LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Kino

Zwei Geschlechter sind eins zu viel

Am 14. Jänner 2005 startet der Dokumentarfilm Erik(A) – Der Mann, der Weltmeisterin wurde von Kurt Mayer in den österreichischen Kinos. Nach einem Drehbuch von Hanne Lassl zeigt der Film ein faszinierendes Kapitel österreichischer Sportgeschichte: Erik Schinegger machte eine Sportkarriere bei den Damen als Erika Schinegger – sie wurde 1965 Europameisterin bei den Juniorinnen, siegte 1966/67 bei Weltcuprennen und wurde 1966 Weltmeisterin im Abfahrtslauf in Portillo (Chile). Die Skination Österreich geriet in Ekstase, denn damals wusste noch niemand, dass die talentierte Skirennläuferin in Wirklichkeit ein Mann war.

Schinegger wurde mit einem XY-Chromosom geboren, allerdings waren die äußeren männlichen Geschlechtsmerkmale nach innen gewachsen, wodurch er – in einer Gesellschaft, in der es nur zwei Geschlechter gibt und zu geben hat, obwohl eines von 4000 Kindern intersexuell geboren wird – biologisch für eine Frau gehalten wurde. Irritiert wegen des seltsamen Aussehens, wurde Schinegger nach der Geburt mehrfach untersucht. Letztlich beruhigte die Hebamme die Eltern und gratulierte zur Tochter. Als in der Pubertät die Menstruation ausblieb, die Brüste nicht wuchsen und Erika, die immer androgyner wurde, sich zu Mädchen hingezogen fühlte, war das schon etwas beunruhigender. Die Skiläuferin konzentrierte sich auf den Sport, wo sie die Anerkennung bekam, die sie in ihrem Privatleben nicht finden konnte. Der 1967 eingeführte „Sextest“ beendete im Winter abrupt die weitere Karriere. Daraufhin ließ sie eine operative Geschlechtskorrektur vornehmen. Zwischen 1969-72 erzielte Schinegger nun als Mann mehrere Siege bei internationalen Herrenrennen, bis der ÖSV ein Trainingsverbot für ihn im Herrenteam verfügte. Heute ist Erik Schinegger ein höchst erfolgreicher Skischulbesitzer in Kärnten.

Faksimile Titelblatt Kleine Zeitung 'Die Heimat empfing Gold Erika'
Die siegreiche „Gold-Erika“ der 1960er Jahre war erklärter Liebling der österreichischen Presse.

Im Film kommen neben Erik Schinegger ehemalige Skifunktionäre, der damalige Teamarzt, TeamkollegInnen, Journalisten, seine Mutter, seine Ex- sowie seine heutige Ehefrau, seine Tochter und seine JugendfreundInnen zu Wort. Die Musik zum Film stammt von der österreichischen Komponistin Olga Neuwirth. Kurt Mayer war fasziniert von der „ambivalenten Verbindung von Sport mit vielen möglichen Konstruktionen von Identität“. Weit über den Einzelfall Schinegger hinaus geht es um die Sinnhaftigkeit und die Auswüchse des Spitzensports, in dem Zehntel- und Hundertstelsekunden im Vordergrund stehen und der Mensch als funktionierende Maschine angesehen wird.

Petra M. Springer

Das Plakat zum Film