{"id":10225,"date":"2026-09-04T00:24:00","date_gmt":"2026-09-03T22:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10225"},"modified":"2026-09-02T21:02:07","modified_gmt":"2026-09-02T19:02:07","slug":"wenn-angst-forschung-lenkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10225","title":{"rendered":"Wenn Angst Forschung lenkt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Queere Themen unerw\u00fcnscht: Die Devise der aktuellen US-Regierung k\u00f6nnte kaum deutlicher sein. Forschungsgelder in Millionenh\u00f6he werden gestrichen. Universit\u00e4ten geraten unter massiven politischen Druck. Begriffe wie gender, LGBT oder discrimination&nbsp;verschwinden aus F\u00f6rderantr\u00e4gen. Datens\u00e4tze zu LGBTIQ+-Themen werden aus \u00f6ffentlichen Archiven entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was in den USA seit Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps Forschende und queere Organisationen besch\u00e4ftigt, sorgt l\u00e4ngst auch auf der anderen Seite des Atlantiks f\u00fcr Unruhe. Forschende in Europa, die zu marginalisierten Gruppen arbeiten, warnen vor den Folgen der Repressionspolitik Trumps \u2013 nicht nur f\u00fcr die Wissenschaft. Sie sprechen von Informationsverlusten, die Gesellschaften \u00fcber Jahrzehnte zur\u00fcckwerfen k\u00f6nnten. Aber auch von Angst, Autozensur und einer Gef\u00e4hrdung der \u00f6ffentlichen Gesundheit und Sicherheit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von Autozensur und Notfallnummern<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch erwische mich immer \u00f6fter dabei, mich zu fragen: \u201aSoll ich das so sagen? Wird mir das sp\u00e4ter zum Verh\u00e4ngnis?\u2018 Das geht schon krass in Richtung Autozensur\u201c, erz\u00e4hlt Rapha\u00ebl Bize vom Universit\u00e4ren Zentrum f\u00fcr Allgemeinmedizin und \u00f6ffentliche Gesundheit (Unisant\u00e9) in Lausanne. Der Mediziner forscht zu queerer Gesundheit. Noch seien die Folgen der US-Politik in der Schweiz vor allem in internationalen Kooperationen sp\u00fcrbar. Dennoch wachse auch hierzulande die Unsicherheit. \u201eEinerseits mache ich mir Sorgen um meine wissenschaftliche Arbeit, dass sich etwa ein \u201afalscher\u2018 Kommentar negativ auf die Bewilligung eines F\u00f6rderantrags auswirkt. Gleichzeitig frage ich mich zunehmend, ob ich mich wom\u00f6glich selbst in Schwierigkeiten bringen k\u00f6nnte, etwa bei Reisen ins Ausland.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch andere haben solche Bedenken. Als Tabea H\u00e4ssler von der Universit\u00e4t Z\u00fcrich im Februar 2026 zu einer wissenschaftlichen Konferenz \u00fcber LGBTIQ+ Themen in die USA reist, erh\u00e4lt die Professor*in f\u00fcr Sozialpsychologie und Gruppenverhalten von ihrem Arbeitgeber eine ungew\u00f6hnliche Empfehlung: H\u00e4ssler soll nur mit einem vollst\u00e4ndig bereinigten und auf Werkseinstellungen zur\u00fcckgesetzten Laptop einreisen. \u201eUm sicherzugehen, dass ich mit keinen Daten unterwegs bin, die mich in Gefahr bringen k\u00f6nnten\u201c, erz\u00e4hlt H\u00e4ssler. Doch nicht nur das: \u201eSie haben mir geraten, alle Telefonnummern aufzuschreiben, die ich im Notfall anrufen kann \u2013 falls bei der Einreise etwas schiefgeht.\u201c <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Angst breitet sich aus<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Konferenz in Chicago erlebt Tabea H\u00e4ssler hautnah, wie sich der politische Druck inzwischen auf die internationale Forschungsgemeinschaft auswirkt. \u201eVon zw\u00f6lf Personen im Organisationsteam waren nur vier anwesend. Die anderen kamen nicht, aus Angst vor der Einreise.