{"id":10039,"date":"2026-05-29T00:12:00","date_gmt":"2026-05-28T22:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10039"},"modified":"2026-05-29T01:10:09","modified_gmt":"2026-05-28T23:10:09","slug":"auf-die-parade-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10039","title":{"rendered":"Auf die Parade kommen!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Anl\u00e4sslich des 30. Jubil\u00e4ums der Regenbogenparade habe ich Personen in der Buchhandlung L\u00f6wenherz zu einem Gespr\u00e4ch getroffen, die ma\u00dfgeblich an der 1. Parade mitgewirkt haben. Hannes Sulzenbacher, Veit Georg Schmidt und Chris Svatos \u00fcber anf\u00e4ngliche Herausforderungen, ber\u00fchrende Momente, Gl\u00fccksgef\u00fchle und die Parade im Wandel der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wann und wie habt ihr aktiv angefangen, die queere Community zu unterst\u00fctzen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes Sulzenbacher:<\/em> Ich habe 1990 angefangen, mich aktivistisch in der Rosa-Lila-Villa zu engagieren, wir haben dort die Zeitschrift Tam Tam und auch sonst jede Menge Aktivismus in allen Formen gemacht, wir sind auf die wenigen Demos, die es damals gab, gegangen und haben versucht, verschiedene Dinge auf den Weg zu bringen. Mein n\u00e4chster Schritt war das \u00d6LSF, dann war ich beim Aufbau der Buchhandlung L\u00f6wenherz (Anm.: Buchhandlung f\u00fcr Lesben, Schwule und queere Menschen in Wien) dabei. Und der n\u00e4chste Step war die Parade.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Chris Svatos:<\/em> Ich habe das erste Transgender-Treffen in der Rosa-Lila-Villa ich denke im Jahr 1992 \u00fcbernommen. 1995 wurde der Verein Trans X gegr\u00fcndet, und dann folgte die Vernetzung mit der restlichen queeren Community, im selben Jahr wurde auch das \u00d6LSF (\u00d6sterreichisches Lesben- und Schwulenforum) gegr\u00fcndet. Das \u00d6LSF hatte zu einer Besprechung zur Idee einer Parade eingeladen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Ich m\u00f6chte erg\u00e4nzen, dass das \u00d6LSF sp\u00e4ter in \u00d6sterreichisches Lesben-, Schwulen- und Transgenderforum umbenannt wurde und es war der Versuch, zum ersten Mal einen bundesweiten Verein zu gr\u00fcnden. Es gab Vereine in den einzelnen Bundesl\u00e4ndern und st\u00e4dtische Vereine, mit der Vernetzung wollte man eine neue politische Kraft darstellen. Das \u00d6LSF war in diesen Jahren ziemlich aktiv und war bei der ersten Regenbogenparade noch sehr relevant.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit Schmidt:<\/em> Ich betreibe mit J\u00fcrgen (Ostler) die Buchhandlung L\u00f6wenherz. Anfang 1992 bin ich aus Kiel nach Wien gekommen. Ich glaube, dass wir damals unsere Arbeit nicht aktivistisch betrachtet hatten, wir haben einfach gemacht, was notwendig war. 30 Jahre zur\u00fcckblickend kommen mir die Worte aktivistisches Engagement fast \u00fcberpathetisch vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Chris:<\/em> Das Transgender-Treffen in der Villa war kurz vor dem Aus und ich habe es halt \u00fcbernommen, dann stellte sich heraus, dass wir es erstmal auf rechtliche F\u00fc\u00dfe stellen und einen Verein daraus machen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Das Zusammenwachsen zwischen schwuler, lesbischer und trans Community waren genau diese Jahre, wo man sich vorsichtig, aber dann doch angeschaut und dann doch gemeinsame Sache gemacht hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"452\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Regenbogenparade-Interview.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10040\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Regenbogenparade-Interview.jpg 800w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Regenbogenparade-Interview-300x170.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Regenbogenparade-Interview-150x85.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Regenbogenparade-Interview-768x434.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Veit Schmidt, Hannes Sulzenbacher, Andreas Brunner<br>Interview zu \u201e10 Jahre Regenbogenparade\u201c von Proud2beGayAT<br><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BKD052fHirE\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BKD052fHirE<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Am 26. Juni 1996 fand die erste Regenbogenparade in Wien statt. Wie habt ihr euch auf die erste Parade vorbereitet?