LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Bücher

Im Schatten von Thomas Mann

Das 20. Jahrhundert findet mehr und mehr als abgeschlossener Zeitraum Einzug in die Geschichtsbücher, und da offensichtlich jede Epoche ihre RepräsentantInnen braucht, hat ein Thomas-Mann-Boom eingesetzt, der sich nicht so sehr auf das Werk bezieht, sondern eher den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Als Nobelpreisträger war er schließlich schon zu Lebzeiten eine Person öffentlichen Interesses. Dass zugleich die Familie Mann ins Zentrum des Bewusstseins rückt, könnte mehrere Gründe haben: Einerseits finden sich hier andere Persönlichkeiten, die nur auf Grund des langen Schatten des Vaters weniger Aufmerksamkeit bekommen, andererseits reizt natürlich das Privatleben eines Autors, der immerhin mit den Buddenbrooks den Familienroman schlechthin geschrieben hat, zumal die homosexuellen Neigungen Thomas Manns allemal einen Aufhänger darstellen. Und zuletzt lohnt es sich natürlich, das Thema bis zuletzt auszureizen: Selbst wenn alles gesagt ist, sind die Manns noch gut genug, den Vorwand für ein Kochbuch (Sybil Gräfin Schönefeldt: Feine Leute kommen spät) oder einen literarischen Kalender zu liefern, der mit Fotos und unterschiedlichen Zitaten aufgefettet wird. Es ist also auch für jene gesorgt, die der Familie in die Suppenterrine schauen wollen und nebenbei ein bisschen etwas über die Manns erfahren möchten. Dass die Rezepte im Kochbuch vom Frühstücksporridge bis zu den gebratenen Tauben reichen, sei am Rande erwähnt, weil es explizit ein ästhetisch-kulinarisches Büchlein und kein handfestes Kochbuch sein will. Darum reichen auch einige nette Informationen über Lübeck und einige Anekdoten über die Manns und die Buddenbrooks, um die LeserInnen an den Esstisch Thomas Manns zu führen.

Interessanter sind da schon die Biografien, die nun neu erschienen sind und sich auf Thomas Manns direktes Umfeld beziehen. Immerhin teilte der Autor sein gesamtes Leben mit seiner Frau Katia, die mit Geduld und Selbstverzicht den Alltag mit ihm teilte. Die beiden hatten sechs Kinder – Erika, Klaus, Golo, Monika, Michael und Elisabeth –, die allesamt mehr oder weniger erfolgreich versucht haben, sich zu emanzipieren und künstlerisch zu betätigen, und denen unterschiedlich viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zuteil wurde.

Die beiden ältesten sind zugleich die berühmtesten: Erika und Klaus ist denn auch eine Biografie gewidmet, die Reclam nunmehr in überarbeiteter Version neu herausgebracht hat. Der Schwerpunkt liegt ganz eindeutig auf Klaus. Erika wird eher in Beziehung zu ihm gesetzt, was besonders dann sichtbar wird, wenn nach seinem Selbstmord Erikas weitere Lebensjahre relativ kurz zusammengefasst werden. Jedenfalls gibt dieser eher unscheinbare Band einen interessanten Einblick in die Beziehung der beiden, ohne sie zu diffamieren. Immerhin löste ihre enge Beziehung, die manchmal den Grad der Abhängigkeit erreichte, schon zu ihren Lebzeiten die wildesten Fantasien aus. Der Stil ist zwar manchmal ein wenig reißerisch, doch kann der Band durchaus empfohlen werden, wenn es um ein differenziertes Bild jener beiden ProtagonistInnen der Familie Mann geht.

Familie Mann und Hund vor einem weißen Haus
Thomas und Katia Mann vor ihrem Haus mit den
Kindern Erika, Klaus und dem Säugling Golo.

Leider wirft hingegen das lange erwartete und viel versprechende 400-Seiten-Werk Die Frauen der Familie Mann bei weitem mehr Fragen und Zweifel auf. Ziel der Autorin Hildegard Möller ist es, so erklärt sie vorab, die diffizilen Beziehungen zwischen Mutter und Töchtern, die oft von Konkurrenz um die Gunst des „Zauberers“ bestimmt waren, zu beleuchten. Gleichzeitig impliziert der Titel eine Biografie über bzw. aus der Sicht der weiblichen Mitglieder der Familie Mann. Beides wird jedoch nur sehr bruchstückhaft eingelöst.

Wie schon in der Biografie über Katia Mann zeigt sich auch bei diesem Unterfangen das größte Problem: Wie rückt ein/e Autor/in das eigentliche Zentrum der Familie, Thomas Mann, in den Hintergrund der Betrachtungsweise und wird gleichzeitig seiner dominanten Stellung gerecht? Hildegard Möller scheint dazu keine Idee zu haben und folgt dem traditionellen Muster: Auch wenn es sich um keine Thomas-Mann-Biografie handelt, bestimmen seine Schritte doch das gesamte Werk. Er bleibt im Zentrum, die Frauen, um die es eigentlich gehen sollte, erscheinen als Reagierende auf die Schritte, die er setzt.

