u201c von Monika Treut, \u201eGl\u00fcck\u201c von Henrika Kull  und \u201e<strong>North by current<\/strong>\u201c von Angelo Madsen Minax. Weitere zu besprechende Filme sind unter anderem \u201e<strong>Das M\u00e4dchen und die Spinne<\/strong>\u201c von Ramon und Silvan Z\u00fcrcher, \u201e<strong>Moon, 66 Questions<\/strong>\u201c von Jacqueline Lentzou und \u201e<strong>The Scary of Sixty-First<\/strong>\u201c von Dasha Nekrasova, die sich allesamt unter anderem mit der Aufarbeitung und Verarbeitung der Vergangenheit auseinandersetzen. So erz\u00e4hlt der schweizerische Beitrag \u201eDas M\u00e4dchen und die Spinne\u201c von der Aufl\u00f6sung einer Wohngemeinschaft und den Verwicklungen rund um den Umzug und die HelferInnen, w\u00e4hrend die griechisch-franz\u00f6sische Koproduktion \u201eMoon, 66 Questions\u201c die Protagonistin in ihre alte Heimat zur\u00fcckkehren l\u00e4sst, um den erkrankten Vater zu pflegen und sich l\u00e4ngst vergangenen Bildern und Prozessen zu stellen. In \u201eThe Scary of Sixty-First\u201c aus den USA geht es noch weitaus brisanter zu, wenn zwei BewohnerInnen eines New Yorker Apartments den gewaltt\u00e4tigen Exzessen Jeffrey Epsteins nachsp\u00fcren und gemeinsam zu einem solidarischen Racheakt ausholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Preistr\u00e4gerInnen der Teddy Awards besch\u00e4ftigen sich mit Vergangenheit und Erinnerung und den Einfl\u00fcssen, die diese auf Lebensf\u00fchrung und Entscheidungen der ProtagonistInnen haben. Andererseits geht es in diesen Beitr\u00e4gen vor allem auch ums \u00dcberleben trotz aller Widrigkeiten und um den Kampf, den die ProtagonistInnen in ihrem jeweiligen Alltag f\u00fchren. So stellt sich der Portraitierte in Eliane Rahebs Beitrag \u201e<strong>Miguel\u2019s War<\/strong>\u201c (Libanon\/D\/Spanien), der mit dem Teddy f\u00fcr den besten Langfilm geehrt wurde, seinen Sehns\u00fcchten nach Liebe und Vergebung, reist nach Jahrzehnten im Exil zur\u00fcck in seine fr\u00fchere Heimat Libanon und konfrontiert sich mit den eigenen schmerzvollen Erinnerungen und Gef\u00fchlen. Er geht den traumatischen Erlebnissen, die er in seiner Familie erlitt, nach und sucht nach einem Ausweg aus dem Dilemma aus Verbitterung und Schuldgef\u00fchlen. Laut der Regisseurin wollte Miguel sich durch das Erz\u00e4hlen befreien, und so entstand der Film, dessen Hintergrund der komplizierte B\u00fcrgerkrieg im Libanon ist. Nach Ende des Krieges gab es keine Auss\u00f6hnung, keine Amnestie, keinen Plan, wie es weitergehen soll. Und die Situation ist immer noch schwierig im Libanon. Das alles verarbeitet Raheb in ihrem Film und zeigt den Protagonisten, wie er sich in der neuen alten Situation in seinem Land zurechtfindet und sich gleichzeitig mit seinen Albtr\u00e4umen zu vers\u00f6hnen sucht. Familie, Religion und Faschismus k\u00f6nnen die Individualit\u00e4t einer Person zerst\u00f6ren, so die Regisseurin \u00fcber Miguels Trauma: \u201eEmotional gesehen lebt er weiterhin im Libanon, k\u00f6rperlich ist er in Spanien\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander, ein Transmann, und seine Frau Mari erleben diesen pers\u00f6nlichen und politischen Kampf hautnah in Yana Ugrekhelidzes mit dem Teddy Jury Award ausgezeichneten Film \u201e<strong>Instructions for survival<\/strong>\u201c (D). Hier begleitet die Kamera das Alltagsleben des jungen Paares im heutigen Georgien. Es geht weniger um die Verarbeitung der Vergangenheit, als um das \u00dcberleben in einer archaisch-konservativ gepr\u00e4gten Gesellschaft, in der es gef\u00e4hrlich sein kann, die eigene Identit\u00e4t zu