{"id":10168,"date":"2026-09-04T00:11:00","date_gmt":"2026-09-03T22:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10168"},"modified":"2026-09-02T19:40:34","modified_gmt":"2026-09-02T17:40:34","slug":"gewalt-bleibt-nicht-spurlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10168","title":{"rendered":"Gewalt bleibt nicht spurlos"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Interview mit Dr. Christoph Reisinger und Dr. Julia Wollmann<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Die Wiener Untersuchungsstelle f\u00fcr Gewaltbetroffene der Medizinischen Universit\u00e4t Wien sichert Verletzungen und Spuren bei gewaltbetroffenen Personen. Dr. Christoph Reisinger und Dr. Julia Wollmann erkl\u00e4ren, wie eine Untersuchung abl\u00e4uft, warum sie Betroffenen Entscheidungsdruck nehmen kann und welche H\u00fcrden besonders f\u00fcr queere Menschen bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewalt hinterl\u00e4sst Spuren \u2013 sichtbare und unsichtbare. Doch nicht alle Betroffenen wenden sich unmittelbar an die Polizei. Manche wissen nicht, an wen sie sich wenden k\u00f6nnen, andere sind nach dem Erlebten noch nicht bereit, Anzeige zu erstatten. Gleichzeitig heilen Wunden, H\u00e4matome verblassen und m\u00f6gliche Beweismittel gehen verloren. In Wien bietet die Untersuchungsstelle f\u00fcr Gewaltbetroffene Personen, kurz UGB, deshalb die M\u00f6glichkeit, Verletzungen gerichtsmedizinisch untersuchen, fotografisch dokumentieren und Spuren sichern zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie UGB ist immer dann eine gute Anlaufstelle, wenn man von k\u00f6rperlicher oder sexualisierter Gewalt betroffen ist\u201c, erkl\u00e4rt Dr. Christoph Reisinger, Leiter der Untersuchungsstelle. Besonders sinnvoll sei eine Untersuchung bei sichtbaren Verletzungen wie H\u00e4matomen oder Absch\u00fcrfungen. Diese werden fachgerecht beschrieben und fotografiert. Je nach Fall k\u00f6nnen auch Abstriche oder andere Proben genommen werden, etwa um m\u00f6gliche Fremd-DNA zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei sexualisierter Gewalt findet die Untersuchung allerdings nicht immer direkt in den R\u00e4umlichkeiten der UGB am Zimmermannplatz statt. \u201eWir sind auch mobil als \u00c4rztinnen und \u00c4rzte im Einsatz und gehen in die Krankenh\u00e4user\u201c, erg\u00e4nzt Allgemeinmedizinerin Dr. Julia Wollmann. Dort unterst\u00fctzt das Team die behandelnden Kolleg*innen bei Anamnese, Untersuchung, Spurensicherung und Fotodokumentation.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was Betroffene bei der Untersuchung erwartet<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einer Untersuchung in der UGB ist eine Anmeldung erforderlich. Betroffene m\u00fcssen die Untersuchungsstelle entweder telefonisch kontaktieren oder eine Nachricht per E-Mail hinterlassen. Im Erstkontakt wird gekl\u00e4rt, was ungef\u00e4hr passiert ist, ob sichtbare Verletzungen vorliegen und wann ein Termin vereinbart wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr. Wollmann legt gro\u00dfen Wert darauf, den Betroffenen gleich zu Beginn zu erkl\u00e4ren, was sie erwartet. \u201eDie Person soll eine Vorstellung davon haben, was in den n\u00e4chsten eineinhalb Stunden passiert.\u201c Vor der Untersuchung wird das Einverst\u00e4ndnis eingeholt \u2013 sowohl f\u00fcr die k\u00f6rperliche Untersuchung als auch f\u00fcr die Fotodokumentation und die Speicherung der Aufnahmen. Eine Untersuchung in der UGB ist auch dann m\u00f6glich, wenn keine polizeiliche Anzeige erstattet wurde. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach allgemeinen medizinischen Fragen folgen Fragen zum Vorfall: Wann und wo ist die Gewalt passiert? Wer war beteiligt? Danach schildert die betroffene Person in eigenen Worten, was geschehen ist. Die Aussagen werden m\u00f6glichst genau und teilweise in w\u00f6rtlichen Zitaten festgehalten. Anschlie\u00dfend folgt \u00fcblicherweise eine Untersuchung von Kopf bis Fu\u00df. Sichtbare Verletzungen werden beschrieben und aus mehreren Perspektiven fotografiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Betroffenen behalten dabei die Kontrolle. \u201eBei uns wird niemand zu etwas gezwungen\u201c, betont Dr. Reisinger. Die Untersuchung sei freiwillig und k\u00f6nne jederzeit unterbrochen oder abgebrochen werden. Wenn eine Person bestimmte K\u00f6rperbereiche nicht untersuchen lassen m\u00f6chte, werde das selbstverst\u00e4ndlich respektiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Untersuchung wird die ausf\u00fchrliche Falldokumentation erstellt. Gesicherte Proben, Fotografien und schriftliche Aufzeichnungen werden mindestens zehn Jahre aufbewahrt, bei minderj\u00e4hrigen Betroffenen noch l\u00e4nger. Dadurch bleibt die M\u00f6glichkeit erhalten, auch sp\u00e4ter weitere Schritte einzuleiten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Dokumentieren, ohne sofort entscheiden zu m\u00fcssen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade bei Gewalt im sozialen Nahraum oder innerhalb einer Beziehung kann diese Absicherung entscheidend sein. Nicht jede betroffene Person ist unmittelbar nach einem \u00dcbergriff in der Lage, Anzeige zu erstatten. Manch\u00admal kommt es zu wiederholter Gewalt, bevor der Entschluss gefasst wird, rechtlich dagegen vorzugehen. Eine fr\u00fche Dokumentation kann dann belegen, welche Verletzungen bereits bei fr\u00fcheren Vorf\u00e4llen bestanden haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Dr. Wollmann liegt ein weiterer Vorteil darin, dass Betroffenen in einer akuten Ausnahmesituation Entscheidungsdruck genommen wird. Nach einer Gewalterfahrung sei vieles neu, belastend und mit Kontrollverlust verbunden. \u201eEs kann hilfreich sein, wenn diese Entscheidung nicht sofort getroffen werden muss, die Verletzungen aber trotzdem abgesichert und dokumentiert sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn Wunden verheilen und blaue Flecken sind nach einiger Zeit nicht mehr sichtbar. Entscheidet sich eine Person erst Monate sp\u00e4ter f\u00fcr eine Anzeige, kann auf die Dokumentation zur\u00fcckgegriffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer akuten Krise kann die Stelle auch psychologische Unterst\u00fctzung vermitteln. Eine l\u00e4ngerfristige psychologische Nachbetreuung bietet die UGB selbst jedoch nicht an. Bei Bedarf wird die betroffene Person zun\u00e4chst stabilisiert und anschlie\u00dfend an eine geeignete Beratungs- oder Betreuungseinrichtung weitervermittelt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Scham, Angst und fr\u00fchere Diskriminierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz des niederschwelligen Angebots ist der Schritt zu einer Hilfseinrichtung f\u00fcr viele gro\u00df. Dr. Reisinger verweist auf Untersuchungen, denen zufolge Menschen h\u00e4ufig mehrfach Gewalt erleben, bevor sie Unterst\u00fctzung suchen. In manchen Publikationen sei von durchschnittlich bis zu sieben Vorf\u00e4llen die Rede, ehe eine betroffene Person den Mut fasse, sich an eine Einrichtung zu wenden. \u201eWenn gewaltbetroffene Menschen zu uns kommen, ist eigentlich schon viel geschafft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gr\u00fcnde f\u00fcr das Z\u00f6gern sind vielf\u00e4ltig. Dr. Wollmann nennt Scham, Angst vor der gewaltaus\u00fcbenden Person und die Sorge, nicht verstanden oder ernst genommen zu werden. F\u00fcr queere Menschen k\u00f6nnen zus\u00e4tzliche H\u00fcrden hinzukommen. Wer bereits Diskriminierung im Gesundheitswesen, bei Beh\u00f6rden oder in anderen Lebensbereichen erfahren hat, bef\u00fcrchtet m\u00f6glicherweise, erneut abgewertet zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besondere Verletzungsmuster, die nur bei queeren Betroffenen auftreten, beobachtet das Team nicht. \u201eDass sich die Art der Gewalt oder die Verletzungsbilder wesentlich von jenen nicht-queerer Menschen unterscheiden, w\u00e4re mir nicht aufgefallen\u201c, sagt Dr. Reisinger. Ein Unterschied k\u00f6nne jedoch in den Erfahrungen liegen, die Menschen bereits mitbringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr. Wollmann erinnert sich daran, dass queere Betroffene zum Teil mit Diskriminierungserfahrungen in die Einrichtung kommen und deshalb gr\u00f6\u00dfere Angst haben, erneut nicht ernst genommen zu werden. \u201eDiese Angst m\u00f6chte ich den Menschen unbedingt nehmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Traumasensibilit\u00e4t als Grundlage<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Anspruch der UGB sei ein respektvoller und traumasensibler Umgang mit allen Betroffenen. \u201eJede Person, die zu uns kommt, hat etwas Traumatisierendes erlebt\u201c, sagt Dr. Wollmann. Allein diese Situation verlange besondere Sensibilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der wertsch\u00e4tzende Umgang sei deshalb kein Zusatzangebot f\u00fcr einzelne Gruppen, sondern Grundlage der gesamten Arbeit. Ziel sei es, den Betroffenen w\u00e4hrend der Untersuchung Orientierung und Kontrolle zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch sieht Dr. Reisinger Entwicklungspotenzial. Die gr\u00f6\u00dfte Versorgungsl\u00fccke liege in der Bekanntheit des Angebots. Die Untersuchungsstelle m\u00fcsse Menschen aus allen Bev\u00f6lkerungsschichten erreichen, unabh\u00e4ngig von Sprache, kulturellem Hintergrund oder m\u00f6glichen Barrieren f\u00fcr queere Personen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Einrichtung besteht seit etwas mehr als eineinhalb Jahren, die Fallzahlen steigen kontinuierlich. Dr. Reisinger geht jedoch nicht davon aus, dass die Gewalt im gleichen Ausma\u00df zugenommen hat. Wahrscheinlicher sei, dass das Angebot bekannter geworden ist und das Bewusstsein f\u00fcr die unabh\u00e4ngige Dokumentation w\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Untersuchungsstelle kann nur dann niederschwellig sein, wenn Betroffene wissen, dass es sie gibt, und darauf vertrauen k\u00f6nnen, dort respektvoll behandelt zu werden. Dazu geh\u00f6rt die klare Botschaft, dass niemand zu einer vollst\u00e4ndigen Untersuchung oder einer bestimmten Entscheidung gedr\u00e4ngt wird. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eAlle sollen sich ernst genommen f\u00fchlen\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr. Wollmann m\u00f6chte queeren Betroffenen und grunds\u00e4tzlich allen Menschen nach einer Gewalterfahrung vor allem eines mitgeben: Die Untersuchungsstelle steht allen offen. Die Angst, nicht verstanden oder diskriminiert zu werden, solle nicht dazu f\u00fchren, auf Hilfe zu verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr sei wichtig, dass sich alle willkommen, verstanden und ernst genommen f\u00fchlen. \u201eWenn eine Person die Untersuchungsstelle verl\u00e4sst und das Gef\u00fchl hat, Hilfe bekommen zu haben, dass ihr zugeh\u00f6rt wurde und sie ernst genommen wurde, dann haben wir viel erreicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Dr. Reisinger ermutigt Menschen mit \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Verletzungen, die Untersuchungsstelle als niederschwellig erreichbare M\u00f6glichkeit wahrzunehmen. Niemand m\u00fcsse bereits wissen, ob sp\u00e4ter eine Anzeige erfolgen soll. Die Dokumentation sichere zun\u00e4chst die Spuren und halte Handlungsm\u00f6glichkeiten offen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die betroffene Person muss noch keine endg\u00fcltige Entscheidung treffen aber das, was geschehen ist, verschwindet nicht gemeinsam mit den sichtbaren Verletzungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Kontaktdaten:<br>Telefonnummer:\u00a0+43 (0)1 40160 &#8211; 35700<br>Email: <a href=\"mailto:ugb@meduniwien.ac.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ugb@meduniwien.ac.at<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Dr. Christoph Reisinger und Dr. Julia Wollmann Die Wiener Untersuchungsstelle f\u00fcr Gewaltbetroffene der Medizinischen Universit\u00e4t Wien sichert Verletzungen und Spuren bei gewaltbetroffenen Personen. 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