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Der \u00d6LSF hat als Dachverband einerseits Vernetzungsarbeit geleistet und war andererseits ein st\u00e4ndiger Streitgenerator, weil es immer hie\u00df, wenn man sich einigen soll, man k\u00f6nne das ja gar nicht. Die HOSI hatte Mitte der 1990er Jahre ein v\u00f6llig anderes Image, an der ersten Parade durfte die HOSI als angemeldete Gruppe teilnehmen. Die HOSI hat die heutige Gr\u00f6\u00dfe und Dynamik im Grunde im Jahr 2002 mit der \u00dcbernahme der Paradenorganisation erlangt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Ich war mit Andreas Brunner, der sozusagen das Zentralgestirn der ersten und folgenden Paraden war, 1994 in New York und wir sahen dort die 25. Gay Pride Parade. Ich war v\u00f6llig fassungslos und dachte mir: \u201eDa gibt es Gruppen von schwulen Piloten?!\u201c (lacht) Zur\u00fcck in Wien waren wir irgendwo zu viele Bier oder Gspritzte trinken und ich sagte zum Andreas: \u201eSollen wir das hier probieren?\u201c und Andreas gab die wildeste Antwort: \u201eJa, das machen wir!\u201c Wir haben gewusst, dass wir viel Zeit und viele Allianzen brauchen werden. Das erste Treffen war mit den Frauen aus der Rosa-Lila-Villa, weil wir gedacht haben, wenn wir das nicht im Vorhinein als Schwulen-Lesben-trans-Ding aufstellen, dann scheitern wir schon im ersten Wollen. Wir haben die ersten Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, alle m\u00f6glichen Veranstaltungen und die erste Kampagne gemacht, die SICHTBAR 1996 hie\u00df. Gleichzeitig hat es sich etwas z\u00e4h entwickelt. Viele Leute haben gesagt, ja ja, machen wir schon mit und wir dachten uns: Ok dann stehen wir wieder wie \u00fcblich bei den kleinen Demos mit 150 Leuten irgendwo und die rennen davon, wenn irgendein Fotograf von einer Zeitung daherkommt. Es kam zur Krise dieses SICHTBAR 96-Projektes und es kam zu einem gro\u00dfen Plenum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Vor dieser krisenhaften Sitzung gab es den Beschluss, dass wir ein Stra\u00dfenfest rund um das Burgtheater machen. Wir haben gesagt: \u201eDas bringen wir zusammen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Als die Krise da war, war kurze Zeit Christian Michelides ma\u00dfgeblich am Zustandekommen der Parade beteiligt, aber er hat sich auch bald wieder zur\u00fcckgezogen. Letztlich waren es ziemlich viele Leute, die \u2013 dirigiert von Andreas Brunner \u2013 diese erste Parade auf die Beine gestellt haben: die Frauen von der Villa waren wichtig, G\u00fcnter Strobl, Reinhard Pinter, Chris Svatos hat die kleine, aber ganze Transgenderszene mitgebracht, es war extrem wichtig, wie viele Leute doch begeistert waren und gesagt haben: \u201eDoch, wir schaffen das!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser wichtigster Partner war das Wiener Rathaus, vor allem das B\u00fcro des B\u00fcrgermeisters (Anm.: Michael H\u00e4upl). Auch die damalige Vizeb\u00fcrgermeisterin Grete Laska war sehr unterst\u00fctzend. W\u00e4re nicht aus dem Rathaus gewaltige Unterst\u00fctzung gekommen, h\u00e4tten wir es nicht geschafft. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Man muss bedenken, im Jahr 1993 gab es den \u00a7 221 des Strafgesetzbuches (Anm.: \u00a7 221. Wer eine Verbindung einer gr\u00f6\u00dferen Zahl von Personen gr\u00fcndet, deren wenn auch nicht ausschlie\u00dflicher Zweck es ist, gleichgeschlechtliche Unzucht zu beg\u00fcnstigen, und die geeignet ist, \u00f6ffentliches \u00c4rgernis zu erregen, ferner, wer einer solchen Verbindung als Mitglied angeh\u00f6rt oder f\u00fcr sie Mitglieder wirbt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagess\u00e4tzen zu bestrafen.) D.h. Vereine wie die HOSI waren per se illegal. Sie waren nicht genehmigungsf\u00e4hig, Veranstaltungen wie eine schwule Demonstration waren strafrechtlich bewehrt. Zwischen Rathaus und Polizeidirektion gab es die Absprache: Man tut nichts, das lassen wir laufen. Das war entscheidend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> \u2026nicht nur wir lassen es laufen, sondern wir unterst\u00fctzen es. F\u00fcr uns war ja