{"id":10171,"date":"2026-09-04T00:12:00","date_gmt":"2026-09-03T22:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10171"},"modified":"2026-09-02T19:43:49","modified_gmt":"2026-09-02T17:43:49","slug":"anti-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10171","title":{"rendered":"Anti-Gewalt"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einblicke in den Ablauf einer Anti-Gewalt-Gruppe in einer Justizanstalt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Ich werde oft gefragt, warum ich mir als Klinische Psychologin gerade eine T\u00e4tigkeit in der Forensik ausgesucht habe. Die Antwort darauf lautet meistens, dass ich nach folgendem Motto therapiere: Eine Therapie der T\u00e4ter:innen dient dem Schutz der Opfer. Denn nur wenn T\u00e4ter:innen eigene Muster reflektieren, ist eine Verhaltens\u00e4nderung m\u00f6glich. Und ohne Verhaltens\u00e4nderung wird es immer wieder zu Delikten kommen. Deshalb ist eine Therapie der T\u00e4ter:innen meiner Meinung nach ein absolut essenzieller Baustein zur R\u00fcckfallpr\u00e4vention.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer der wichtigsten Schritte im Therapieprozess ist die Teilnahme an einer Anti-Gewalt-Gruppe. Die Teilnahmevoraussetzungen f\u00fcr die Gruppe sind folgende: ausreichende Deutschkenntnisse, keine der Teilnahme entgegenstehenden psychischen St\u00f6rungen (z. B. akute Psychose, schwere Intelligenzminderung), eine grunds\u00e4tzliche Gruppenf\u00e4higkeit sowie eine Reflexionsf\u00e4higkeit. Leider fallen damit bereits einige Personen aus der Gruppe, jedoch ist die Durchf\u00fchrung der Gruppe anders nicht m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt gibt es 12 Module: Einstieg, Gewalt, Gef\u00fchlsarbeit, Provokation, Umgang mit Konflikten, Deliktbearbeitung, Verantwortung \u00fcbernehmen, Empathie, Selbst- und Fremdbild, Bilanzierung, Werte\/Toleranz und Erarbeiten von Verhaltensalternativen. Bei jedem Modul gibt es theoretische Bl\u00f6cke zur Wissensvermittlung, Reflexionsbl\u00e4tter sowie praktische \u00dcbungen. Die meiner Meinung nach interessantesten Module werde ich in den n\u00e4chsten paar Abs\u00e4tzen ausf\u00fchrlicher beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inhaltlich wird bereits im zweiten Modul sehr direkt mit dem Thema Gewalt eingestiegen. Ziel ist es, eine breite Definition von Gewalt zu erarbeiten (physische\/psychische\/sexuelle\/\u00f6konomische Gewalt), die eigene Gewaltbereitschaft zu hinterfragen und eigene Gewalterfahrungen zu reflektieren. Eine wichtige \u00dcbung ist der Gewaltzahlenstrahl, bei dem ein Kontinuum von 0 % Gewalt bis 100 % Gewalt ausgebreitet wird und anschlie\u00dfend verschiedene Begriffe (z. B. Polizist, Schulhofpr\u00fcgelei, L\u00fcgen) diskutiert und innerhalb des Kontinuums eingeordnet werden. So wird dem oft vorhandenen Schwarz-Wei\u00df-Denken entgegengewirkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders wichtig ist meiner Meinung nach die Gef\u00fchlsarbeit. Viele gewaltt\u00e4tige Personen haben nie einen konstruktiven Umgang mit Gef\u00fchlen gelernt und reagieren deshalb vordergr\u00fcndig aggressiv, \u00fcberlagern also quasi andere Emotionen mit Wut. An der Basis erfolgt deshalb erst eine Diskussion \u00fcber verschiedene Emotionen sowie deren Ausdruck in K\u00f6rperreaktionen. Die f\u00fcr mich wichtigste \u00dcbung hinterfragt, wie verschiedene Gef\u00fchle in der Kindheit gezeigt werden durften, wie diese von den wichtigsten Bezugspersonen gezeigt wurden und wie mit Belohnung\/Bestrafung umgegangen wurde. