{"id":10205,"date":"2026-09-04T00:19:00","date_gmt":"2026-09-03T22:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10205"},"modified":"2026-09-02T20:18:23","modified_gmt":"2026-09-02T18:18:23","slug":"lasst-uns-wuetend-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10205","title":{"rendered":"Lasst uns w\u00fctend sein"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Gewalt gegen lesbische* Frauen und nicht-bin\u00e4re Personen ist keine Ausnahme. Sie ist auch in \u00d6sterreich Alltag. W\u00e4hrend \u00fcber Gewalt gegen Frauen punktuell gesprochen wird und Hassverbrechen statistisch erfasst werden, bleiben viele queere Lebensrealit\u00e4ten unsichtbar. Lesbische* Perspektiven werden mitgemeint und dadurch unsichtbar gemacht; nicht-bin\u00e4re Personen tauchen oft gar nicht erst auf. Das betrifft nicht nur Studien, sondern auch politische Strategien. Dabei ist dieses Schweigen kein Zufall, denn es ist Teil eines Systems, das entscheidet, wessen Sicherheit z\u00e4hlt und wessen Lebensrealit\u00e4ten Raum bekommen, und wessen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei ist die Realit\u00e4t eindeutig. Laut Berichten zu Hassverbrechen in \u00d6sterreich steigt queerfeindliche Gewalt seit Jahren an. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus Beratungsstellen und Community-Strukturen, dass ein gro\u00dfer Teil der \u00dcbergriffe nie angezeigt wird. Aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, aus Angst vor weiterer Diskriminierung und aus der Erfahrung heraus, dass keine Konsequenzen auf gemeldete Vorf\u00e4lle folgen oder T\u00e4ter nicht identifiziert werden (k\u00f6nnen). Wer queer lebt und liebt, entzieht sich einer Ordnung, die Frauen f\u00fcr M\u00e4nner verf\u00fcgbar machen will, und stellt die Grundlage dieser Ordnung infrage. Auch das provoziert Gewalt. Es geht nicht um einzelne T\u00e4ter. Es geht um ein gesellschaftliches Klima, in dem diese Gewalt m\u00f6glich und f\u00fcr viele sogar denkbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Angriffe selbst sind vielf\u00e4ltig: Sie reichen von allt\u00e4glichen Beleidigungen bis hin zu massiven k\u00f6rperlichen \u00dcbergriffen. Vom gezielten Outing \u00fcber digitale Hetze bis hin zu sexualisierter Gewalt. Und sie passieren nicht im luftleeren Raum. Sie werden erm\u00f6glicht durch Institutionen, die nicht hinschauen, durch Beh\u00f6rden, die nicht ausreichend sensibilisiert sind, durch eine \u00d6ffentlichkeit, die Gewalt erst dann erkennt, wenn sie sich nicht mehr ignorieren l\u00e4sst, und sie selbst dann noch in Frage stellt. Online wie offline vernetzen sich M\u00e4nner in R\u00e4umen, in denen Frauenhass und Queerfeindlichkeit nicht nur reproduziert, sondern gezielt radikalisiert werden. In sogenannten Incel-Communities (Selbstbezeichnung heterosexueller M\u00e4nner, die sexuell enthaltsam leben und Schuld daran Frauen*, Feminismus und der Gesellschaft geben; sie gruppieren sich v.a. in Internetforen und radikalisieren sich; sie sehen sich als Opfer) werden Gewaltfantasien normalisiert und wird der Anspruch formuliert, Zugriff auf K\u00f6rper zu haben. Lesbische* Frauen werden dort explizit als Herausforderung gelesen, als etwas, das \u201egebrochen\u201c und \u201ekorrigiert\u201c werden m\u00fcsse. Nicht-bin\u00e4re Personen werden entmenschlicht und verspottet. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass diese Ideologien nicht im Digitalen bleiben, ist l\u00e4ngst belegt. F\u00e4lle wie jener von Gis\u00e8le Pelicot haben sichtbar gemacht, wie organisiert und kollektiv sexualisierte Gewalt sein kann. Gis\u00e8le Pelicot ist durch ihren damaligen Ehemann und andere T\u00e4ter (82 Angeklagte, 50 Verurteilte) \u00fcber 10 Jahre lang Opfer von sexualisierter Gewalt geworden und setzte durch, dass der Strafprozess gegen diese \u00f6ffentlich gef\u00fchrt wurde. Weiter zeigen journalistische Recherchen zu Chatgruppen, auch auf Plattformen wie Telegram, wie offen sich M\u00e4nner \u00fcber Vergewaltigung austauschen, wie Gewalt relativiert und normalisiert wird. Diese R\u00e4ume sind keine Randph\u00e4nomene. Sie sind Teil einer Realit\u00e4t, die konkrete