\u201c Auch die Zahl der Konferenzbeitr\u00e4ge brach ein: \u201eWir hatten etwa halb so viele Einreichungen wie im Vorjahr.\u201c Internationale Kooperationen werden so zunehmend erschwert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer sp\u00fcrbar angespannten Atmosph\u00e4re h\u00f6rt H\u00e4ssler von Forschenden aus den unterschiedlichsten Teilen der USA, was das aktuelle Klima konkret bedeutet: \u201eAn einer Universit\u00e4t in Florida d\u00fcrfen LGBTIQ+-Themen im Unterricht nicht mehr erw\u00e4hnt werden. Gleichzeitig brechen \u00f6ffentliche F\u00f6rdergelder weg. Selbst Eliteuniversit\u00e4ten m\u00fcssen deshalb Stellen abbauen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um den Wegfall \u00f6ffentlicher Mittel aufzufangen, versuchen Forschende, private Stiftungen als Geldgeberinnen zu gewinnen. Doch auch dort sto\u00dfen sie zunehmend an Grenzen, sagt die Leiterin eines Forschungsinstituts einer amerikanischen Eliteuniversit\u00e4t, die anonym bleiben m\u00f6chte. Die Folge: Projekte werden eingestellt, Stellen gestrichen. \u201eViele geben auf. Sie wechseln ihr Forschungsgebiet oder verlassen die USA \u2013 aus Sorge um ihre Zukunft oder ihre Familie.\u201c Die amerikanische Forschungslandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Allein staatliche Forschungsbeh\u00f6rden verloren seit 2025 mehr als 10 000 wissenschaftliche Mitarbeitende in naturwissenschaftlichen Disziplinen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was verschwindende Daten bedeuten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders alarmierend ist das rasche Verschwinden wissenschaftlicher Daten durch diesen Umbruch. Vor allem sind Informationen zur Gesundheit und Lebensrealit\u00e4t queerer Menschen, zu HIV, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t betroffen. Viele stammen aus den USA, werden aber weltweit genutzt, womit die Folgen l\u00e4ngst international sind. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit den Daten verschwindet auch Sichtbarkeit. Wo Evidenz fehlt, gewinnen ideologische Behauptungen an Gewicht. Anti-queere Bewegungen erhalten mehr Raum, ihre Narrative zu verbreiten. H\u00e4ssler best\u00e4tigt, dass auch in der Schweiz Anti-Gender- und Anti-LGBT-Bewegungen an Einfluss gewinnen. Und so gibt es in der Schweiz inzwischen Vorst\u00f6\u00dfe, den Zugang Jugendlicher zu geschlechtsbejahenden Behandlungen einzuschr\u00e4nken. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die Entwicklung l\u00f6st nicht nur R\u00fcckzug aus. Sie f\u00fchrt auch zu neuen Formen internationaler Solidarit\u00e4t. F\u00fcr H\u00e4ssler ist klar: \u201eDas Ph\u00e4nomen beginnt nicht in den USA \u2013 und endet auch nicht dort.\u201c H\u00e4ssler verweist auf Ungarn, wo die Regierung unter Viktor Orb\u00e1n die Rechte von LGBTIQ+-Menschen in den vergangenen Jahren schrittweise beschnitten hatte. Gleichzeitig sei dort eine neue Form internationaler Solidarit\u00e4t sichtbar geworden: \u201eAls die Regierung die Pride in Budapest massiv einschr\u00e4nken wollte, gingen Hunderttausende auf die Stra\u00dfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenso r\u00fcckt die internationale Forschungsgemeinschaft enger zusammen, um Daten zu sichern und dem zunehmenden Informationsverlust entgegenzuwirken. Dies best\u00e4tigt auch die anonyme Wissenschaftlerin aus den USA. \u201eWir bauen eigene Datenbanken auf, um unabh\u00e4ngig von staatlichen Infrastrukturen zu sein.