LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Bücher

Oscar Wilde –
der tragische Dandy

Er gilt bis heute nicht nur als einer der geistreichsten und talentiertesten Schriftsteller Großbritanniens, sondern auch als einer der prominentesten Märtyrer der Homosexuellen­bewegung. Der Schöpfer des weltbekannten Romans Das Bildnis des Dorian Gray und von Stücken wie The Importance of Being Earnes (Ernst sein ist alles) ließ sich auf einen hoffnungslosen Prozess ein, indem er den Vater seines Geliebten des Rufmordes bezichtigte. Bis heute spekulieren Historiker und Literaturwissenschafter darüber, warum er sehenden Auges ins Verderben lief. Nach zwei Jahren Kerker und der Verbannung seiner Bücher und Stücke aus der Öffentlichkeit war er ein gebrochener Mann. Dass er heute als genialer Dichter hoch angesehen ist, beweisen Verkaufs- und Aufführungszahlen. Das Interesse an seinem Leben spiegelt sich nicht nur im Erfolg des Films Wilde von Brian Gilbert wider, sondern auch in einer Vielzahl von Büchern, die in den letzten Jahren erschienen sind: Oscar Wilde ist wieder en vogue.

Er war ohne Zweifel eine ungewöhnliche Erscheinung: Nicht schön, aber chic, kein Mann, der nach der Mode ging, sondern einer, der Mode kreierte. Es ist selbst heute noch faszinierend, Bilder des jungen Oscar Wilde zu betrachten und sich zu vergegenwärtigen, dass dieser, 1854 in Dublin geboren, im strengen Britannien Königin Victorias einfach damit reüssierte, aufzufallen. Der witzige und geistreiche Wilde war lange, bevor er zu schreiben begann, bereits eine internationale Berühmtheit, nicht nur seiner Bonmots wegen, sondern auch, weil sein exzentrisches Auftreten faszinierte. Zwar wurde er vielerorts geschmäht, doch behauptete er beharrlich seinen Platz in der britischen Gesellschaft. Seine Vorträge über Stil brachten ihn bis in die USA, und als er zu schreiben begann, fanden seine Werke reißenden Absatz. Zwar wurde The Picture of Dorian Gray lange Zeit aufgrund moralischer Einwände unterschätzt, doch seine Theaterstücke, insbesondere The Importance of Being Earnest wurden vom Publikum heftig akklamiert. Alles passte so gut zusammen – das artifizielle Äußere, der wache Geist, dazu die bürgerliche Existenz als Ehemann und Vater zweier Söhne –, dass man wahrscheinlich sogar über den offensichtlich unmoralischen Lebenswandel hinweggesehen hätte, der sich im Konsum von diversen Drogen ebenso ausdrückte wie in offenkundigen Kontakten zu käuflichen jungen Männern, wenn nicht...

Ja, wenn Oscar Wilde nicht auf Lord Douglas getroffen wäre, einen egozentrischen, hübschen jungen Adeligen, der 1891 in Wildes Leben trat und von da an zur bestimmenden Kraft des inzwischen bekannten Autors wurde. Der ausschweifende Lebenswandel der beiden, ihre heftigen Auseinandersetzungen und verschwenderischen Versöhnungen brachten Wilde zwar in Verruf, doch war er es selbst, der den Stein ins Rollen brachte, der ihn schließlich zermalmen sollte. 1895 hinterlegte der Vater von Lord Douglas, der Marquis of Queensberry, ein ungehobelter, nicht minder exzentrischer Adeliger, eine Karte in Wildes Club, auf der er diesen bezichtigte, er posiere als Sodomit. Anstatt diesen Angriff des berüchtigten Querulanten zu ignorieren, zeigte Wilde ihn wegen Verleumdung an und unterschrieb damit sein eigenes Urteil.

Die Niederschrift dieses ersten Prozesses Wilde gegen Queensberry gehört wohl zu den spannendsten geschichtlichen Dokumenten des viktorianischen Englands. Es ist das Verdienst von Merlin Holland, Oscar Wildes Enkel, diese Akten herausgegeben zu haben. Oscar Wilde im Kreuzverhör beweist einmal mehr, welch unglaubliche rhetorische Fähigkeiten Wilde besessen hat. Liest man die Gerichtsprotokolle, so teilt man die Vermutung mancher Wissenschafter, Wilde hätte den Ernst der Lage einfach ignoriert und sei davon ausgegangen, auch vor Gericht durch exzentrisches Auftreten und Wortwitz zu reüssieren. Gleichzeitig wird aber auch seine Unfähigkeit deutlich, Tatsachen ins Auge zu sehen. Somit wird das Buch gleichzeitig ein tragisches Dokument der „Rache des viktorianischen Englands“: Nicht Queensberry scheint auf der Anklagebank zu sitzen, sondern Wilde, dessen Romane ebenso als belastendes Beweismaterial herangezogen werden wie die Aussagen der jungen Männer, mit denen Wilde verkehrte.

