{"id":10163,"date":"2026-09-04T00:10:00","date_gmt":"2026-09-03T22:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10163"},"modified":"2026-09-02T19:27:39","modified_gmt":"2026-09-02T17:27:39","slug":"wie-therapie-helfen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10163","title":{"rendered":"Wie Therapie helfen kann"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Als Psychotherapeut helfe ich Menschen, die Gewalt erlebt haben. Wegen der Verschwiegenheitspflicht darf ich nicht \u00fcber meine Klient*innen erz\u00e4hlen. Daher m\u00f6chte ich von meinen Gewalt\u00ader\u00adfah\u00adrungen berichten \u2013 und wie ich mich davon befreit habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin schwul und habe eine Mehrfachbehinderung. Ich bin in einem kleinen Dorf auf dem Land aufgewachsen \u2013 zu einer Zeit, als es kein Internet gab. Gleichgeschlechtliche Liebe galt damals als verachtenswert und krankhaft. In der Schule wurde ich wegen meiner Behinderung gemobbt \u2013 nicht nur von Sch\u00fcler*innen, sondern auch von Lehrer*innen. Keine Person hat mir dabei geholfen. Ich habe fr\u00fch gelernt, dass ich schwierige Herausforderungen alleine bew\u00e4ltigen muss. Ich bemerkte in der Jugend, dass ich mich zu M\u00e4nnern hingezogen f\u00fchlte. Aus Angst vor weiteren Ausgrenzungen habe ich meine gleichgeschlechtliche Identit\u00e4t verschwiegen. Ich war einsam. Ich durfte nicht auffallen. Ich tat alles, um mich und meine Gef\u00fchle unter Kontrolle zu halten. Niemand sollte erfahren, dass ich schwul bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meinen Eltern konnte ich mich nicht anvertrauen. Ich hatte vor ihnen Angst. Sie waren hart zu sich selbst und hart zu uns Kindern. Ich bin vom Vater verpr\u00fcgelt worden. Hatte ich einmal in der Schule schlechte Noten, war ich so verzweifelt, dass ich die Unterschrift meiner Eltern f\u00e4lschte. Wenn die Eltern ein Fehlverhalten von mir bemerkten, hielten sie eine lange Standpauke. Dabei erstarrte ich innerlich vor Angst. Ich brachte kein Wort heraus, was meinen Vater noch w\u00fctender machte. Ich war wie gel\u00e4hmt, konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Denn ich wusste, dass ich bald verpr\u00fcgelt werde. Das Gef\u00fchl, innerlich einzufrieren, ist ein automatischer Schutzmechanismus des Nervensystems, der bei einer Bedrohung oder bei einer starken \u00dcberforderung auftreten kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Alte Muster loslassen&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich f\u00fcr das Studium nach Wien gegangen bin, wollte ich die Vergangenheit loslassen. Doch das hat nicht funktioniert. In bestimmten Situationen schaltete das Nervensystem auf das alte Muster um. Ich bin an der Universit\u00e4t in Pr\u00fcfungssituationen erstarrt. \u00c4hnlich erging es mir, wenn ich ein Referat halten oder vor einer Gruppe sprechen sollte. Ich wollte am liebsten unsichtbar sein. Ich tat mir mit Menschen schwer, die bei Diskussionen schnell laut werden. Auch in Freundschaften wich ich Konflikten aus. Ich kl\u00e4rte wichtige Herausforderungen zuerst f\u00fcr mich alleine, bevor ich mit meinen damaligen Freund*innen sprach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt neben der Erstarrung noch andere Reaktionsmuster auf fr\u00fchere Gewalterfahrungen und traumatische Erlebnisse. Dazu geh\u00f6ren etwa Alptr\u00e4ume, Flashbacks, Wut- oder Gef\u00fchlsausbr\u00fcche, Schlafst\u00f6rungen, Gereiztheit, Konzentrationsst\u00f6rungen, Schreckhaftigkeit. Nicht selten tritt auch ein Vermeidungsverhalten auf. Hier wird zwischen der inneren und \u00e4u\u00dferen Vermeidung unterschieden. Es k\u00f6nnen Gedanken, Gef\u00fchle oder Erinnerungen, die mit dem traumatischen Erlebnissen zu tun haben, gemieden werden. Beim \u00e4u\u00dferen Vermeidungsverhalten geht es um Orte, Personen, Gespr\u00e4che oder Aktivit\u00e4ten, die an das Trauma erinnern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Stabilisierung und Sicherheit&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Psychotherapie hat mir geholfen, aus meinen Mustern herauszukommen. Es war f\u00fcr mich anfangs nicht leicht, Hilfe anzunehmen. In der Therapie habe ich langsam meine Mobbing- und Gewalterfahrungen aufgearbeitet. Vereinfacht gesagt, verl\u00e4uft eine Therapie bei traumatischen Erlebnissen in drei Phasen ab. In der ersten Phase stehen die Stabilisierung und die Sicherheit