{"id":10105,"date":"2026-05-29T00:22:00","date_gmt":"2026-05-28T22:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10105"},"modified":"2026-05-29T01:51:15","modified_gmt":"2026-05-28T23:51:15","slug":"die-lebensrealitaet-von-queeren-personen-in-haft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10105","title":{"rendered":"Die Lebensrealit\u00e4t von queeren Personen in Haft"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Die wenigsten Personen denken wohl gern dar\u00fcber nach, wie es w\u00e4re, im Gef\u00e4ngnis zu sein. Und trotzdem leben tagt\u00e4glich auch queere Personen dort und m\u00fcssen sich mit den Haftbedingungen auseinandersetzen. Wie es queeren Personen in Haft mit queerspezifischen Themen geht, hat vor kurzem das Ludwig Boltzmann Institut untersucht und die Ergebnisse im Bericht \u201eLGBTIQ in Haft: St\u00e4rkung der Rechte von LGBTIQ Personen in Haft in der EU\u201c ver\u00f6ffentlicht, welcher auch kostenlos online abrufbar ist. Dabei wurden in vier L\u00e4ndern Europas (\u00d6sterreich, Ungarn, Italien, Griechenland) Interviews mit queeren (ehemals)  Inhaftierten, Bediensteten des Strafvollzuges sowie Hilfsorganisationen gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz allgemein wurde im Bericht festgehalten, dass queere Personen in Haft \u00e4hnliche queer-diskriminierende Erfahrungen machen wie queere Personen in Freiheit. Trotzdem kommen in Haft auf jeden Fall haftspezifische Herausforderungen hinzu. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Beginn ist es jedoch wichtig zu erw\u00e4hnen, dass Erfahrungen immer individuell sind. Es gibt sehr bem\u00fchte Justizbedienstete, die sich der besonderen Sensibilit\u00e4t queerer Themen bewusst sind und gute Arbeit leisten, um diese Personengruppe zu sch\u00fctzen. Jedoch gibt es leider auch intolerante Justizbedienstete, die wenig R\u00fccksicht nehmen, trans Personen mit dem dead name ansprechen und gegen queere Personen hetzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gleichgeschlechtliche Sexualit\u00e4t in Haft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Bezug auf nicht heteronormative Sexualit\u00e4t l\u00e4sst sich sagen, dass gleichgeschlechtlicher Sex in Haft grunds\u00e4tzlich nicht verboten ist, jedoch seitens des Personals stark auf die Freiwilligkeit geachtet wird, um sexuellen \u00dcbergriffen entgegenzuwirken. Dies kann so weit gehen, dass sexuelle Kontakte, die aus einem Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he und Zuneigung entstehen, aus Unsicherheit ebenso verhindert werden. Au\u00dferdem erz\u00e4hlen queere In\u00adsass:innen, dass sie aus Angst vor Diskriminierung oft nicht offen \u00fcber die eigene Sexualit\u00e4t sprechen k\u00f6nnen. Ein Outing in Haft sei besonders schwierig und man sei teils auf  Schutz durch andere inhaftierte Personen angewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders f\u00e4llt auf, dass das Personal in Frauengef\u00e4ngnissen offener mit dem Thema gleichgeschlechtlicher Sexualit\u00e4t umgeht als in M\u00e4nnergef\u00e4ngnissen. M\u00e4nnliche Queerness wird auch innerhalb der Justiz tendenziell als Tabuthema angesehen, wobei sicher das traditionelle Verst\u00e4ndnis von starker M\u00e4nnlichkeit mitspielt, das sich in der konservativ gepr\u00e4gten Justiz noch immer h\u00e4lt.  Queeren Paaren wird manchmal erlaubt, gemeinsam in einem Haftraum zu leben. M\u00e4nnern werden Kondome zur Verf\u00fcgung gestellt, wobei diese je nach Justizanstalt leichter oder schwerer zug\u00e4nglich sind. Femidome\/Leckt\u00fccher f\u00fcr Frauen gibt es hingegen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein h\u00e4ufiges Ph\u00e4nomen ist das der situativen Homosexualit\u00e4t. Eine Person hat also gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte, ohne sich als queer zu identifizieren. Ein Grund daf\u00fcr ist die ausschlie\u00dfliche Verf\u00fcgbarkeit von Personen desselben Geschlechts bei gleichzeitigem Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Geschlechtliche Vielfalt in Haft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Justiz ist nach wie vor \u00fcberfordert mit trans Personen. Das beginnt schon bei der bin\u00e4ren Unterteilung in Frauen- und M\u00e4nneranstalten. Zwar gibt es im internen Vollzugssystem die drei Geschlechter \u201em\u00e4nnlich\u201c, \u201eweiblich\u201c und \u201ekeine Angabe\u201c zur Auswahl, derzeit ist aber keine Person unter \u201ekeine Angabe\u201c eingetragen, sehr wahrscheinlich aufgrund einer Angst vor Diskriminierung. Eigentlich sollte der Eintrag im zentralen Personenstandsregister daf\u00fcr z\u00e4hlen, ob man in den Frauen- oder M\u00e4nnervollzug kommt. F\u00fcr die Justiz bleiben hingegen meist biologische Geschlechtsmerkmale ausschlaggebend. Soll hei\u00dfen: Eine trans Frau, die Hormonpr\u00e4parate einnimmt, jedoch keine geschlechtsangleichende Genital-OP gemacht hat, wird trotzdem meist in einer M\u00e4nnerabteilung leben. Als Grund hierf\u00fcr wird seitens der Justiz einerseits die Angst vor physischer sowie sexueller Gewalt und andererseits auch die Angst vor Schwangerschaften anderer H\u00e4ftlinge genannt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Personendurchsuchung