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufbauend darauf wird an einem konstruktiven Umgang mit Konflikten gearbeitet. Dabei setzen sich die Teilnehmenden mit pers\u00f6nlichen Konfliktmuster auseinander und lernen einen Zugang zu eigenen konfliktbehafteten Themen. Oft wurde im Aufwachsen biographisch gelernt, dass k\u00f6rperliche Gewalt eine ad\u00e4quate Strategie bei Konflikten ist, die schnell zu Erfolg f\u00fchrt. Ziel ist es deshalb, dies zu hinterfragen und alternative Strategien aufzuzeigen. Eine stets spannende \u00dcbung ist dabei die Platzkarte. Mehrere Sessel bilden ein Zugabteil, dabei gibt es einen Platz zu wenig f\u00fcr die Personenanzahl, auch Reservierungen spielen eine Rolle. In einem Rollenspiel sollen die Teilnehmenden eine L\u00f6sung f\u00fcr die Problemsituation finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein sp\u00e4teres Modul lautet Verantwortung \u00fcbernehmen. In diesem Modul sollen Teilnehmende erkennen, dass es in jeder Situation Verhaltensalternativen gibt und es in der eigenen Verantwortung liegt, welche Verhaltensalternative gew\u00e4hlt wird. Mit dieser Einstellung soll der oft vorhandenen Opferperspektive entgegengewirkt werden (\u201eIch kann nichts f\u00fcr die Tat\u201c, \u201eIch wurde dazu gedr\u00e4ngt und bin deshalb nicht schuld\u201c). Eine oft pr\u00e4gende \u00dcbung ist das Bearbeiten von verschiedenen Geschichten (und, wenn gew\u00fcnscht, auch der eigenen Tat). Dabei wird bei jeder Situation, in der sich die Person auch anders h\u00e4tte entscheiden k\u00f6nnen, STOPP gerufen und es werden Verhaltensalternativen erarbeitet. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lernfortschritte sind innerhalb der Gruppe sehr individuell, je nachdem, wie intensiv sich die Teilnehmenden auf die Themen einlassen k\u00f6nnen und auch wollen. Oft muss erst eine Ver\u00e4nderungsmotivation erarbeitet werden, weil viele Teilnehmende die Ursache f\u00fcr die Strafe gar nicht bei sich selbst sehen. Die Bereitschaft, sich mit der Tat und den eigenen Anteilen daran auseinanderzusetzen, ist ein wichtiges Kriterium f\u00fcr den Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders sch\u00f6n zu sehen ist es, wenn die Teilnehmenden sich \u00f6ffnen und eigene Erfahrungen austauschen. Dadurch entsteht oft das Gef\u00fchl, nicht alleine zu sein und manchmal werden auch hilfreiche Tipps ausgetauscht. Damit diese konstruktive Gespr\u00e4chskultur \u00fcberhaupt entstehen kann, ist es wichtig, klare Gruppenregeln zu definieren. Dazu geh\u00f6rt ein respektvoller Umgang miteinander, andere Meinungen zu respektieren, einander ausreden zu lassen und eine gruppeninterne Verschwiegenheit. Als Gruppenleiterin ist es meine Verantwortung, stets auf die Umsetzung dieser Regeln zu achten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es kommt auch hin und wieder vor, dass Teilnehmende wiederholt gegen die Gruppenregeln versto\u00dfen oder offensichtlich nicht an den Gruppeninhalten interessiert sind und sich nicht \u00f6ffnen k\u00f6nnen. In diesen F\u00e4llen wird erst ein Gespr\u00e4ch gesucht und gegebenenfalls einzelne Personen aus der Gruppe ausgeschlossen, um eine konstruktive Arbeitsumgebung f\u00fcr die verbleibenden Gruppenmitglieder zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt kann man sagen, dass sicherlich nicht immer alles perfekt l\u00e4uft, aber die Gruppe eine wichtige Gelegenheit liefert, in wertsch\u00e4tzender Atmosph\u00e4re eigene Themen zu reflektieren, zu besprechen und Ver\u00e4nderungen anzusto\u00dfen, sofern die Teilnehmenden dazu bereit sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einblicke in den Ablauf einer Anti-Gewalt-Gruppe in einer Justizanstalt Ich werde oft gefragt, warum ich mir als Klinische Psychologin gerade eine T\u00e4tigkeit in der Forensik ausgesucht habe. Die Antwort darauf lautet meistens, dass ich nach folgendem Motto therapiere: Eine Therapie der T\u00e4ter:innen dient dem Schutz der Opfer. 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