Auswirkungen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr queere Frauen und nicht-bin\u00e4re Personen versch\u00e4rft sich diese Situation zus\u00e4tzlich. Sie sind gleichzeitig Ziel von Misogynie und Queerfeindlichkeit. Sexualisierte Gewalt wird als \u201eKorrektur\u201c gerechtfertigt. Identit\u00e4ten werden abgesprochen. K\u00f6rper werden kontrolliert. Das ist keine abstrakte Debatte. Das ist konkrete Gewalt. Und eine intersektionale Perspektive zeigt, dass diese Gewalt nicht alle gleich trifft. Queere People of Color sind zus\u00e4tzlich rassistischer Gewalt ausgesetzt. Armut macht es schwerer, sich Schutz zu organisieren und kann Abh\u00e4ngigkeiten schaffen. Menschen mit Behinderungen sto\u00dfen auf weitere Barrieren und sind statistisch gesehen h\u00e4ufiger betroffen. Trans und nicht-bin\u00e4re Personen sind besonders h\u00e4ufig betroffen und gleichzeitig am wenigsten sichtbar. Queere Eltern, die mit ihren Kindern gemeinsam unterwegs sind, sehen sich ebenfalls einem besonderen Risiko ausgesetzt, da sie nat\u00fcrlich ihre Kinder sch\u00fctzen m\u00f6chten und m\u00fcssen. Wer \u00fcber Gewalt spricht und diese Ebenen ausblendet, versteht sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und trotzdem wird die Verantwortung immer wieder individualisiert. Betroffene sollen sich sch\u00fctzen, anpassen, vorsichtig sein. Sie sollen erkl\u00e4ren, warum sie Angst haben. Sie sollen beweisen, dass ihre Erfahrungen real sind. Dabei sind die Konsequenzen konkret. Sichtbarkeit wird zur Risikoabw\u00e4gung. Zuneigung im \u00f6ffentlichen Raum wird zur Mutprobe. Der eigene Ausdruck wird angepasst, reduziert, versteckt. Das ist kein individuelles Problem. Es ist eine kollektive Einschr\u00e4nkung von Freiheit. Was fehlt, ist eine gesellschaftliche Wut dar\u00fcber, dass diese Zust\u00e4nde \u00fcberhaupt existieren und das Verst\u00e4ndnis, dass sie durch die Verharmlosung von Gewalttaten und Rollenbildern in Medien weiter erm\u00f6glicht werden. Diese Wut ist notwendig. Nicht als Selbstzweck, sondern als politische Kraft. Solange Gewalt besch\u00e4mt und verschwiegen wird, bleibt sie bestehen. Solange Betroffene das Gef\u00fchl haben, leise sein zu m\u00fcssen, \u00e4ndert sich nichts. Es reicht nicht, betroffen zu sein. Es braucht eine klare, laute, kollektive Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In \u00d6sterreich bedeutet das auch, politische Verantwortung einzufordern. Es braucht Daten, die nicht-bin\u00e4re Personen erfassen. Es braucht Gewaltschutz, der queer gedacht ist. Es braucht Polizei und Justiz, die nicht erst lernen m\u00fcssen, dass queerfeindliche Gewalt existiert. Der Nationale Aktionsplan gegen Hass (siehe: <em><a href=\"https:\/\/hosiwien.at\/nap-jetzt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/hosiwien.at\/nap-jetzt<\/a><\/em>) muss umgesetzt werden und f\u00fcr Schutz sorgen, der bislang fehlt. Und es braucht Ressourcen f\u00fcr Community-Strukturen, die seit Jahren die Arbeit leisten, die staatliche Systeme nicht abdecken k\u00f6nnen oder wollen. Vor allem aber braucht es eine klare Benennung der Ursachen und einen Perspektivenwechsel. Diese Gewalt entsteht nicht zuf\u00e4llig. Sie w\u00e4chst in einer Gesellschaft, die patriarchale Anspr\u00fcche, Heteronormativit\u00e4t und starre Geschlechterbilder immer noch reproduziert. Und in einer Gesellschaft, in der behauptet wird, dass bereits Gleichstellung erreicht w\u00e4re. Der Fokus darf nicht darauf liegen, wie wir uns sch\u00fctzen k\u00f6nnen, er muss auf der gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung liegen. Gis\u00e8le Pelicot sagte: \u201eDie Scham muss die Seite wechseln\u201c, und zeigte unfassbare St\u00e4rke in ihrem Prozess und w\u00e4hrend der medialen Berichterstattung. Wir m\u00fcssen weg von der Scham. Wir m\u00fcssen hin zu Wut, Solidarit\u00e4t und Handlung. Denn nichts an dieser Situation ist hinnehmbar. Und nichts wird sich \u00e4ndern, solange wir so tun, als w\u00e4re sie es.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewalt gegen lesbische* Frauen und nicht-bin\u00e4re Personen ist keine Ausnahme. Sie ist auch in \u00d6sterreich Alltag. 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