LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Leitartikel

Überflüssige Frauenräume?

Ausschließlich für Frauen bestimmte Räume, wichtige Begegnungs-, Politik- und Freizeitzentren für Frauen/Lesben, die zum Teil schon in den ersten Jahren der Neuen Frauenbewegung entstanden, sind nicht nur in die Jahre gekommen, sondern auch in gravierende Existenzkrisen geraten. Das Wiener Frauencafé konnte nur mit Hilfe von Unterstützerinnen sein Weiterbestehen wenigstens vorläufig sichern, das Wiener Frauenzentrum leidet ebenfalls an akuter Besucherinnennot. Ähnliche Botschaften erreichen uns auch aus deutschen Großstädten. Vor kurzem erschien die letzte Ausgabe der radikalfeministischen Lesbenzeitschrift IHRSINN.

Die Ursachen fürs Zusperren bzw. Einstellen sind überall die gleichen: Die Besucherinnen bzw. Leserinnen bleiben aus; insbesondere die junge Lesben-Internetgeneration sieht keine Notwendigkeit für den Fortbestand bzw. ist überhaupt uninteressiert. Der mit diesen Räumen assoziierte Feminismus gilt in den Augen dieser Frauen als fad, verstaubt, überholt, überflüssig – so wie der Feminismus generell. Frau habe ja schon alles Notwendige an Gleichstellung erreicht, und lesbe werde heute nicht mehr diskriminiert – wenn sie sich nicht als Lesbe sichtbar für alle in der Öffentlichkeit zeigt. Daher existiere kein Bedarf mehr an solchen Projekten, so etwa die Meinungen vieler Lesben in diversen Internet-Diskussionsforen.

Zugegeben: Die Angebote vieler Projekte sind oft nicht mehr auf eine junge Generation zugeschnitten, die sich in virtuellen Räumen bewegt und nichts von mühsamen politischen Kämpfen, Niederlagen, aber auch Siegen hören will, sondern Spaß und Entspannung in der Freizeit sucht.

Doch die Krise dieser Frauen- und Lesbenorte geht tiefer und lässt sich nicht allein auf ein geändertes Konsum- und Freizeitverhalten zurückführen. Ein wichtiger Grund ist ein stark verändertes Selbstverständnis etwa des Begriffs „lesbisch“. Dieser ist mittlerweile jedes politischen Kontexts entkleidet. Lesbisch zu sein wird als Privatsache verstanden, als bloße sexuelle Orientierung oder als Lifestyle, nicht als eine radikale politische Ansage – und Absage an eine patriarchale und heterosexistische Gesellschaft, die es zu verändern gilt. Diesen Rückzug ins Private haben Lesben sehr wohl mit vielen anderen Frauen (und auch Männern) gemeinsam. Entpolitisierung und „Reprivatisierung“ machen somit auch vor ihnen nicht Halt.

Die derzeitige politische Lähmung, die „bleierne Zeit“, insbesondere seit dem Antritt der so genannten Wendekoalition, die nicht nur viele Spielräume politischen Handelns sukzessive verkleinert, sondern sich zugleich als vorweggenommene Hoffnungslosigkeit, ja Vergeblichkeit allen politischen Handelns in unseren Köpfen und Herzen eingenistet hat, wirkt sich natürlich auch auf diejenigen aus, die eigentlich das politische Erbe von uns „Älteren“ übernehmen sollten. Sollten wir daher nicht endlich lernen, nicht ständig über unsere Niederlagen und vergeblichen Versuche zu sprechen und zu schreiben, sondern auch die bisherigen Erfolge, das von uns Erreichte zu würdigen und uns auch daran zu freuen – als Konsequenzen unseres politischen Agierens als politische Subjekte?

Portraitfoto
Gudrun Hauer