\u201c Denn: Der Angriff richtet sich nicht nur gegen einzelne Forschende. Was verloren geht, sind nicht nur Datens\u00e4tze. Es ist die Grundlage, auf der wissenschaftliche Erkenntnis und politische Entscheidungen entstehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vorsorge in unsicheren Zeiten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in der Schweiz w\u00e4chst die Sorge, dass sich das politische Klima \u00e4ndern k\u00f6nnte. \u201eWir m\u00fcssen jetzt m\u00f6glichst viele Erkenntnisse gewinnen, solange die Rahmenbedingungen g\u00fcnstig sind\u201c, sagt Rapha\u00ebl Bize mit Blick auf das Nationale Forschungsprogramm NFP 83 \u201eGender, Medizin und Gesundheit\u201c. \u201eWir wissen nicht, ob wir in einigen Jahren noch einmal dieselben M\u00f6glichkeiten haben werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich denken auch Tabea H\u00e4ssler und L\u00e9\u00efla Eisner. Gemeinsam leiten sie das Schweizer LGBTIQ+ Panel \u2013 eine Langzeitstudie zur Lebensrealit\u00e4t queerer Menschen in der Schweiz. Gerade weil langfristige Datenerhebungen immer wertvoller werden, versuchen sie, das Projekt m\u00f6glichst krisenfest aufzustellen, durch flexible Strukturen und vermehrt Finanzierungen durch private Stiftungen, um unabh\u00e4ngiger von politischen Entwicklungen zu werden. Von \u00f6ffentlicher Seite w\u00fcnschen sich beide mehr R\u00fcckhalt. \u201eEs fehlt an klaren Signalen, dass solche langfristigen Projekte auch k\u00fcnftig politisch gewollt sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) besch\u00e4ftigt die Entwicklung die Verantwortlichen. Laure Ognois, Leiterin der Abteilung Internationale Zusammenarbeit, best\u00e4tigt, dass derzeit eine \u00dcberarbeitung der internationalen Strategie im Gange ist. Ziel sei es, Forschende st\u00e4rker f\u00fcr geopolitische Risiken zu sensibilisieren und wissenschaftliche Kooperationen breiter abzust\u00fctzen. \u201eWir wollen Forschende dazu anregen, bei internationalen Projekten genauer hinzuschauen: Mit wem arbeite ich zusammen \u2013 und welche Risiken bringt das mit sich?\u201c Gleichzeitig sucht der SNF nach neuen internationalen Partnern, etwa in Japan, Singapur oder Kanada. \u201eDie USA bleiben ein wichtiger Partner. Aber wir m\u00fcssen Alternativen aufbauen, damit wir im Fall geopolitischer Ver\u00e4nderungen handlungsf\u00e4hig bleiben\u201c, so Ognois.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der politische Druck auf die Wissenschaft macht l\u00e4ngst nicht mehr an Landesgrenzen halt. Die eigentliche Herausforderung beginnt deshalb nicht erst dort, wo Daten verschwinden oder F\u00f6rdergelder gestrichen werden. Sondern dort, wo Forschende aus Angst ihre Fragestellungen, ihre Sprache oder ihre Themen \u00e4ndern. Denn was nicht mehr erforscht wird, verschwindet fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Queere Themen unerw\u00fcnscht: Die Devise der aktuellen US-Regierung k\u00f6nnte kaum deutlicher sein. Forschungsgelder in Millionenh\u00f6he werden gestrichen. Universit\u00e4ten geraten unter massiven politischen Druck. Begriffe wie gender, LGBT oder discrimination&nbsp;verschwinden aus F\u00f6rderantr\u00e4gen. Datens\u00e4tze zu LGBTIQ+-Themen werden aus \u00f6ffentlichen Archiven entfernt. 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