{"id":10157,"date":"2026-09-04T00:08:00","date_gmt":"2026-09-03T22:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10157"},"modified":"2026-09-02T19:18:40","modified_gmt":"2026-09-02T17:18:40","slug":"grenzen-setzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10157","title":{"rendered":"Grenzen setzen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Konsens in BDSM<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Sven: M\u00f6chtest Du Dich kurz vorstellen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Violet:<\/strong> Ich bin Violet, Mitte 40, und seit Anfang 40 in der BDSM-Szene. Ich bin queer und w\u00fcrde mich als lesbisch bezeichnen. Ich spiele im BDSM auch mit M\u00e4nnern, also da bin ich genderoffen \u2013 und offen auch in vielen Rollen. Ich bin Switch, das bedeutet, ich bin je nach Gegen\u00fcber mal submissiv und mal dominant \u2013 auch ganz gerne mal sadistisch. Masochistisch bin ich nicht, aber trotzdem geh\u00f6rt Impact Play, also das Spiel mit dem Schmerzreiz, f\u00fcr mich dazu. Bondage mag ich passiv, also gefesselt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Wir wollen uns heute hier \u00fcber das Prinzip des Konsenses unterhalten, der Zustimmung und wie man das umsetzen soll in Bezug auf Sexualit\u00e4t, sexuelle Spielereien und BDSM-Situationen. Lange Zeit galt das Konzept: \u201eNur Nein hei\u00dft Nein, nichts zu sagen bedeutet Zustimmung\u201c.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem daran ist, dass besonders weiblich sozialisierte Personen sich oft schwer tun, Nein zu sagen. Genauso kann es Personen passieren, nat\u00fcrlich auch bereits traumatisierten Personen, dass sie, wenn sie bedr\u00e4ngt werden, nicht Nein sagen k\u00f6nnen, weil der K\u00f6rper die Situation als Gefahrensituation wahrnimmt und deshalb erstarrt oder einfriert. Das ist das Problem bei \u201eNur Nein hei\u00dft Nein\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Es gibt ja auch das sogenannte \u201eDate Raping\u201c \u2013 dass eine Person sich aufgrund des Dates verpflichtet f\u00fchlt, Sex zu haben.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz klar, eine Einladung zum Essen und ein sch\u00f6nes Date verpflichten nicht zu Sex. Das ist gar keine Frage; egal was jemand f\u00fcr einen tut, man ist nie verpflichtet, etwas zur\u00fcckzugeben. Aber der Punkt ist, dass Menschen oft dieses Gef\u00fchl haben: \u201eJetzt hat eine Person was f\u00fcr mich getan oder macht sogar Druck deshalb, jetzt MUSS ich etwas zur\u00fcckgeben.\u201c Und das ist nicht wahr. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Und wie geht man mit Drogen- und Alkoholkonsum um? Wer hat eigentlich die Verantwortung in solchen Situationen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage ist: Sind beide betrunken oder ist nur eine Person betrunken? Also, wenn eine Person n\u00fcchtern ist, dann hat definitiv die n\u00fcchterne Person die Verantwortung, Grenzen nicht zu \u00fcberschreiten. Wenn beide betrunken sind, ist es eine sehr schwierig beantwortbare Frage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zu welchem Punkt kann man die Verantwortung f\u00fcr sich selber noch \u00fcbernehmen? Manchmal kann man nicht mehr \u201eNein\u201c sagen. Wenn eine Person dann so viel getrunken hat, dass sie gar nicht mehr reagieren kann, dann ist es definitiv eine Vergewaltigung. Deswegen ist \u201eNein hei\u00dft Nein\u201c schwierig und es gilt inzwischen \u201eNur Ja hei\u00dft Ja\u201c. Dann muss jede Person aktiv \u201eJa\u201c sagen. Das ist wichtig. Ich bin absolut daf\u00fcr, dass es auch gesetzlich hingehen soll zu \u201eNur Ja hei\u00dft Ja\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der BDSM-Szene wird wenig getrunken und auch Drogenkonsum ist nicht gerne gesehen. Spiel und Alkohol vertr\u00e4gt sich eben nicht. Es gibt aber leider immer auch Ausnahmen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Du spielst gerne. Spielen impliziert Spielregeln. Wie baust du deine Spiel-Dates auf?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich mit einer Person das erste Mal spiele, dann wird verhandelt: Es wird besprochen, was sind die Dinge, die wir beide m\u00f6gen, was k\u00f6nnen wir uns vorstellen und wo sind unsere Grenzen? Dann wird besprochen, was passieren darf \u2013 das hei\u00dft aber nicht, dass es passieren muss \u2013 und was eben nicht passieren darf. Niemals w\u00fcrde ich mit einer Person spielen, die sagt: \u201eDu darfst alles mit mir machen.\u201c. Jeder Mensch hat Grenzen und muss wissen, wo diese Grenzen liegen, und sie setzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann geht\u2019s los, dann kann man spielen (lacht). Aber das hei\u00dft nicht, dass es nicht trotzdem noch Grenzen geben kann, wo man vielleicht im Vorhinein zugesagt hat. Deshalb checkt man regelm\u00e4\u00dfig bei der Person ein. Zum Beispiel beim Spanken, wenn eine Person die andere schl\u00e4gt, dann kommt\u2019s drauf an: Wie stark wird sie geschlagen? Ich frage nach: \u201eWie war jetzt dieser Schlag auf einer Skala von 1-10?