werden Insass:innen bei hinreichendem Verdacht durchsucht, was auch mit einer k\u00f6rperlichen Entbl\u00f6\u00dfung einhergeht. Diese Personendurchsuchung wird stets von einer Person desselben biologischen Geschlechtes durchgef\u00fchrt. Also auch hier: eine trans Frau ohne geschlechtsangleichende Operation wird von einem Mann durchsucht. Nach Personenstands\u00e4nderung soll die Pr\u00e4ferenz der untersuchten Person z\u00e4hlen, jedoch ist dies keine verbindliche Vorgabe und wird nicht immer umgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders kritisiert wurde auch, dass es in reinen Frauen- und M\u00e4nneranstalten schwierig ist, \u201egeschlechtsspezifische Produkte\u201c des \u201eanderen\u201c Geschlechts zu erhalten. Eine trans Frau im M\u00e4nnervollzug tut sich also schwer, Dinge wie Strumpfhosen, Make-up und \u00e4hnliches einzukaufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass da in den Abl\u00e4ufen noch deutlich Luft nach oben ist, ist eindeutig. Trotzdem berichten trans Personen in Haft von einer grunds\u00e4tzlich steigenden Akzeptanz. Eine Person erz\u00e4hlt zum Beispiel, nur noch selten beim dead name gerufen zu werden. Positiv zu erw\u00e4hnen ist definitiv noch, dass es ein Urteil vom Landesgericht f\u00fcr Strafsachen Wien gibt, dass trans Personen ein Recht auf Transition haben. Dies wurde von einer trans Person in Haft erk\u00e4mpft.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aus der Sicht der Justizwache<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bediensteten der Justiz als die B\u00f6sen hinzustellen, w\u00e4re jedoch deutlich zu kurz gegriffen; das Problem ist eher strukturell. Es gibt viele motivierte und lernbereite Justizbedienstete, die das Gef\u00fchl haben, zu wenig Wissen \u00fcber queere Lebensrealit\u00e4ten zu haben und sich gerne fortbilden w\u00fcrden. Leider fehlen solche Fortbildungsm\u00f6glichkeiten innerhalb der Justiz weitgehend. Ich bin mir sicher, dass mehr Wissen \u00fcber queere Themen zu mehr Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber queeren Personen f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Belastend f\u00fcr die Justizwachebeamt:innen sei auch der Mangel an Richtlinien zu queerspezifischen Themen. Einzelfalll\u00f6sungen haben zwar die Chance, bestm\u00f6glich auf die Lebenssituation jeder Person einzugehen. In der Praxis ist es jedoch meist so, dass es zu einem Gef\u00fchl der Unsicherheit sowie der \u00dcberforderung kommt und die scheinbar sicherste anstatt der besten Option gew\u00e4hlt wird. Hier braucht es definitiv noch klare Empfehlungen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Medizinische Versorgung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allgemein gilt in der Haft das \u00c4quivalenzprinzip. Das bedeutet, dass sich die \u00e4rztliche und psychische Versorgung an den Sozialleistungen der Gesamtbev\u00f6lkerung orientieren sollte. Dass dies so leider nicht abgedeckt werden kann, wird in den Medien immer wieder thematisiert. Schuld ist schlichtweg ein Fachkr\u00e4ftemangel. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu HIV l\u00e4sst sich sagen, dass eine in Freiheit begonnene Behandlung auch in Haft fortgesetzt wird, was auch von den Insass:innen so best\u00e4tigt wird. Auch bei einer Diagnose in Haft erfolgt eine rasche medikament\u00f6se Einstellung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch bei in Freiheit begonnenen Hormontherapien ist es unbedingt notwendig, diese in Haft fortzusetzen; auch dies wird normalerweise erm\u00f6glicht. Deutlich schwieriger f\u00fcr trans Personen ist es, eine Hormonersatztherapie in Haft zu beginnen. Genauso wie bei Personen in Freiheit werden auch in Haft hierf\u00fcr mehrere professionelle Stellungnahmen sowie eine fach\u00e4rztliche Begleitung ben\u00f6tigt, was in Haft sehr schwer zu organisieren ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Res\u00fcmee<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Empfehlungen vom Ludwig Boltzmann Institut sind klar: unter anderem sollte freiwillige Sexualit\u00e4t aus einem Bed\u00fcrfnis der N\u00e4he heraus zugelassen werden, trans Personen sollte eine Transition (sofern gew\u00fcnscht) erm\u00f6glicht werden, notwendige Medikamente sollten zur Verf\u00fcgung gestellt werden und das Personal sollte in Bezug auf queere Themen geschult werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist der Strafvollzug gefordert, all diese Empfehlungen umzusetzen. Es ist kein Geheimnis, dass der Strafvollzug ein striktes und starres System ist, das sich nicht leicht \u00e4ndern l\u00e4sst. Aber einzelne Initiativen von inhaftierten Personen oder von Justizbediensteten zeigen, dass Ver\u00e4nderungen in Richtung Queersensibilit\u00e4t m\u00f6glich sind und auch schrittweise erfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Text von Anonyma<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die wenigsten Personen denken wohl gern dar\u00fcber nach, wie es w\u00e4re, im Gef\u00e4ngnis zu sein. Und trotzdem leben tagt\u00e4glich auch queere Personen dort und m\u00fcssen sich mit den Haftbedingungen auseinandersetzen. 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