alles neu. Woher bekommt man einen LKW? Wo schm\u00fcckt man den? Wie kommt er auf die Ringstra\u00dfe? Und wir hatten den st\u00e4ndigen Bammel, dass max. zwei LKWs dastehen und es kommt sonst niemand (lacht), das war nat\u00fcrlich schon st\u00e4ndig unsere Angst. Bei den ersten Plakaten f\u00fchlten wir uns schon so international, dass wir sie in deutscher und englischer Sprache beschrieben haben. Und da wir \u00fcberhaupt kein Geld hatten, haben wir das klassische Plakatformat A1 in der Mitte auseinanderschneiden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Wir haben damals auf viele Sachen nicht geachtet, aber vom Organisationsgrad war ab der zweiten Parade alles vorhanden und hat sich im Laufe der Jahre graduell gesteigert. Bei der ersten Parade war alles irgendwie im Ungewissen, man startete am Schwarzenbergplatz\u2026 Die Dinge wurden erledigt und irgendwer (meistens Andreas Brunner) hat meistens alles so gemacht, dass es gelaufen ist, aber es gab keine echte Struktur, deshalb war auch die Buchhandlung L\u00f6wenherz so wichtig, da sie die einzige Tagesstelle war. Es war die Zeit vor dem Internet und wir hatten hier ein Faxger\u00e4t, was essenziell war, ebenso wie das Telefon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Zusammen mit der Buchhandlung wurde das Caf\u00e9 Berg gegr\u00fcndet und der Gr\u00fcnder Leo Kellermann hat quasi sein halbes Personal als Aushilfe f\u00fcr die Parade bereitgestellt. Ohne den Spirit, ohne die L\u00e4ssigkeit und die Vernetzung des Berg-Teams h\u00e4tte man es schwer gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Man wusste ja nicht, was ist das? Was tue ich da? Parade\u2026hat keiner geh\u00f6rt. Und wie am 1. Mai soll es nicht sein. Wie es in New York l\u00e4uft, hat bis auf Andreas und Hannes auch niemand gesehen, und so wurde es auch nicht. Es war alles nicht fremd, aber unbekannt. Wir haben es einfach gemacht, und alle haben sich irgendwas Durchgeknalltes ausgedacht. Leo Kellermann war als Unternehmer in dieser Zeit f\u00fcr die Parade wichtig, er hat auch finanziell vorgestreckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Das Caf\u00e9 Berg und die Buchhandlung waren damals relativ neu und waren schon der, heute w\u00fcrde man sagen, queere Hotspot. Hier war der Umschlagplatz f\u00fcr alle Infos und f\u00fcr jede coole Queerness, und das war total wichtig. Und das Personal des Caf\u00e9 Berg war f\u00fcr den Partyspirit der Parade unheimlich wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wie erinnert ihr euch an den 26. Juni 1996?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Die erste Parade startete um 15 Uhr \u00fcber die Ringstra\u00dfe; sie endete am Schottentor, auf dem die Schlusskundgebung stattfand. Der erste Sattelschlepper diente dort als B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Chris:<\/em> Wir hatten immer die gro\u00dfe Panik: \u201eKommt \u00fcberhaupt jemand?\u201c und dann stehen wir am Ring und es kommen tausende Leute, Das war wirklich ein enormer Eindruck!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Also man hat so ein bisschen Butter in die Knie gekriegt. (lacht)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Wir wussten ja, dass LKWs angemeldet sind und dass es nicht total peinlich wird. Aber das dann eben 25&nbsp;000 dort stehen, das war schon ein \u201emagic moment of your life\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Wir drei waren sowas von ger\u00fchrt! Und das war einer der gro\u00dfen, einenden Momente, dass es auf einmal keine Rolle mehr gespielt hat, und das ist der Parade glaube ich bis heute erhalten geblieben \u2013 dass sie dieses Einende hat und kein falscher Umbrella-term oben dr\u00fcbergelegt wird, sondern der Grundkonsens war \u201esexuelle Devianz\u201c. Man wusste, dass sich etwas in der Stadt ver\u00e4ndert hat. In dem Moment geht es ans Grundmenschliche, denn wir sind viele und wir sind zusammen, ohne dass wir ein Versprechen leisten m\u00fcssen. Wir halten einfach zusammen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Die Demokultur hat sich in Wien tats\u00e4chlich ver\u00e4ndert. Am Anfang wurden wir sowohl innerhalb der Community als auch in den Medien viel angegriffen, nach dem Motto: \u201eWas wollt ihr denn \u00fcberhaupt, also was will die Parade?