LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Durch die rosa Brille

Gefährliche Zahlenspiele

Nach den Wahlen in den USA herrschte in Europa vielerorts Unverständnis, wieso ein Präsident, der sein Land in einen sinnlosen völkerrechtswidrigen Krieg getrieben hat, der für ein Riesenbudgetdefizit und eine die Mehrheit massiv benachteiligende Steuerpolitik verantwortlich ist, die Wahlen gewinnen konnte. Manche LeitartiklerInnen und KommentatorInnen griffen in ihren ratlosen Erklärungsversuchen das Thema Homosexualität auf. Immerhin war das einer der wenigen Bereiche, die im Wahlkampf inhaltlich breiter diskutiert wurden. In elf Bundesstaaten wurden zeitgleich mit der Wahl Referenden abgehalten, die zum Ziel hatten, die gleichgeschlechtliche Ehe und (in einigen Bundesstaaten) die Eingetragene PartnerInnenschaft per Verfassungsänderung („Amendment“) zu verbieten. Übrigens ein sehr merkwürdiges Menschenrechtsverständnis, über die Rechte von Minderheiten abstimmen zu lassen! Diese Referenden wurden vor allem in den eher konservativen Südstaaten abgehalten und sollten Bush-AnhängerInnen zusätzlich motivieren, zur Wahl zu gehen.

Das mag wohl die Absicht der republikanischen Wahlstrategen gewesen sein, ob es einen wahlbeeinflussenden Effekt gehabt hat, darf allerdings stark angezweifelt werden. Zwar gingen alle elf Abstimmungen – wenig überraschend – für ein solches Amendment aus, bis auf Oregon sogar mit sehr deutlichen Mehrheiten. Allerdings stimmte bundesweit betrachtet nur ein Fünftel der WählerInnen dafür. Besonders interessant wird es, wenn man sich das Datenmaterial des National Election Pool näher ansieht. Dafür wurden 13.660 US-BürgerInnen beim Verlassen des Wahllokals umfassend zu ihrem Wahlverhalten, zu Motiven und Hintergründen befragt (Exit Poll). Unter anderem kann man da nachlesen, dass sich 4 % der WählerInnen als lesbisch, schwul oder bisexuell bezeichnet und davon rund drei Viertel für John Kerry gestimmt haben.

In den Exit Polls wurde auch die Einstellung zu gleichgeschlechtlichen Paaren erfragt („Which comes closest to your view of gay and lesbian couples?“). Und hier kommt ein ganz erstaunliches Resultat zu Tage: Immerhin 25 % der Befragten will die Ehe für Lesben und Schwule öffnen und 35 % sprechen sich für die Schaffung der civil union (Eingetragenen PartnerInnenschaft) aus. Nur 37 % sind gegen jede rechtliche Anerkennung. Eine deutliche Mehrheit der US-AmerikanerInnen ist also für eine der beiden Varianten! Davon natürlich eine Mehrheit bei den Demokraten, aber sogar rund ein Viertel der Bush-AnhängerInnen ist für die Gleichstellung.

Das heimische Nachrichtenmagazin profil philosophierte nach dem Bush-Sieg darüber, ob auch hierzulande künftig in Wahlkämpfen Themen wie Abtreibung und Homo-Ehe wichtiger werden als Arbeitslosenraten und Abgabenquoten. Dabei wurde auch die obige Umfrage zitiert. Um die Resultate aber besser in die reichlich abstruse Argumentationsschiene einbinden zu können, addierte man die BefürworterInnen der civil union zu den GegnerInnen jeglicher Gleichstellung und hatte nun das Ergebnis auf 72 % versus 25 % praktisch umgedreht. Um die journalistische Peinlichkeit komplett zu machen, stellte man das einer österreichischen OGM-Umfrage aus dem Jahre Schnee (2001) gegenüber, wo die Befragten bei der Ja/nein-Option „rechtlich mit der Ehe gleichstellen“ zu 35 % zustimmten. Dabei stehen aktuellere Daten zur Verfügung: Eine Gallup-Umfrage vom August 2004 ergab sogar unter ÖVP-AnhängerInnen eine knappe Zustimmung zur „Homo-Ehe“. Ja, ja – traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!

Portraitfoto
CHRISTIAN HÖGL