{"id":10212,"date":"2026-09-04T00:21:00","date_gmt":"2026-09-03T22:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10212"},"modified":"2026-09-02T20:45:02","modified_gmt":"2026-09-02T18:45:02","slug":"unsichtbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10212","title":{"rendered":"(Un)sichtbarkeit"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Aromantik und Asexualit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">\u201eWann hattest du eigentlich zuletzt Sex?\u201c F\u00fcr viele ist das eine harmlose Frage unter Freund*innen. F\u00fcr andere folgt auf die ehrliche Antwort sofort Irritation: \u201eSo lange schon?\u201c Oder die Vermutung, mit der romantischen Beziehung, die man f\u00fchrt, m\u00fcsse etwas nicht stimmen. Vielleicht kennst du das auch, wenn ein*e gute*r Freund*in sich nicht mehr meldet, sobald sie in einer romantischen Beziehung ist. All diese Situationen beschreiben gesellschaftliche Normen, die unser Zusammenleben st\u00e4rker pr\u00e4gen als vielen bewusst ist, und die f\u00fcr uns aromantische und asexuelle Menschen allt\u00e4gliche Diskriminierung bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Normen nennen sich Allo- und Amatonormativit\u00e4t. Allonormativit\u00e4t f\u00fchrt zu der Vorstellung, dass Sex etwas ist, das alle haben sollten, und zwar auf eine bestimmte Art, in einer bestimmten Beziehungsform und H\u00e4ufigkeit. Amatonormativit\u00e4t hingegen beschreibt die Annahme, dass man ohne monogame romantische Beziehung verloren oder unvollst\u00e4ndig ist, und dass romantische Beziehungen im Leben immer volle Priorit\u00e4t vor allen anderen Beziehungen erfordern. Weicht man von diesen Normen ab, wird h\u00e4ufig angenommen, man sei ungl\u00fccklich, unabh\u00e4ngig von den eigentlichen Bed\u00fcrfnissen, die man hat, und der tats\u00e4chlichen Lebenssituation, in der man ist. Diese Normen betreffen uns alle, pr\u00e4gen aber insbesondere die Annahme, dass alle Menschen alloromantisch (= nicht aromantisch) und allosexuell (= nicht asexuell) sind. Diese Unsichtbarmachung ist eine Form der Diskriminierung und wird als \u201eErasure\u201c bezeichnet: Die Existenz einer Gruppe wird ignoriert, Erfahrungen werden abgesprochen oder als irrelevant angesehen. Es ist eine Diskriminierungsform, die die gesamte queere Community betrifft. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aromantisch, nicht krank. Asexuell, nicht krank.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders deutlich zeigen sich die Folgen von Erasure im Gesundheitswesen. Weil aromantische und asexuelle Lebensrealit\u00e4ten unsichtbar gemacht werden, werden wir h\u00e4ufig nicht als Teil menschlicher Vielfalt wahrgenommen, sondern als \u201eanders\u201c konstruiert. Dadurch entstehen Vorstellungen, wir seien defizit\u00e4r, \u201ekaputt\u201c oder sogar unmenschlich. \u00c4rzt*innen suchen deshalb bei Abweichungen von Allo- oder Amatonormativit\u00e4t oft nach einer \u201eUrsache\u201c, etwa einer Hormonst\u00f6rung, Medikamentennebenwirkung oder einer psychischen Erkrankung. Im Aro Census 2020 Report gab die H\u00e4lfte der aromantischen Teilnehmenden etwa an, dass andere versucht hatten oder vorgeschlagen hatten, sie zu \u201ereparieren\u201c oder zu \u201eheilen\u201c. Auch in der Umfrage \u201eAro- und Acefeindlichkeiten\u201c (2023) wurde berichtet, dass Aromantik durch Diagnosen wie Alexithymie, Sozialphobie, Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen oder Autismus als \u201ekrank\u201c umgedeutet wurde. Auch Asexualit\u00e4t wird h\u00e4ufig als psychische Erkrankung angesehen. Beispielsweise durch die Diagnosen \u201eFemale Sexual Interest\/Arousal Disorder\u201c und \u201eMale Hypoactive Sexual Desire Disorder\u201c mit den Kriterien: \u201efehlendes oder deutlich vermindertes sexuelles Interesse\/Erregung sowie verminderte oder fehlende sexuelle Fantasien\u201c. Kaum \u00fcberraschend ist es dementsprechend, dass der Ace in the UK Report aus 2023 berichtet, dass asexuelle Personen 10 % h\u00e4ufiger von Konversionstherapien betroffen sind als Menschen anderer sexueller Orientierungen. Die Ergebnisse des Berichts und das Engagement der asexuellen Aktivistin Yasmin Benoit f\u00fchrten dazu, dass die britische Regierung im Juni 2026 ank\u00fcndigte, asexuelle Personen k\u00fcnftig ausdr\u00fccklich in ein Verbot von Konversionstherapien mit einzubeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Empfehlungen f\u00fcr die Geb\u00e4rmutterhalskrebsvorsorge orientieren sich beispielsweise ausschlie\u00dflich am Alter. Sie ber\u00fccksichtigen nicht, dass das individuelle Risiko f\u00fcr eine HPV-Infektion, die zu Geb\u00e4rmutterhalskrebs f\u00fchrt, davon abh\u00e4ngt, ob man sexuell aktiv ist. Das ist besonders besorgniserregend, weil 1\/4 der asexuellen Personen w\u00e4hrend einer Geb\u00e4rmutterhalskrebsuntersuchung von Schmerzen oder erheblichem Unwohlsein berichten (Ace Community Survey Report, 2017 &amp; 2018).