offenbaren, wenn diese von der Mainstreamgesellschaft als fremd und feindlich wahrgenommen wird. Der Protagonist erz\u00e4hlt, dass er abends nach der Arbeit zu Hause er selbst sein kann, aber drau\u00dfen muss er sich permanent verstecken, um sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen. Die Regisseurin beschreibt die Situation in Georgien so, dass es in der Hauptstadt m\u00f6glich ist auch als queere Person akzeptiert zu sein und ein gl\u00fcckliches Leben zu f\u00fchren. Au\u00dferhalb der Gro\u00dfstadt habe man aber kaum eine Chance, ein selbstbestimmtes und erf\u00fclltes Leben zu f\u00fchren, wenn man sich nicht mit seiner Identit\u00e4t und Orientierung verstecken m\u00f6chte. Andererseits f\u00fchre diese Situation dazu, dass Transpersonen und Homosexuelle aus l\u00e4ndlichen Gebieten in die Gro\u00dfstadt fliehen und dort aus Mangel an famili\u00e4rer Unterst\u00fctzung in der Prostitution landen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den pers\u00f6nlichen Kampf, der einerseits f\u00fcr das eigene \u00dcberleben notwendig ist, jedoch in seiner Gefahr auch das eigene Leben kosten kann, behandelt auch der mit dem Teddy Award ausgezeichnete Kurzfilm \u201e<strong>International dawn chorus day<\/strong>\u201c von John Greyson aus Kanada. Dieser international gefeierte Tag existiert tats\u00e4chlich; jedes Jahr im Mai lauschen die TeilnehmerInnen bewusst dem fr\u00fchmorgendlichen Vogelgezwitscher. Greyson zeigt uns das Geschehen als eine Videokonferenz bei der die V\u00f6gel sich versammeln und einander Neuigkeiten zuzwitschern, w\u00e4hrend Menschen pandemiepolitisch bedingt in ihren Wohnungen eingesperrt sind. In der Story Greysons werden politische Themen, Anliegen und Informationen diskutiert und ausgetauscht. Dabei geht es in der verwirrten und verwirrenden Utopiewelt, in der sich die Vogelgesellschaft \u00fcber die merkw\u00fcrdige Menschenwelt mit ihren Grenzen, Krankheiten und Gewaltt\u00e4tigkeiten unterh\u00e4lt, auf einer anderen Ebene um kritische FilmemacherInnen, satirische Musikvideok\u00fcnstlerInnen und queere AktivistInnen, die f\u00fcr ihren politischen Kampf mit Gef\u00e4ngnisstrafe, Flucht und Tod bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Last but not least wurde die US-amerikanische Filmemacherin, Filmproduzentin, Autorin, Historikerin, K\u00fcnstlerin, Filmkuratorin, Filmprogrammerin und vor allen Dingen Filmliebhaberin Jenni Olson \u201ef\u00fcr ihre jahrzehntelange br\u00fcckenbauende Arbeit, mit der sie queere Filmgeschichte sicht- und greifbar macht\u201c, mit dem Special Teddy Award ausgezeichnet. Sie fing in den 1990ern selbst mit dem Filmen, genauer gesagt mit ihren Essayfilmen an, anhand derer sie die ZuschauerInnen eine Verbindung zu ihren eigenen Gef\u00fchlen herstellen lassen will. \u201e<strong>The Joy of Life<\/strong>\u201c (2005): Voice-over-Doku anl\u00e4sslich des Selbstmordes eines Freundes vor Hintergrundbildern historischer Geb\u00e4ude, die dem Verfall anheim gegeben werden, und \u201e<strong>The Royal Road<\/strong>\u201c (2015): US-amerikanische Geschichtsstunde und Begegnung mit angehimmelter Frau von der Regisseurin selbst gesprochen vor dem Hintergrund nostalgisch-idyllischer Landschaften und Bauwerke, beide in Spielfilml\u00e4nge, hatten jeweils auf dem Sundance Film Festival Premiere. Unter anderem war Olson auch Co-Direktorin des San Francisco International LGBTQ Film Festivals.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergangenheitsbew\u00e4ltigung in politisch turbulenten Zeiten Das Summer Special der 71. 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