{"id":10014,"date":"2026-05-29T00:06:00","date_gmt":"2026-05-28T22:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10014"},"modified":"2026-05-29T01:10:37","modified_gmt":"2026-05-28T23:10:37","slug":"liebes-tagebuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=10014","title":{"rendered":"Liebes Tagebuch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Beim Durchst\u00f6bern meiner alten B\u00fcchersammlung im ehemaligen Kinderzimmer bin ich auf mein altes Tagebuch gesto\u00dfen, dabei habe ich auch einen Tagebucheintrag \u00fcber meine erste Wien Pride 2017 gefunden. Wie ich damals als kleiner frisch geouteter Homo vom konservativen K\u00e4rntner Land ins gro\u00dfe Wien kam und das erste Mal \u201ePride\u201c erlebte. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">18. Juni 2017<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Liebes Tagebuch,<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sitze gerade im Zug zur\u00fcck nach K\u00e4rnten und kann noch immer nicht glauben, was gestern passiert ist. Ich war noch nie so nerv\u00f6s, gl\u00fccklich und frei. Jetzt ist mein Handyakku fast leer, meine Stimme tut weh, und ich sp\u00fcr meine Beine fast nicht mehr. Aber ich will das alles aufschreiben, bevor dieses Gef\u00fchl wieder verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gestern war meine erste Wien Pride.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich daran denke, wie ich gestern in der Fr\u00fch aufgestanden bin, muss ich fast lachen. Ich hatte solche Angst. Nicht nur davor, allein nach Wien zu fahren, sondern davor, \u00fcberhaupt dort zu sein. Bei uns \u201egibt\u2019s keine Schwulen\u201c, wie du ja wei\u00dft. Sagen jedenfalls alle. In Oberdrauburg kennt jeder jeden. Wenn die w\u00fcssten, wo ich gestern gewesen bin, g\u00e4b\u2018s sicher viel zu reden. Fast schon schade, dass ich es niemandem erz\u00e4hlen kann. Offiziell bin ich ja auch \u201ebei Freunden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, ich habe mir Wien immer wie eine andere Welt vorgestellt. Ich mein, ich war ja schon mal da zur Wienwoche in der Hauptschule. Aber das gestern war anders als in meiner Erinnerung. Gr\u00f6\u00dfer, lauter, bunter. Schon als ich aus der U-Bahn bei diesem gro\u00dfen Platz, wo sich alle versammelt haben, ausgestiegen bin, habe ich \u00fcberall Regenbogenflaggen gesehen. Menschen mit bunten Haaren, Glitzer im Gesicht, M\u00e4nner, die R\u00f6cke getragen haben, H\u00e4ndchen gehalten haben. Und keine bl\u00f6den Blicke oder dumme Spr\u00fcche dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin am Anfang einfach nur herumgestanden und habe alles beobachtet. Ich hatte Angst, dass mir irgendwer ansieht, dass ich zum ersten Mal da bin. Dass ich eigentlich ein Dorfkind aus K\u00e4rnten bin, das keine Ahnung hat, wie man \u201eoffen schwul\u201c ist. Wenn ich jetzt so dar\u00fcber nachdenke, richtig dummer Gedanke eigentlich. Ist doch f\u00fcr jeden irgendwann das erste Mal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf einmal ist aber eine \u00e4ltere Frau auf mich zugekommen, hat mich angel\u00e4chelt und mir eine kleine Regenbogenflagge in die Hand gedr\u00fcckt. Einfach so. Sie hat gesagt: \u201eFreit mi, doss du do bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann kam YMCA und alle haben gesungen und getanzt und pl\u00f6tzlich war ich in einer Gruppe von sechs Leuten, die mich mitgenommen und mit mir getanzt haben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Kopf war in dem Moment irgendwie so leer. Keine Ahnung warum. Ich musste an nichts denken, hab mir keine Sorgen gemacht. Ich war einfach da mit diesen bunten und lustigen Menschen. Der kleine K\u00e4rntna Bua zwischen Schildern mit \u201eLove is Love\u201c, bunt angezogenen Leuten und Regenb\u00f6gen, wo man auch hinschaut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Parade brauchte ich kurz einen Moment f\u00fcr mich und wollte mich von meiner \u201eTanzgruppe\u201c still und heimlich verabschieden. In meinem Kopf kam der Gedanke: \u201eDie hatten jetzt Mitleid mit mir und haben mich deswegen mitgenommen. Jetzt ist die Situation vorbei, besser ist es, jetzt zu gehen, bevor es unangenehm wird.\u201c Aber nein, sie haben sofort nach meiner Nummer gefragt und ob ich wiederkomme? In meinem Kopf habe ich schon \u00fcberlegt, dass ich wahrscheinlich bald heimfahren werde und pl\u00f6tzlich hatte ich da eine Gruppe von Menschen, die auf mich warten, um gemeinsam weiterzufeiern. Das war ein unglaubliches Gef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht klingt das \u00fcbertrieben, du wei\u00dft, wie dramatisch ich manchmal bin. Aber ich hab mich in meinem Leben noch nie so authentisch wertgesch\u00e4tzt gef\u00fchlt. Und das von Leuten, die ich erst ein paar Stunden kenn. Wei\u00df noch nicht, ob ich das sch\u00f6n oder traurig finden soll. Jedenfalls bin ich dann l\u00e4nger geblieben, sind dann noch in eine Bar und ich konnte mit vielen neuen Freunden Nummern tauschen. \u201eWenn du wieder mal in Wien bist, schreib mir\u201c war oft der Satz, der kam, w\u00e4hrend ich eine neue Nummer in mein Handy eingespeichert habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Lichtblick, falls es daheim schlimmer werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum ersten Mal habe ich mich Teil einer Gemeinschaft gef\u00fchlt. Wenn auch nur f\u00fcr einen Tag, denn jetzt bin ich wieder auf dem Weg raus aus dieser zauberhaften Welt zur\u00fcck in die Normalit\u00e4t. Aber ich komme wieder. Besser fr\u00fcher als sp\u00e4ter!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Durchst\u00f6bern meiner alten B\u00fcchersammlung im ehemaligen Kinderzimmer bin ich auf mein altes Tagebuch gesto\u00dfen, dabei habe ich auch einen Tagebucheintrag \u00fcber meine erste Wien Pride 2017 gefunden. Wie ich damals als kleiner frisch geouteter Homo vom konservativen K\u00e4rntner Land ins gro\u00dfe Wien kam und das erste Mal \u201ePride\u201c erlebte. 18. 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