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres Beispiel ist die Behandlung von zystischer Akne mit Isotretinoin. Da der Wirkstoff w\u00e4hrend einer Schwangerschaft zu schweren Fehlbildungen beim Embryo bzw. F\u00f6tus f\u00fchrt, sind als Teil der Behandlung regelm\u00e4\u00dfige Schwangerschaftstests und die Einnahme von Verh\u00fctungsmitteln verpflichtend. F\u00fcr viele queere Menschen, einschlie\u00dflich asexueller Personen, ist dieses Prozedere v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig und nicht der Lebensrealit\u00e4t entsprechend.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Regenbogenfamilien<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allo- und Amatonormativit\u00e4t wirken nicht nur im Alltag oder Gesundheitswesen, sondern auch in rechtlichen Strukturen. So wird ein Kinderwunsch oft automatisch mit romantischen und sexuellen Beziehungen in Verbindung gebracht. F\u00fcr alle, die jedoch unabh\u00e4ngig von einer Ehe oder romantischen Partnerschaft ein Kind bekommen m\u00f6chten, ist eine medizinisch unterst\u00fctzte Fortpflanzung in \u00d6sterreich rechtlich ausgeschlossen. Viele mit Kinderwunsch und ohne Partner weichen deshalb nach Deutschland aus. Unter anderem muss in \u00d6sterreich eine Schwangerschaft durch Geschlechtsverkehr erfolglos gewesen oder aussichtslos sein. F\u00fcr viele aromantische oder asexuelle Personen ist damit keine k\u00fcnstliche Befruchtung m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teil von Erasure ist auch, dass Familien, die aus mehreren romantischen oder queerplatonischen Partnerschaften oder aus einer Freund*innengruppe bestehen, rechtlich weiterhin kaum ber\u00fccksichtigt werden. In \u00d6sterreich gibt es beispielsweise kein gemeinsames Sorgerecht und keine Ehe f\u00fcr mehr als zwei Personen. Im Alltag k\u00f6nnen jedoch Vollmachten helfen, etwa um das eigene Kind trotz fehlendem Sorgerecht zu \u00c4rzt*innenbesuchen zu begleiten oder aus dem Kindergarten abholen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Asexualit\u00e4t als Eheverfehlung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der absolute H\u00f6hepunkt von Allo- und Amatonormativit\u00e4t ist das Eherecht in \u00d6sterreich. \u201eBeharrlich und grundlos\u201c keinen Sex zu wollen, gilt, nach einer g\u00e4ngigen Auslegung von \u00a7 49 EheG, als schwere Eheverfehlung. Dieses Verschulden kann bestimmen, wer bei einer \u201estrittigen\u201c Scheidung Unterhalt bekommt: Der schuldlose oder weniger schuldige Partner hat oft Anspruch auf Unterhalt vom alleinig oder \u00fcberwiegend schuldigen Partner.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Queer Liberation f\u00fcr Alle<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die strukturelle Diskriminierung bleibt nicht ohne Folgen. Im \u201eAro Census 2020 Report\u201c berichteten 82,43 % von Abwertung, Ignorieren oder Nicht-Ernstnehmen aufgrund ihrer aromantischen Orientierung. 70,51 % der Diskriminierung passierte im privaten Umfeld. Auch soziale Ausgrenzung, Online-Hass und Schwierigkeiten beim Finden und Aufrechterhalten aromantischer Partnerschaften (bspw. queerplatonische Partnerschaft) sind h\u00e4ufig Erfahrungen von aromantischen Personen. Asexuelle Personen berichten besonders h\u00e4ufig von Diskriminierung im Gesundheitswesen. Oft werden medizinische Bed\u00fcrfnisse \u00fcbersehen und viele meiden aufgrund wiederholter negativer Erfahrungen gesundheitliche Versorgungseinrichtungen. Unsichtbarkeit und Missverst\u00e4ndnisse \u00fcber Asexualit\u00e4t f\u00fchren au\u00dferdem dazu, dass sich Asexuelle sehr selten outen (Ace in the UK Report, 2023). Genau wie andere queere Personen berichten auch Asexuelle aufgrund von Diskriminierung h\u00e4ufiger von Suizidgedanken (62 %) und -versuchen (16 %) (Ace Community Survey Report, 2017 &amp; 2018).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um struktureller Diskriminierung entgegenzuwirken, ist es wichtig, aromantische und asexuelle Lebensrealit\u00e4ten mitzudenken, indem Amato- und Allonormativit\u00e4t sichtbar gemacht und hinterfragt wird. Dabei ist auch Intersektionalit\u00e4t zentral: Was als \u201enormal\u201c in Bezug auf romantische oder sexuelle Anziehung, Beziehungsform(en) und Libido wahrgenommen wird, unterscheidet sich je nach Alter, Ethnie, Geschlechtsidentit\u00e4t, Klasse oder Behinderung. Aromantische und asexuelle Rechte sind Teil queerer K\u00e4mpfe. Unsere Befreiung ist miteinander verbunden und kann nur gemeinsam gelingen. The future is queer!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Beitrag von Sophia Renner<br>B.Sc. Psychologie<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aromantik und Asexualit\u00e4t \u201eWann hattest du eigentlich zuletzt Sex?\u201c F\u00fcr viele ist das eine harmlose Frage unter Freund*innen. F\u00fcr andere folgt auf die ehrliche Antwort sofort Irritation: \u201eSo lange schon?\u201c Oder die Vermutung, mit der romantischen Beziehung, die man f\u00fchrt, m\u00fcsse etwas nicht stimmen. 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