im Vordergrund. Die Therapie soll ein sicherer Ort sein. Dazu geh\u00f6rt der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu Therapeut*innen. Ich habe anfangs verschiedene Methoden zur Stressregulation ausprobiert wie Atemtechniken oder Imaginations\u00fcbungen. Kam ich in ein Erstarrungsmuster, waren k\u00f6rperliche \u00dcbungen hilfreich. Auch habe ich gelernt, wie ich schwierige Herausforderungen im Alltag bew\u00e4ltigen kann. Denn in einer Situation, die auf mich wie eine Bedrohung wirkte, schaltete das Nervensystem auf das alte Alarmsystem um. Mir wurde immer mehr bewusst, dass meine Erstarrungen mit dem fr\u00fcheren Trauma zusammenh\u00e4ngen und wenig mit der aktuellen Situation zu tun haben. Mein Freund ist nicht wie mein Vater. Er hat mich nicht verpr\u00fcgelt, sondern versuchte, auf mich einzugehen. Trotzdem schaltete mein Nervensystem bei gewissen Trigger-Momenten (wie laute Stimme und ein sich anbahnender Streit) automatisch in den alten Panikmodus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Menschen sich stabil und sicher f\u00fchlen, folgt in der zweiten Phase die eigentliche Traumabearbeitung. Hier werden die belastenden Ergebnisse aus der Vergangenheit in einem kontrollierten und sicheren Rahmen besprochen und aufgearbeitet. Auch k\u00f6nnen fragmentierte Erinnerungen langsam zusammengef\u00fcgt werden. Schritt f\u00fcr Schritt werden Situationen, die fr\u00fcher Angst gemacht haben, durchgegangen. Ziel ist es, die alte Erfahrung der Angst mit einer neuen Erfahrung der Sicherheit zu \u00fcberschreiben. Auch k\u00f6nnen alle fr\u00fcher nicht zugelassenen Gef\u00fchle wie Wut, Schmerz und Trauer in einem sicheren Rahmen zugelassen und verarbeitet werden. Ich habe beispielsweise meine Wut auf die Menschen, die mir Gewalt angetan haben, ausgesprochen. Ich habe mir in der Therapie vorgestellt, wie ich meinen Vater anschreie und ihn mit seinem sch\u00e4digenden Verhalten konfrontiere. Es gab in der Therapie Situationen, in denen mir die Erinnerungen zu heftig und zu viel wurden. Dann versuchte ich, mit Hilfe der erlernten Methoden in einen Zustand der inneren Sicherheit zu kommen. Auch alte und verzerrte Gedanken und Glaubenss\u00e4tze (wie \u201eIch bin nirgends sicher\u201c \u2013 \u201eIch kann keiner Person vertrauen\u201c \u2013 \u201eIch muss alles mit mir alleine ausmachen\u201c \u2013 \u201eIch bin wenig wert\u201c) wurden im Zuge der Therapie langsam korrigiert. Daf\u00fcr ist es notwendig, dass keine Beziehungen zu T\u00e4ter*innen bestehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Liebevolle Beziehung zu sich selbst&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der dritten Phase der Therapie stehen die Integration der traumatischen Erfahrungen und eine Neuorientierung im Vordergrund. Die fr\u00fcheren Ereignisse werden langsam zu abgeschlossenen Teilen der Biografie und bestimmen nicht mehr so stark das gegenw\u00e4rtige Leben. Ich kann meine eigenen Gef\u00fchle und Grenzen besser wahrnehmen und habe weniger Angst, diese auszusprechen. In der Neuorientierungsphase geht es darum, sich auf die eigenen St\u00e4rken zu konzentrieren, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und das eigene Beziehungs- und Bindungsverhalten auf eine positive Weise zu ver\u00e4ndern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu geh\u00f6rt auch, eine liebevolle Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Nur wer lernt, sich selbst zu lieben, kann andere lieben. Von meinen Eltern habe ich keine Liebe bekommen. Somit musste ich lernen, mich selbst zu lieben. Eine Traumatherapie braucht Zeit und Geduld. Die Ver\u00e4nderungen geschehen meist nicht linear, sondern in Wellen. Bei mir hat es sich so angef\u00fchlt, dass ich zwei oder drei Schritte nach vorne gehe und dann erfolgte ein Schritt zur\u00fcck. Denn es meldeten sich alte Muster. Doch auf lange Sicht sind die R\u00fcckschritte kleiner geworden. Auch wenn der Prozess nicht einfach war, hat es sich f\u00fcr mich gelohnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Psychotherapeut helfe ich Menschen, die Gewalt erlebt haben. Wegen der Verschwiegenheitspflicht darf ich nicht \u00fcber meine Klient*innen erz\u00e4hlen. Daher m\u00f6chte ich von meinen Gewalt\u00ader\u00adfah\u00adrungen berichten \u2013 und wie ich mich davon befreit habe. Ich bin schwul und habe eine Mehrfachbehinderung. 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