LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Film/Gedankenjahr 2005

Mein Mörder

Der Film Mein Mörder schildert das Schicksal eines Jungen, der im Alter von zehn Jahren auf Betreiben seines politisch fanatischen Schuldirektors in die Wiener NS-Euthanasieanstalt am Spiegelgrund auf der Baumgartner Höhe (auch Steinhof genannt; heute trägt der Spitalskomplex den Namen seines Architekten Otto Wagner) eingewiesen wird. Er durchleidet, was Kinder dort zu durchleiden hatten, und sieht seinen Bettnachbarn neben sich sterben. Dieses Kindheitstrauma wird ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen.

Szenenfoto: Bub sitzt gedankenverloren im Bett in einem kargen Schlafsaal

Die traumatischen Erlebnisse durch eine mörderische NS-Psychiatrie werden Hans lebenslang begleiten.

Hans gelingt die Flucht aus der Anstalt. Zehn Jahre später landet er, weil er den Volksschuldirektor niedergeschlagen hat, wieder in Haft. Dort begegnet er zum zweiten Mal dem früheren NS-Arzt Dr. Mannhart vom Spiegelgrund, der, von der Universität geehrt, als bedeutender Gehirnforscher und führender Gerichtspsychiater arbeitet. Hans sagt zu ihm: „Sie sind mein Mörder.” Der Arzt antwortet ungerührt: „Sie sind verrückt” – und verfasst ein Gutachten, aufgrund dessen der gefährliche Zeuge seiner mörderischen Vergangenheit in eine geschlossene Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen wird.

In einfühlsamer Weise erzählt der Film eine wahre Geschichte: 1975 saß der Untersuchungshäftling Friedrich Zawrel dem Gerichtsgutachter Heinrich Gross gegen­über, den er schon aus früheren Tagen kannte: als Zawrel Demonstrationsobjekt und Todeskandidat am Spiegelgrund war (vgl. LN 2/88, S. 56). Gross war nach 1945 der Nachkriegsjustiz entkommen und mit Hilfe des Bundes Sozialistischer Akademiker (siehe auch Buchbesprechung auf S. 37) und der SPÖ in hohe Ämter aufgestiegen. 1975 war er zu Österreichs meistbeschäftigtem Gerichtsgutachter geworden. Auch Gross wollte Zawrel durch ein vernichtendes Gutachten für immer hinter Anstaltsmauern verschwinden lassen. Mit Zawrel, der mit drei Jahren ins Heim gekommen war, hatte es das Schicksal nicht gut gemeint: Mit 14 wurde er erstmals straffällig, 26 Jahre seines Lebens verbrachte er in Anstalten, dreizehnmal war er vorbestraft, vorwiegend wegen Homosexualität.

1979 bezichtigte der Unfallchirurg Werner Vogt den angesehenen Psychiater, während der NS-Zeit am Spiegelgrund hunderte angeblich geisteskranke Kinder getötet zu haben. Mindestens 789 Kinder wurden hier zwischen 1940 und 1945 ermordet. Oft gingen dem Tod Quälereien durch medizinische Experimente voraus. Empört verteidigten Fachkollegen und die Ärztekammer ihr hochgeschätztes Mitglied. Durch den Druck der Medien, zahlreicher Opfer der NS-Euthanasie und durch das Engagement des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) kam es schließlich zum Prozess gegen Gross. Nachdem dessen Verhandlungsunfähigkeit attestiert worden war, wurde das Verfahren im Jahr 2000 auf unbestimmte Zeit vertagt.

Regisseurin Elisabeth Scharang über ihren Film: „Ein Mann begegnet nach Jahren seinem Mörder; nur dass dieser ihm nicht ein zweites Mal ans Leben kann, weil die mörderischen Methoden aus den Zeiten des NS-Regimes in der neu ausgerufenen Republik nicht mehr legal sind. Die wahre Geschichte, die diesem Film zugrunde liegt, lässt das Leben als absurdes Theater erscheinen, über dessen böse Ironie man nur noch ungläubig den Kopf schütteln kann. Denn wie so oft: Die Wahrheit ist so unglaublich, dass sie keiner glauben will.“

Der Film nach einem Buch von Elisabeth und Michael Scharang – mit u. a. Christoph Bach (Hans), Gerti Drassl (Agnes), Karl Markovic (Dr. Mannhart) und Peter Turrini (Justizminister) – wird am 22. März 2005 um 20.15 Uhr in ORF 2 ausgestrahlt.

Petra M. Springer

Theater

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