\u201c Wir haben gesagt: \u201eWir wollen die B\u00fchne geben, jede:r kann jede Forderung hier stellen. Wir sind die Plattform f\u00fcr die Forderungen. Das war der erste einigende Moment. Andererseits waren bis dahin Demos immer traurig und betroffen, und wir haben gesagt: \u201eEs ist eine gro\u00dfe Party und jeder kann tanzen, singen, saufen und ein im queeren Sinne des Aktivismus sinnvolles Transparent tragen. Vor allem wollen wir, dass es euch und uns gut geht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war v\u00f6llig neu, das Pathos der politischen Ver\u00e4nderung kann man auch ganz anders zum Ausdruck bringen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Chris:<\/em> Es hat auch ein anderer Aspekt mitgespielt, denn es war die Hochzeit der Technopartys in Berlin. Bei uns haben schon viele gedacht: \u201eDamit kriegen wir die Leute.\u201c deshalb auch die Sattelschlepper mit der Musik. Das war durchaus ein Kalk\u00fcl. Und es waren von Anfang an auch viele Heteros dabei, die am Ring eine tolle Party machen konnten, auch wenn ein politischer Hintergrund gegeben war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kritische Stimmen meinen, die Regenbogenparade wirkt schon oft wie eine Mischung aus Fasching und Loveparade.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Es gibt kein Fr\u00fcher, wo es besser war. Die Klage, dass die Parade so kommerziell geworden sei, ist von der ersten Parade an da. Die Stimmen waren immer schon da, sie haben immer schon genervt, weil sie es immer schon nicht verstanden haben. Ein wichtiger Grund daf\u00fcr ist sublimierter lesbisch-schwul-queerer Selbsthass, weil die Nichtbilligung der Au\u00dfenwelt, dass man Spa\u00df am Leben hat, inhaliert ist. Wenn mein Leben besser werden soll, darf ich als Erstes mal keinen Spa\u00df haben. V\u00f6llig verquer, nicht queer! Dieser Vorhalt, dass die Parade kommerziell geworden ist, war von der Stunde null an da. Es geht immer nur darum, eine Ausrede zu finden, warum man selber nicht hinwill, und das ist meistens Feigheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ist die Regenbogenparade \u2013 obwohl sie wie eine bunte Party wirkt \u2013 immer noch eine politische Veranstaltung?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Alle:<\/em> Selbstredend. Was soll sie sonst sein?!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Und das wird sie immer sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Chris:<\/em> Die Kommerzialisierung hat sich wesentlich ver\u00e4ndert. Die ganzen Firmen, die heute auf den W\u00e4gen Queerness predigen, haben damals gesagt: \u201eWas wollt ihr von uns, Geld, Sponsoring? Na sicher nicht.\u201c Und umgekehrt, die Kommerziellen damals, das waren die schwul-lesbischen Clubs und Lokale, die Villa.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Aber auch denen ist vorgehalten worden, selbst Santo Spirito, deren Konzept es ist, \u00fcberlaute, klassische Musik zu spielen. Mit diesem Konzept sind die auf die Parade gegangen und haben einen super Wagen gemacht. Mehr G\u00e4ste, mehr Umsatz und mehr Werbung haben die nicht n\u00f6tig gehabt. Aber selbst hier gab es den Vorhalt, es sei kommerziell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Chris: <\/em>Der Vorwurf hat sich gegen die Szene selbst gerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Was ist euch von der ersten Regenbogenparade besonders im Ged\u00e4chtnis geblieben?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Mein sch\u00f6nstes Erlebnis im Rahmen der ersten Parade war am Schluss; wir waren ganz aufgeregt. Die Polizei fuhr mit ihren kleinen Bussen auf der Ringstra\u00dfe vor und sperrte den Platz ab. Wir sammelten die gelben Warnwesten ein und ich stand voller Gl\u00fcckshormone rum, dackelte dann zur Polizei und sagte zum Einsatzleiter, ob wir noch etwas tun sollen. Und er sagte: \u201eNein, nein, das haben Sie super gemacht. Tausend Bussis!\u201c und aus den offenen Fenstern von diesen Bussen machen alle die Daumen hoch (lacht). Wir hatten damals ein v\u00f6llig anderes Bild von der Polizei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Die unglaubliche Menge an gut aufgelegten Leuten am Schwarzenbergplatz z\u00e4hlt zu meinen sch\u00f6nsten Momenten. Dann haben wir gewusst: ab jetzt kommen viele! (alle lachen)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Chris:<\/em> Ja, das war \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wie stand es um die Meldungen aus der Medienlandschaft?