LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Kurts Kommentar

Heteronormativität:
Ehe um jeden Preis?

Nun hat sich also die SPÖ auf ihrem Parteitag (vgl. S. 16) mittelfristig für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ausgesprochen. Dies wurde von einem Teil der Lesben- und Schwulenbewegung – nicht zuletzt natürlich von der SoHo – euphorisch begrüßt. Wie immer in solchen Fällen ist es jedoch nicht nur hilfreich, sondern angezeigt, sich die genaue Wortwahl anzuschauen – und in der Tat ist der Antrag eher vage formuliert: Der Bundesparteitag hat beschlossen, dass „mittelfristig die alternative Option (Anm.: zur Eingetragenen PartnerInnenschaft) einer völligen Öffnung des Eherechts für Homosexuelle zu prüfen“ sei. „Prüfen“ kann man immer – das bedeutet noch keinerlei Festlegung.

Das Podium bei der Pressekonferenz im Café Landtmann
Lesbische und schwule PartnerInnenschaften sind nicht bloß eine 1:1-Kopie der heterosexuellen Ehe.

Aber davon abgesehen, müssen sich Lesben und Schwule fragen: Wollen wir wirklich die Ehe, so wie sie jetzt in Österreich rechtlich ausgestattet ist? Ich meine und habe es auch in meinem Kommentar der anderen im Standard im Zuge der Sommerloch-Debatte über die Homo-Ehe am 24. 8. 04 geschrieben: sicherlich nicht! Das wäre an unseren Bedürfnissen vorbeigefordert. Ich würde niemandem raten, nach den bestehenden Ehegesetzen zu heiraten – außer vielleicht, wenn jemand eine/n ausländische/n Partner/in hat, der/die sonst nicht ins Land kommen kann, oder man ist todkrank und hat ein großes Vermögen zu vererben... Aber sonst?

Jahrhundertelang haben Heterosexuelle an ihrem Eherecht herumgebastelt und es auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Und jetzt sollen Lesben und Schwule all das ungeschaut 1:1 übernehmen? Wegen der 100%igen Gleichstellung und Gleichberechtigung? Diese sind ja wohl kein reiner Selbstzweck und sollten auch nicht zu einem unhinterfragten Fetisch werden. Wir können – und sollten – heute ruhig selbstbewusst genug sein, die Heterosexualität und ihre Normen nicht zum Maß aller Dinge zu erheben, und notfalls auch eigene, für unsere Bedürfnisse adäquatere – und dabei gerne auch objektiv bessere – rechtliche Normen einfordern.

Vor allem geht es um die Scheidungsbestimmungen, die auf die in Österreich immer noch typische Geschlechter­rollenverteilung unter Heteros Rücksicht nehmen muss. Klassisches Beispiel: Frau heiratet, bekommt Kinder, gibt eigenen Beruf und Karriere auf, mit 40 oder 45 – die Kinder sind erwachsen und aus dem Haus – sucht sich der Göttergatte eine Jüngere, gibt der Ehefrau den berühmten Tritt – und diese steht dann praktisch vor dem Nichts, kann als Kassierin bei Billa anheuern oder als Putzfrau gehen, hat keine eigenen Pensionsversicherungszeiten etc. Da erscheint es durchaus vernünftig, die Frau etwas abzusichern und eine rasche Scheidung gegen ihren Willen zu verunmöglichen.

Aber brauchen wir Lesben und Schwule das? Sicher nicht! Wenn ein Lesben- oder ein Schwulenpaar ein solches Rollenmodell übernehmen will – selbst wenn es Kinder aufzieht – und der daheimbleibende, nicht berufstätige Teil einmal in die oben beschriebene Situation kommt, ist er selber schuld. Und dann soll der/die einzelne auch die Konsequenzen tragen. Aber deswegen kann man die rechtliche Absicherung nicht von vornherein auf diese Fälle zuschneiden und dadurch so gestalten, dass die Ehe dann für alle anderen Lesben und Schwulen, die halbwegs bei Trost sind, keine wirkliche Option mehr darstellt. Ich fürchte ja, die meisten Lesben und Schwulen, die jetzt Hals über Kopf zum Standesamt laufen würden, wissen gar nicht, dass die/der Partner/in eine Scheidung später bis zu drei Jahre (oder gar sechs – siehe Scheidungsfall Klestil) blockieren könnte.

Fazit: Grundsätzlich ja zur Ehe, aber zu einer, die vorher in wesentlichen Punkten reformiert und modernisiert werden muss. Ansonsten hingegen lieber ein eigenes, auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenes Rechtsinstitut wie die Eingetragene PartnerInnenschaft. Wenn uns die Hetero-Normen nicht behagen, dann verdienen wir Lesben und Schwule auch ein Sonderrecht! Und ich gehe jede Wette ein: Die Eingetragene PartnerInnenschaft mit rechtlichen Bestimmungen auf der Höhe der Zeit wird dann auch für Heterosexuelle so vorbildlich und attraktiv werden, dass sie früher oder später ihr Sonderrecht unserem Sonderrecht anpassen werden. Das wäre doch einmal etwas anderes – als es immer nur völlig phantasielos den Heteros nachmachen zu wollen!

Portraitfoto
Kurt Krickler