Auf den Freispruch Queensberrys folgten rasch Prozesse gegen Wilde wegen Homosexualität und schließlich die Inhaftierung. Nach zwei Jahren Haft war Oscar Wilde in jeder Hinsicht am Ende: Seine Gesundheit war angegriffen, sein Name insbesondere in Großbritannien verpönt, seine Werke aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen, was auch finanzielle Konsequenzen hatte. Seine Frau und seine Kinder hatten sich ebenso von ihm abgewendet wie die meisten seiner Freunde. Selbst sein geliebter Bosie, Lord Douglas, der immerhin Auslöser der Misere war, hatte wenig Interesse an der Freundschaft mit dem Häftling gezeigt. Trotzdem verzieh Oscar ihm seine Illoyalität, denn als er sich nach der Entlassung durch Italien und Frankreich schlug, kam es zu einem Wiedersehen und einer Wiederaufnahme der Beziehung – mit denselben Ausbrüchen, Höhen und Tiefen. Kurz vor seinem 46. Geburtstag stirbt Wilde in Paris, ohne die Rehabilitation seiner Person und seiner Werke mitzuerleben, die kurze Zeit später erfolgen sollte.

Denn dass seine Literatur zu der bedeutendsten Großbritanniens gehört, ließ sich nicht lange leugnen, und bald setzte ein Wilde-Boom in ganz Europa ein. Während man anfänglich verzichtete, die Biographie des Autors in die Betrachtungen mit einzubeziehen, bahnte sich in den letzten zwanzig Jahren der Wunsch, offen auszusprechen, was zum Teil seiner bissigen Gesellschaftskritik zugrunde liegt, mehr und mehr Bahn. Die Beziehung zu Bosie wurde ebenso in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt wie der fatale Prozess. Anlässlich des hundertsten Todestages im Jahr 2000 erfuhr dann Wilde in seiner Gesamtheit eine Neubewertung, und so ist etwa Norbert Kohls Biographie lobend zu erwähnen, die einerseits das gesamte Leben Wildes wiedergibt, andererseits jedoch auch die Verbindung zum Werk herstellt und Inhaltsangaben und Interpretationsansätze mitliefert. Zwar mögen diese Betrachtungen manche/n Leser/in zu detailliert erscheinen, doch sind sie gerade in der Relation zu den biographischen Daten gerechtfertigt. Auch versucht Kohl, viele Fragen zu beantworten, die oft als Widersprüche im Raum stehen blieben, etwa warum Wilde heiratete oder wie das Familienleben neben den schwulen Exzessen aufrechterhalten werden konnte. Und natürlich versucht auch er, plausibel zu machen, warum Wilde sich auf den Prozess einließ – und schafft so auch ein überzeugendes Psychogramm des Autors.
Wenn man neben dieser sehr empfehlenswerten Lektüre zusätzlich Merlin Hollands Das Oscar-Wilde-Album heranzieht, so ergibt sich eine wunderbare Ergänzung. Dieses Büchlein fasst zwar auch die Biographie zusammen, besticht jedoch viel mehr noch durch die zahlreichen Abbildungen, die aus dem Familienalbum stammen dürften und die Entwicklung Oscar Wildes ins Bild setzen. Es ist einfach faszinierend, gerade den Mann, der den Stil seiner Zeit derart geprägt hat, vor sich zu sehen und zu begreifen, worin seine Bedeutung für die Mode und die Kunst außerhalb seiner Sprachgewandtheit lag. Zugleich belegen Karikaturen, Schmähschriften und Verrisse, wie stark der „Abweichler“ schon zu einer Zeit wahrgenommen wurde, als er noch keine Zeile veröffentlicht hatte. Dass viele Posen, Haltungen und Accessoires bis heute als „typisch schwul“ und unmännlich interpretiert werden, beweist weiters den Einfluss seines Stils auf all das, was bis heute unter Extravaganz verstanden wird.

Neben diesen beiden Werken verblassen andere Annäherungen wie das Oscar-Wilde-ABC, das die wichtigsten Stichworte im Kontext mit dem Autor anführt, doch zeigen diese Œuvres eher, wie sehr sich die Rezeption im Laufe der Zeit geändert hat, und dass die Rückkehr Wildes ins (literarische) europäische Bewusstsein schon längst erfolgt ist.

Dass Wilde auch eine Symbolfigur für die Schwulenbewegung geworden ist, ist durchaus gerechtfertigt. Auch wenn die Beziehung zu Bosie alles andere als vorbildhaft verlief und auch die Kontakte zu käuflichen Jungen bis heute Anstoß erregen könnten, so liegt seine Bedeutung doch darin, dass er konsequent die Doppelmoral der Gesellschaft seiner Zeit entblößte. Das Exempel, das an ihm statuiert wurde, hatte zwar persönlich schreckliche Konsequenzen, wurde jedoch von den nachrückenden Generationen verstanden. Man kann heute nicht mehr seine Stücke konsumieren, ohne sich mit der Kritik auseinander zu setzen, die bedrohlich weit über das Theater hinausreicht und deren Richtigkeit sich gerade mit der Biographie Wildes belegen lässt.

Martin Weber

buchcoverMerlin Holland: Oscar Wilde im Kreuzverhör. Die erste vollständige Niederschrift des Queensberry-Prozesses. Übersetzt von Henning Thies. Karl Blessing-Verlag, München 2003.

buchcoverMerlin Holland: Das Oscar-Wilde-Album. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Karl Blessing-Verlag, München 1998.

buchcoverNorbert Kohl: Oscar Wilde. Leben und Werk. Insel-Verlag, Frankfurt 2000.

buchcoverHans Christian Oeser: Oscar-Wilde-ABC. Reclam, Leipzig 2004.