LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Bücher

Queere Debatten

Queer theory und queer studies verstehen sich „als Frageperspektive, die alle kulturwissenschaftlichen Fächer übergreift“, wie Herausgeber Andreas Kraß einleitend in Queer Denken betont. Dieser Sammelband veröffentlicht wichtige Basistexte – zum Teil in Auszügen – US-amerikanischer Queer-TheoretikerInnen (Judith Butler, Teresa de Lauretis, Gayle S. Rubin, Eve Kosofsky Sedgwick u. a.) und wirft queere Perspektiven auf Geschichte (Konstruktion wie Dekonstruktion von Hetero- wie Homosexualität) sowie literaturwissenschaftliche Fragestellungen. Die Lektüre der meisten Beiträge erfordert gute Vorkenntnisse nicht nur für die behandelten fachwissenschaftlichen Spezialthemen, sondern auch in Bezug auf queer studies; das Buch ist daher in erster Linie für akademisch Gebildete geeignet.

LeserInnen, die eine leichtverständliche Einführung in Geschichte und Diskurse der queer theory suchen, sei Annamarie Jagoses Queer Theory empfohlen. Ihr Text zeichnet sowohl wissenschaftshistorische (Diskurse über Körper, Sexualität, Begehren) als auch bewegungsgeschichtliche (Homosexuellenbewegung, lesbischer Feminismus) Entwicklungslinien nach und erläutert die Konzepte der Entnaturalisierung von Sexualität sowie der Notwendigkeit der Differenzierung von sex und gender. Queer theory ist kein geschlossenes Theoriengebäude, wie die Autorin betont, sondern in ständiger Weiterentwicklung begriffen. Vieldeutigkeit und Vielfältigkeit sind somit zentrale Wesensmerkmale – ebenso die Verwerfung des Begriffs Identität. Die ÜbersetzerInnen (und HerausgeberInnen) der deutschsprachigen Ausgabe zeichnen den Diskussionsstand in der BRD nach.

Einen guten Überblick über die Rezeption an deutschen Universitäten bieten die folgenden beiden Sammelbände:

Jenseits der Geschlechtergrenzen dokumentiert Vorträge von Ringvorlesungen, die seit dem Sommersemester 1990 an der Hamburger Universität gehalten wurden. Die breitgefächerte Themenpalette beinhaltet u. a. Reproduktionsmedizin, Pornografie, Naturwissenschaften, Film; Schwerpunkte sind Identitätspolitik und Identitätskritik sowie Codierungen und Entcodierungen von Körperlichkeit in Form ausgewählter Einzelfallanalysen. Interessierte LeserInnen, die allerdings gute Vorkenntnisse benötigen, finden zahlreiche Anregungen zur weiteren Vertiefung.

Querschnitt – Gender Studies versammelt Beiträge aus zwei Ringvorlesungen an der Universität Kiel mit den Schwerpunkten Pädagogik sowie Film und Fernsehen. Der Buchtitel steht hier für ein – wissenschaftliches – Programm: queer studies als Impulsgeber für Weiterentwicklung/Transformierung der gender studies. Auch aktuelle politische Fragestellungen, wie etwa die Debatte um die gleichgeschlechtliche Ehe, werden nicht ausgespart.

Die Kategorie Geschlecht steht im Mittelpunkt des Studienreaders (und Tagungsbands) Gender Studies, dessen Lektüre vor allem Studierenden dieser Studienrichtung als guter Einstieg in ihre Fachdisziplin zu empfehlen ist – aber nicht nur diesen! Diese lesenswerte Bestandsaufnahme bisheriger wissenschaftstheoretischer Ansätze greift auch Fragestellungen der queer theory auf – so fragt etwa Sabine Hark nach den Folgen der Akademisierung eines ursprünglich widerständigen Denk- und Politikbegriffs.

Schwulsein 2000 basiert auf einer vom Waldschlösschen 1999 veranstalteten Tagung mit Schwulenaktivisten aus den „alten“ und „neuen“ Bundesländern. Beiträge zu damals aktuellen politischen Standortortbestimmungen der deutschen Schwulenbewegung, die als Zwischenbilanz über 30 Jahre Bewegungsgeschichte zu lesen sind und Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede aufgrund der unterschiedlichen politischen Vorgeschichte in leichtverständlicher Sprache dokumentieren und analysieren, stehen neben solchen, die Möglichkeiten – und Grenzen – von queeren Perspektiven für die Weiterentwicklung der deutschen Schwulenbewegung diskutieren. Dieser insbesondere bewegungspolitisch interessierten LeserInnen empfohlene Band dokumentiert nicht nur die Vorträge, sondern auch die anschließenden Diskussionen und zeigt zugleich deutlich auf, dass nicht eine Schwulenbewegung, sondern (vielfältige) Schwulenbewegungen existieren.

Gudrun Hauer

Andreas Kraß (Hg.): Queer Denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies). Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main 2003.

Annamarie Jagose: Queer Theory. Eine Einführung. Übersetzt von Corinna Genschel, Caren Lay, Nancy Wagenknecht und Volker Woltersdorff. Querverlag, Berlin 2001.

Ulf Heidel/Stefan Micheler/Elisabeth Tuider (Hg.): Jenseits der Geschlechtergrenzen. Sexualitäten, Identitäten und Körper in Perspektiven von Queer Studies. MännerschwarmSkript-Verlag, Hamburg 2001.

Paul M. Hahlbohm/Till Hurlin: Querschnitt – Gender Studies. Ein interdisziplinärer Blick nicht nur auf Homosexualität. Verlag Ludwig, Kiel 2001.

Therese Frey Steffen/Caroline Rosenthal/Anke Väth (Hg.): Gender Studies. Wissenschaftstheorien und Gesellschaftskritik. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2004.

Günter Grau (Hg.): Schwulsein 2000. Perspektiven im vereinigten Deutschland. MännerschwarmSkript-Verlag, Hamburg 2001.