LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Aus lesbischer Sicht

Brauner Zucker

Eine heterosexuelle Bekannte brachte mir unlängst aufgeregt ein Buch: „Du, des muasst unbedingd lesn! A unglaublicha Schwochsinn!“ Weil ich nicht gleich verstand, warum ich ausgerechnet „an Schwochsinn“ unbedingt lesen sollte, erklärte sie, heftig an die Stirn tippend: „De Oide schreibt üba antihomosexuelle Ernährung!“

Und wirklich: Schon der Titel versprach: „Unsere Ernährung. Ihre Herkunft und ihre Auswirkungen (...) – Homosexualität (...) Aids und Ernährung“. Geschrieben von einer gewissen Maria A. Wildner, erschienen 2003 im Fischer & Fischer-Verlag.

Die biographischen Angaben zur Verfasserin sind dürftig. Zwischen den beiden Weltkriegen geboren kann 1918 genau so sein wie 1938 oder 1929. Dass sie eine durch die Politik geprägte Kindheit hatte, zwei Wunschkinder, zwei Ehen, sagt auch nicht viel. Existenzmäßig war sie – durch politischen Einfluss – einem extrem harten Kampf ausgesetzt.”

Dieser „politische Einfluss“ muss ein anderer gewesen sein als jener, den zur Zeit die GegnerInnen von Schwarz-Blau spüren. Denn Frau Wildner erklärt der breiten Bevölkerungsschicht, für die das Buch ausdrücklich geschrieben ist, nur zum geringsten Teil die aus dem Bio-Unterricht bekannten Basics über gesunde Ernährung, dafür aber „Gott und die Welt“ und vor allem Österreichs Geschichte auf eine Weise, die antifaschistischen LeserInnen stetige Gänsehaut garantiert. Mehrmals lässt sie Hitler einen guten Mann sein, der den Menschen Arbeit und Brot gab und in Österreich den Bruderkrieg beendete. Was ihr aber am besten gefiel: Indem er den Russlandfeldzug begann (...), wusste Hitler zu verhindern, dass Stalin den Kommunismus über Europa verbreiten konnte.

So und ähnlich NS-verharmlosend, antikommunistisch und gleichzeitig stark antiamerikanisch ist das Weltbild, in dessen Rahmen sie AIDS, Homosexualität und Drogensucht behandelt: Symptome einer „falschen“ Lebensweise mit Dosennahrung und Discomusik; leicht zu heilen durch Rückbesinnung auf die Bedeutung der „richtigen“ Rolle der Frau und Mutter, von Familie, Religion und Bauernstand.

Ihr „Rezept“ gegen AIDS? Ganz ohne Medikamente, durch bloße Ernährungstherapie könne ein HIV-geschädigtes Immunsystem wieder repariert werden. Doch „leider“ gebe es – wegen der Interessen der Pharmaindustrie – keine Versuchspersonen für den Richtigkeitsnachweis dieser vernünftigen Idee.

Über Homosexualität weiß sie: In den letzten Jahren stieg die Zahl der Homosexuellen stark an. Unsereins denkt: Logo! Eine zunehmend tolerante Gesellschaft zwingt immer weniger Lesben und Schwule zum Verheimlichen. Frau Wildner – 140 Jahre alte Hypothesen von Krafft-Ebing zitierend – ist überzeugt, es mit einer Degenerationserscheinung der Keimdrüsen zu tun zu haben, die von einer schlampigen Lebensführung kommt. Mittels Vitamins E, braunen Zuckers und kaltgepressten Öls sei das zu kurieren. Anders als im Fall von AIDS traut sie der Pharmaindustrie gegen das Problem der Homosexualität allerhand zu: Die Ärzte sollten Homosexuelle doch mit Hormonen behandeln. – Ein Beweis, dass die Frau von Konzentrationslagern bis heute keine Ahnung hat, wo Ärzte die Sinnlosigkeit dieser „Behandlung“ in grausamen Menschenversuchen bewiesen haben? Doch Großmutter Wildner bedenkt uns Lesben und Schwule mit Großmut: Zuckersüß tröstet sie, dass aus der Liebesbeziehung nach erfolgter Hormonkur ja eine schöne Freundschaft werden kann.

Ob die HOSI Wien ihre jüngste Publikation, die Übersetzung der Biographie über Carl Værnet, den dänischen SS-Arzt, der im KZ Buchenwald Schwule durch Hormonbehandlung von ihrer Homosexualität „heilen“ wollte, überreichen sollte (vgl. LN 4/04, S. 37)? Ich fürchte jedoch, das würde an ihrem chronischen Problem der Ewiggestrigkeit genau so wenig ändern wie brauner Zucker an unserem Begehren.

Portraitfoto
Helga Pankratz