\u201c. Oder nach dem Ampelsystem: Gr\u00fcn ist alles in Ordnung, Orange bedeutet, die Person ist an ihrer Grenze. Bei Rot stoppe ich sofort, ist mir aber noch nicht passiert. Meistens sieht man als dominante Person schon davor anhand der K\u00f6rpersprache, wie es der Person geht. Je besser man eine Person kennt, desto besser kann man dann auch die K\u00f6rpersprache lesen. Man muss wissen, dass eine Person im Subspace, das ist eine Art Trance die passieren kann, nicht mehr \u201eNein\u201c sagen kann. Die dominante Person hat also sehr viel Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einer langfristigen Spielpartnerschaft muss nat\u00fcrlich nicht jedes Mal neu verhandelt werden. Da gibt es dann schon viel Vertrauen, dennoch ist die Tagesverfassung ausschlaggebend, was an dem Tag m\u00f6glich ist und was nicht. Da muss die dominante Person ebenso gut darauf achten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Dann noch eine Frage. Wie ist das denn eigentlich mit dem Konzept der Gewalt, denn Gewalt ist ja sozusagen Teil von BDSM. Gibt es gute Gewalt?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcrde es nicht gute Gewalt nennen. Wenn es Spa\u00df macht und der anderen Person etwas gibt, dann ist es eigentlich keine Gewalt, auch wenn es danach aussieht. Und es kann manchmal sehr heftig aussehen, wenn man anderen Personen in BDSM-Lokalen zusieht. Gewalt beginnt dort, wo eine Grenze \u00fcberschritten wird, wenn etwas getan wird, was die andere Person nicht m\u00f6chte oder nicht abgesprochen war. Psychisch oder physisch ist dann egal. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erfahrung hat mir gezeigt, wenn man BDSM-Fantasien safe auslebt, sind sie fast langweilig (lacht). Weil du, wenn du mit der richtigen Person spielst, wei\u00dft, dass du sicher bist. Ich spiele zum Beispiel gern mit der Angst, ich mag dieses Gef\u00fchl, Angst zu haben. Aber in Wirklichkeit wei\u00df ich, auch wenn ich nah an meine Grenze komme, wird mir nichts passieren, was meine Grenze \u00fcberschreitet. Es gibt aber unterschiedliche Spielarten, seltener auch solche, wo Grenz\u00fcberschreitungen dazu geh\u00f6ren. Ich bin davon kein Fan. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Als submissive Person gibt man ja bewusst die Kontrolle ab.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, es braucht viel Vertrauen. Die dominante Person hat Macht \u00fcber einen, aber diese Macht ist nur geborgt. Wenn die submissive Person diese Macht wieder entzieht, dann hat die dominante Person nichts. Deshalb ist die starke Person immer die submissive Person. Was ja skurril ist, weil\u2019s ja verkehrt wirkt. Aber eine dominante Person ist nichts ohne eine submissive Person.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich so etwas selbst ausdenkt. Wie lernt man das und trifft Leute aus der Szene?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am besten man geht zu Stammtischen. Dort lernt man Leute kennen und man lernt, wie man sicher spielt. Im Internet gibt\u2019s auch viel. Ich habe mir viel angelesen. Es gibt aber nicht \u201edie eine richtige Art zu spielen\u201c, sondern ganz viele unterschiedliche M\u00f6glichkeiten. Neben den individuellen Vorlieben und W\u00fcnschen beobachte ich gro\u00dfe Generationsunterschiede. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt nat\u00fcrlich auch \u00fcbergriffige Menschen. Das ist wie beim normalen Daten, da w\u00fcrde ich auch niemandem empfehlen, sich gleich in der Wohnung zu treffen. Lieber trifft man die Person im \u00f6ffentlichen Raum und gibt einer befreundeten Person Bescheid, wo man wann ist. Wenn dann Spielinteresse besteht, gibt es die M\u00f6glichkeit in BDSM-Lokalen zu spielen, z. B. die Kammer mieten im SMart Cafe oder dem Atelier Mystique. Dort sind auch andere Personen, die im Notfall einschreiten k\u00f6nnen. Mayday ist ein bekanntes Safeword, wo alle Bescheid wissen. Erst wenn Vertrauen aufgebaut ist, w\u00fcrde ich nach Hause mitgehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Hast du durch die Erfahrungen mit der BDSM-Szene das Gef\u00fchl, dass du Situationen im realen Leben anders angehst?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also tats\u00e4chlich habe ich \u201eNein-Sagen\u201c gelernt. Fr\u00fcher habe ich mir wegen meiner Sozialisation schwerer getan, Menschen einfach einen Korb zu geben. Da muss man freundlich und nett sein, so werden weiblich gelesene Personen sozialisiert. Inzwischen sag ich einfach, was ich will und was nicht. Ich bin auch im realen Leben dominanter geworden und habe mich \u2013 w\u00fcrde ich sagen \u2013 menschlich sehr weiterentwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ich noch sagen m\u00f6chte: Ich finde Aufkl\u00e4rung \u00fcber BDSM sehr wichtig, denn meine Erfahrung ist, dass Menschen, die ihre Fantasien nicht ausleben (k\u00f6nnen), einen riesigen Leidensdruck haben. Wenn sie diese Fantasien und Situationen in einem sicheren Rahmen ausleben k\u00f6nnen, dann f\u00e4llt dieser Leidensdruck weg. Wenn man es aber nicht kann, weil z. B. die Partnerperson das nicht m\u00f6chte oder man es sich nicht ausleben traut, dann wird\u2019s zu etwas ganz Gro\u00dfem, weil es etwas Unerreichbares ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konsens in BDSM Sven: M\u00f6chtest Du Dich kurz vorstellen? Violet: Ich bin Violet, Mitte 40, und seit Anfang 40 in der BDSM-Szene. Ich bin queer und w\u00fcrde mich als lesbisch bezeichnen. 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