{"id":10018,"date":"2026-05-29T00:07:00","date_gmt":"2026-05-28T22:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10018"},"modified":"2026-05-27T22:52:55","modified_gmt":"2026-05-27T20:52:55","slug":"das-missverstaendnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10018","title":{"rendered":"Das (Miss)Verst\u00e4ndnis"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Kennt ihr das vielleicht auch? Man erlebt einen Moment, in dem man physisch oder verbal als queere Person angegriffen wird; man erz\u00e4hlt dann dem heteronormativen Bekanntenkreis davon und bekommt oft eine von zwei Reaktionen: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eDas war sicher alles nur ein Missverst\u00e4ndnis.\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDu musst das verstehen. Sie\/er hat gerade [Problem\/Stressfaktor\/Generationsausrede einf\u00fcgen].\u201c<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Reaktionen bekam ich, als ich davon erz\u00e4hlte, dass: ich angespuckt wurde, es ohne Erkl\u00e4rungen in der Arbeit Budgetk\u00fcrzungen f\u00fcr queere Projekte gab, seit Jahren meine falschen Pronomen verwendet werden, ich Scammer-Mails erhalten habe nachdem eine rechtsradikale Zeitschrift meinen Namen ver\u00f6ffentlich hatte, ein anonymer Brief an meinen Arbeitsplatz an mich und andere queere Kolleg*innen gesendet wurde usw. Alles nur ein Missverst\u00e4ndnis \u2013 passiert ja den heteronormativen Menschen auch regelm\u00e4\u00dfig\u2026 oder?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Papst zum Beispiel passiert es nicht, dass sein \u201eDeadname\u201c weiterverwendet wird, nachdem er in sein Amt eingetreten ist. Die anderen Workshops an meinem Arbeitsplatz haben keine Budgetk\u00fcrzungen oder Angriffe erfahren, und auch Scammer-Mails und rechtsradikale Zeitschriften, die h\u00e4ssliche Dinge \u00fcber einen schreiben, sind meinen heteronormativen Kolleg*innen auch noch nicht widerfahren. Vielleicht doch kein Missverst\u00e4ndnis? Hmm\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verst\u00e4ndnis ist so eine Sache. F\u00fcr uns queere Menschen ist das Verst\u00e4ndnis sehr niedrig angelegt. Ist doch alles halb so wild! Zus\u00e4tzlich wird dieser Irrglaube noch mit Kommentaren zu Gunsten der diskriminierenden Person best\u00e4rkt (\u201eSie\/er ist doch [positive Eigenschaft einf\u00fcgen]\u201c). Das Erlebte muss daher ein Missverst\u00e4ndnis sein! Wenn dann aber einer Hetero-Cis-Person ein Unrecht passiert, ist es pl\u00f6tzlich kein Missverst\u00e4ndnis mehr. Dann werden meistens nicht nur die Achseln gezuckt, sondern es gibt auf einmal Gespr\u00e4che und aktiv Ma\u00dfnahmen, die gesetzt werden, um den (Arbeits-)Raum sicherer zu gestalten. Spannend&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das f\u00fchrt mich zum zweiten Punkt: Verst\u00e4ndnis f\u00fcr unsere Situation gibt es kaum, daf\u00fcr m\u00fcssen wir umso mehr Verst\u00e4ndnis der diskriminierenden Person gegen\u00fcber aufbringen. Ist die diskriminierende Person \u00fcber 50? Na dann ist es ja klar, dass sie\/er so reagiert \u2013 sie\/er wurde so erzogen! Hat sie\/er einen schlechten Tag und \u201edeshalb\u201c rutscht mal ein queerphober Spruch raus? Absolut nachvollziehbar! Ist er vielleicht auch noch dazu ein Mann? Der Arme kann ja nicht anders \u2013 er ist gefangen in einer toxisch-maskulinen Welt und kennt es nicht anders. Der braucht Zeit, bis er sich an \u201eneue\u201c Dinge gew\u00f6hnt \u2013 das kann schon mal Jahrzehnte dauern! Man sieht: Es wird ein \u00fcberdurchschnittlich gro\u00dfes Ma\u00df an Verst\u00e4ndnis von uns abverlangt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sind uns vermutlich einig: Da braucht es eine Umkehr. Aber was kann man tun? Der bekannteste Vorschlag: Man k\u00f6nne ja einfach nicht sichtbar queer sein. Es ist ja eigentlich deine eigene Verantwortung, ob dir Diskriminierung passiert (hallo Victim Blaming). Anpassung und Unsichtbarkeit \u2013 das sind unsere Optionen. Aber seien wir mal ehrlich \u2013 das sind gar keine wirklichen Optionen. Was wir tun k\u00f6nnen, ist, unseren Stimmen weiterhin auf verschiedenster Art und Weise Geh\u00f6r verschaffen, das eigene Umfeld aufkl\u00e4ren, sich mit queeren Gruppen und Organisationen vernetzen und anti-diskriminierende Stellen wie z.B. die WASt aufsuchen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man darf aber eines nicht: die mentale Gesundheit vergessen. \u00dcbergriffe zu erleben und eine aktive Stimme zu haben, k\u00f6nnen sich zu einem Burn-out und einer Depression entwickeln. Wenn es zu viel wird, dann darf man sich auch zur\u00fcckziehen und die anderen mal (f\u00fcr sich) lauter werden lassen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt also noch viel zu tun! Ich baue auf eine Zukunft, in der es mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr uns queere Menschen gibt und diskriminierende Vorf\u00e4lle nicht mehr in Missverst\u00e4ndnisse sondern in aktives Handeln zugunsten unseres Schutzes umgewandelt werden. Bis dahin bleibt uns aber nichts anderes \u00fcbrig, selbst die gesellschaftliche Verst\u00e4ndnisl\u00fccke f\u00fcr einander auszuf\u00fcllen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennt ihr das vielleicht auch? 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