{"id":1441,"date":"2021-09-03T00:01:57","date_gmt":"2021-09-03T00:01:57","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1441"},"modified":"2021-09-02T19:33:59","modified_gmt":"2021-09-02T19:33:59","slug":"lob-des-schweigens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1441","title":{"rendered":"Lob des Schweigens"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Lambda untersucht die Sprache und steckt ihr zu diesem Zweck die Finger sonstwo rein; h\u00f6chste Zeit f\u00fcr uns von der ARGE SCHAS (Sch\u00f6ner Als Sex), das Schweigen zu brechen und zu preisen. Ich wei\u00df, wovon ich rede, denn ich habe mich fast um Kopf und Kragen gequasselt, wieder einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Neulich an der Alten Donau, bei Tante Gretl, ihren Powidltascherln und ihrer Tarock-Runde. \u201eBrauchst gar nicht mehr kommen n\u00e4chstes Mal, wennst wieder anfangst mit dem Gendern und dem ganzen Bl\u00f6dsinn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das war eine Drohung: Ihre schwitzenden Kumpane im Dralon-Outfit w\u00e4ren mir ja sowas von powidl \u2013 aber ihre Powidl\u00adtascherln nicht. Ich hatte Tante Gretl mangels Streitgelegenheiten bisher so ein bissl retro weiblich &amp; konfliktscheu eingeordnet. Aber ein falsches Wort gen\u00fcgte (meinetwegen, es waren vielleicht ein paar Worte mehr meinerseits), dass sie mir quasi alles auf einmal entziehen w\u00fcrde.  77 und bissig wie eine Stute.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Gretl ist in dieser Hinsicht beunruhigend modern: 1x Sprechverbot nicht einhalten und fort w\u00e4ren die Powidl\u00adtascherln (sie nimmt Sternanis und Rum zur Frucht!). Ausgrenzung, Sanktion, Entzug von Lebensnotwendigem: Genauso machen es gerade die Deutschen, die ihre gr\u00fcne Kanzlerkandidatin abstrafen, weil die beim Erz\u00e4hlen einer sie emp\u00f6renden Geschichte einen identit\u00e4ren Ungustl zitiert hatte, der \u201eNeger\u201c gesagt und es genau wie in seinen Kreisen \u00fcblich gemeint hatte. Wie gesagt, sie hatte ihn zitiert, kritisch dazu, und wie. Ergebnis: Annalena Baerbock kroch auf dem Bauch, noch vor der Ausstrahlung der Sendung und entschuldigte sich x-mal \u00f6ffentlich. Es t\u00e4te ihr aber sowas von Leid.<\/p>\n\n\n\n<p>Geht\u2019s noch?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ja, dann schlecht. Kommunikation sollte doch der Verst\u00e4ndigung dienen. Wie vertr\u00e4gt sich das aber mit den zunehmend verh\u00e4ngten Sprechverboten, den zahllosen Tabu-Worten, den existenzgef\u00e4hrdenden Sanktionen f\u00fcr unerw\u00fcnschte \u201eSager\u201c? Die L\u00f6sung kann nur sein, dass wir lernen m\u00fcssen, einander schweigend zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Valentin hat gesagt, Kunst ist sch\u00f6n, macht aber viel Arbeit. Auch Schweigen kann sch\u00f6n sein, aber die Arbeit damit! In \u00d6sterreich gibt es keine relevante Umfrage dazu, wohl aber in Deutschland, obwohl die keine Ahnung haben vom Wert des Powidl: Dort haben im Juni 44 Prozent der Befragten angegeben, dass sie sich zu bestimmten Themen nicht mehr frei \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. Und das sind nicht die f\u00fcnf Prozent dussligen Holocaust-Leugner, sondern es ist fast die H\u00e4lfte der Einwohner des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>Sind die alle bekloppt? Kaum. <\/p>\n\n\n\n<p>Und selbst, wenn: F\u00fcr das Zusammenleben hei\u00dft das nichts Gutes, wenn fast die H\u00e4lfte f\u00fchlt und sagt, sie bek\u00e4me einen Maulkorb umgebunden. Dazu kommt, dass Sprachtabus zwar gute Absichten verfolgen wie Respekt und R\u00fccksichtnahme, aber diese Ziele oft himmelweit verfehlen, weil Zorn und Erbitterung \u00fcber die allgegenw\u00e4rtigen Diktate Trotz ausl\u00f6sen: Gretls Gender-Tabu soll zwar nur ihre Kartendippler vor Langeweile sch\u00fctzen oder dem Herzinfarkt, aber in mir rumort deshalb der Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich also: Wie wollen wir miteinander reden? Antwort, derzeit: Gar nicht. Ich h\u00e4tte einfach den Schnabel halten und die Br\u00f6sel (mit Mandelstaub gemischt!) loben sollen. Denn dem, der nichts sagt, geht es besser als dem, der besser nichts gesagt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter k\u00f6nnte mit dieser Art Wortkargheit General-Oberin des Trappistenordens sein: Sie schweigt immer und \u00fcberall, wo ihr nichts Besseres einf\u00e4llt. Mit Tante Gretl redet sie seit Jahren so gut wie nichts. Ihr Schweigen dr\u00fcckt je nach Stimmung z\u00e4rtlichste Liebe oder vernichtende Ablehnung oder irgendwas dazwischen aus, man kann\u2019s sich aussuchen. So war das seit jeher, sagt Gretl. Und ist froh \u00fcber die Stille.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter auch: Gretl war einfach immer die Kl\u00fcgere, hat sie mir einmal erz\u00e4hlt. Da war nichts zu machen. Und statt st\u00e4ndig neue Abfuhren von der eloquenten Schwester zu kassieren, erfand sie f\u00fcr sich das Schweigen: \u201eMir ist einfach nichts eingefallen, wei\u00dft du\u201c, sagte sie. \u201eUnd sp\u00e4ter habe ich gemerkt, dass es im ganzen Leben so ist: Die Wortkargen imponieren immer. Man glaubt schwer, dass jemand kein anderes Geheimnis h\u00fctet als dass ihm einfach nichts einf\u00e4llt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lambda untersucht die Sprache und steckt ihr zu diesem Zweck die Finger sonstwo rein; h\u00f6chste Zeit f\u00fcr uns von der ARGE SCHAS (Sch\u00f6ner Als Sex), das Schweigen zu brechen und zu preisen. Ich wei\u00df, wovon ich rede, denn ich habe mich fast um Kopf und Kragen gequasselt, wieder einmal. 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