Selbst wenn man diese Situation als Wiedergabe der Realität akzeptiert, was an sich schon fragwürdig genug erscheint, so bleibt doch ärgerlich, dass das Versprechen der Autorin auch dort nicht eingelöst wird, wo es leicht möglich wäre: Monika etwa wird von Anfang an als schwieriges Kind beschrieben, ohne dass Möller auch nur den Versuch unternimmt, dieses gängige Vorurteil zu hinterfragen oder zu erklären. Oder: Zwar erwähnt sie, dass einer von Erikas Verehrern von der jüngsten Tochter Elisabeth abgöttisch geliebt wurde, womit die ältere auch spielte, doch auch dieses Potenzial ist der Autorin gerade einmal eine Erwähnung wert. Statt dessen werden hauptsächlich die Fakten nacherzählt, die in jeder anderen Biografie schon unzählige Male ausgewalzt wurden.

Dieses Manko scheint sich erst gegen Ende des Buches ein bisschen zu relativieren, bezeichnenderweise nach dem Tod von Thomas Mann. Zwar stehen den Hinterbliebenen nur noch etwa 50 Seiten für die Darstellung ihrer weiteren Lebenswege zur Verfügung, doch immerhin werden in Kurzform die Biografien zu Ende erzählt und wird eine Ahnung davon vermittelt, wie Spannungen auch über den Tod des berühmten Vaters hinaus wirkten.

Wie kann man sich also den Frauen im Hause Thomas Mann nähern, wenn man mit den biografischen Daten der Familie vertraut ist? In erster Linie über die (autobiografischen) Schriften, die sie selbst verfasst haben, und derer gibt es viele. Weiters über Biografien wie die anfangs erwähnte, die relativ unbefangen ein Leben erzählen, in dem Thomas Mann eine Rolle neben anderen wichtigen Einflüssen spielt. Und nicht zuletzt, wenn man beim systemischen Ansatz bleiben will, über Fotos.

An dieser Stelle sei noch einmal der literarische Kalender erwähnt, den der Fischer-Verlag für das Jahr 2005 herausgebracht hat. Während die Textausschnitte durchaus keine Überraschungen bieten, sagen die interessant ausgewählten Fotos vielleicht mehr über das Mannsche Familiensystem und die Frauen aus, als wir durch viele Worte erfahren. So fallen zuallererst die Inszenierungen von Familie auf: Idyll am Strand, Idyll am Kaffeetisch, Idyll am Balkon, aber gerade durch das Posenhafte stechen Irritationen ins Auge: Alle posieren, nur ein Kind sitzt trotzig mit verschränkten Armen abseits. Alle lächeln in die Kamera, nur ein Kind dreht den Kopf weg: Plötzlich haben die LeserInnen vor Augen, was Monika zur Außenseiterin machte. Der Verdacht liegt nahe, dass sie deshalb als „schwierig“ galt (und noch immer gilt), da sie am heftigsten und am sichtbarsten dem Bild von der perfekten Familie widersprach und ihre (kindliche) Revolution auch in Szene setzte.

Was bleibt also vom Bild der Manns, jener Familie, die vielleicht als Exempel der Familie – zumindest der ersten Hälfte – des vergangenen Jahrhunderts herangezogen werden wird? Glaubt man den Biografien, und hier viel mehr ihrem Subtext als dem vorherrschenden Wort, so wird der Eindruck eines Systems, das trotz seiner Fortschrittlichkeit in extremer Weise das Patriarchat markiert, erweckt, in dem die Söhne resignieren (immerhin haben sich zwei selbst getötet) und die Frauen ihre Bedürfnisse nach dem Vater ausrichten – oder als „schwierig“ abgestempelt werden. Vielleicht aber braucht es nur ein Werk, das es wagt, dieses Bild kritisch zu hinterfragen und das Versprechen einzulösen, das Hildegard Möller gibt: die Frauen in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen.

Martin Weber

Buchcover

Hildegard Möller: Die Frauen der Familie Mann. Piper-Verlag, München 2004.

Armin Strohmeyr: Klaus und Erika Mann. Eine Biografie. Reclam-Verlag, Leipzig 2004.

Sybil Gräfin Schönfeldt: „Feine Leute kommen zu spät...“ oder Bei Thomas Mann zu Tisch. Arche-Verlag, Zürich/Hamburg 2004.

Petra Gropp (Zusammenstellung): Literarischer Kalender 2005. Die Familie Mann. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2004.