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Am Tag der Parade schrieb die Kronen Zeitung, dass es zu Verkehrsbehinderungen wegen einer Demonstration kommt, man wurde ja nie genannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Chris:<\/em> Damals bin ich den ganzen Vormittag zuhause gewesen und habe mich vorbereitet und das Radio lief\u2026 nichts! Keine Meldung, nichts. Es wurde totgeschwiegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Allgemein kann man sagen, dass \u00fcber die mediale Berichterstattung die Trans-Sichtbarkeit explodiert ist. Weil die auf den Fotos am meisten hergegeben haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Und das Wort schrill kommt in jeder \u00dcber- oder Unterschrift vor!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hannes:<\/em> Es kommt immer darauf an wo man ist und wo man hinschaut. Ich bin auf jeder Parade und ich bin total fad, schaut mich einfach an (lacht)! Man schaut nat\u00fcrlich dorthin, wo sich etwas bewegt, wo etwas ungew\u00f6hnlich, laut und bunt ist \u2013 und dann wird das kritisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Veit:<\/em> Ich finde ja, was uns als queeren Menschen am wichtigsten an der Parade sein muss, ist, wie wirkt sie denn eigentlich auf uns. F\u00fcr viele ist es im engeren Sinn ein Feiertag. Der Tag ihres Coming-outs vor ihrer Familie, der Tag, wo sie zum ersten Mal mit dem Partner\/der Partnerin Hand in Hand, in der \u00d6ffentlichkeit waren\u2026 und das ist ja auch eine Aufgabe f\u00fcr alle, die es hinter sich haben, zu sch\u00e4tzen und den weiteren Rahmen zu bieten, damit sie sich Jahr f\u00fcr Jahr daran erinnern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wie k\u00f6nnen Allies die queere Community aktiv unterst\u00fctzen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Alle:<\/em> Auf die Parade kommen! (alle lachen)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Interview von Amela D\u017eanko<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Historikerin und Aktivistin<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Anmerkung der Redaktion<\/strong><br>Die beiden Interviews gef\u00fchrt von Amela D\u017eanko in dieser Ausgabe Lambda #203 stellen bewusst die Erinnerungen und Einsch\u00e4tzungen der InterviewpartnerInnen aus pers\u00f6nlicher Sicht ins Zentrum. Dabei werden in den Interviews auch Aussagen getroffen, die entweder historisch widerspr\u00fcchlich, eindeutig widerlegbar sind (beispielsweise waren auch trans Personen an der ersten Parade beteiligt), oder sie enthalten Meinungen, die m\u00f6glicherweise nicht vom Verein HOSI Wien mitgetragen werden. Diese unterschiedlichen Perspektiven m\u00f6chten wir dennoch sichtbar machen.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 30. Jubil\u00e4ums der Regenbogenparade habe ich Personen in der Buchhandlung L\u00f6wenherz zu einem Gespr\u00e4ch getroffen, die ma\u00dfgeblich an der 1. Parade mitgewirkt haben. Hannes Sulzenbacher, Veit Georg Schmidt und Chris Svatos \u00fcber anf\u00e4ngliche Herausforderungen, ber\u00fchrende Momente, Gl\u00fccksgef\u00fchle und die Parade im Wandel der Zeit. Wann und wie habt ihr aktiv angefangen, die queere [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":44,"featured_media":10042,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[128,127,79],"class_list":["post-10039","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-schwerpunkt","tag-30-jahre-regenbogenparade","tag-lambda-203","tag-pride"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10039","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/44"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10039"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10039\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10060,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10039\/revisions\/10060"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10042"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10039"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}