LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Kino

Sommersturm

Ganz und gar nicht stürmisch, sondern eigentlich recht behutsam tastet sich der Film Sommersturm an die Themen „erste Liebe“ und „Coming-out“ heran. Tobi und Achmed sind die besten Freunde und im örtlichen Ruderclub aktiv. Achmed hat zarte Bande zu Sandra vom Frauenteam des Clubs geknüpft und weiß nicht, dass Tobi bis über beide Ohren in ihn verliebt ist. Als die beiden mit ihrer Mannschaft auf ein Sportcamp fahren, treffen sie dort auf einen Berliner Verein namens Queerschlag – mit lauter Schwulen. Mit dem selbstbewussten Auftreten der Berliner Jungs müssen die bayrischen Sportler erst einmal klarkommen. Für Tobi, der sich sein Schwulsein noch nicht eingestehen kann, herrscht Verwirrung der Gefühle: Für „seinen“ Achmed ist Sandra nun wichtiger als ihre Freundschaft, die bildhübsche Anke würde gerne mit Tobi schlafen, aber auch Leo von den „Queerschlägern“ ist augenscheinlich sehr interessiert an ihm...

Filmfoto
Achmed und Tobi übernachten auf dem Camp im gleichen Zelt.

Bisher gab es keinen richtigen Coming-out-Kinofilm aus Deutschland, sieht man von Wolfgang Petersens tragischem Spielfilm nach Alexanders Zieglers gleichnamigem Roman Die Konsequenz von 1977 oder Heiner Carows 1989 noch in der DDR entstandenem Film Coming out ab. Erklärtes Ziel der Produzenten von Sommersturm war es daher, erfolgreichen englischsprachigen Produktionen, wie Beautiful Thing ein deutsches Pendant entgegenzusetzen. Dieses Vorhaben kann rundum als gelungen bezeichnet werden. Sommersturm ist witzig, gefühlvoll und intelligent – ein echter Glücksfall, der sich wohl als schwuler Kultfilm etablieren wird.

Der erst 27-jährige Regisseur und Drehbuchautor Marco Kreuzpaintner hat in dem Film einen Teil seiner eigenen Erlebnisse verarbeitet. Sommersturm war für ihn auch eine Art persönliches Coming-out. Seine Hingabe hat dem Film äußerst gut getan, dieser unmittelbare persönliche Bezug schafft eine beeindruckende Authentizität.

Filmfoto
Die bildhübsche Anke fühlt sich von Tobi angezogen und möchte ihr erstes Mal mit ihm erleben.

Auch bei der Besetzung hat man sich große Mühe gegeben und große junge Talente vor die Kamera gebracht. Vor allem Robert Stadlober als Tobi ist sehr überzeugend. Stadlober gilt als eine der größten Nachwuchshoffnungen des deutschen Films (Crazy, Verschwende deine Jugend, Donau). In Interviews gab er sich recht offen im Hinblick auf seine Bisexualität. Er will sich nicht in Schubladen einordnen lassen, Liebesbeziehungen habe er vor allem zu Frauen unterhalten, aber er habe eben auch mit Männern schöne Erfahrungen gesammelt. Robert Stadlober ist übrigens gebürtiger Kärntner, war längere Zeit in Deutschland und lebt seit eineinhalb Jahren mit seiner Freundin in Wien.

Filmfoto
Leo vom schwulen Berliner Ruderverein Queerschlag kümmert sich um den verunsicherten Tobi.

Viele junge Schwule (und hoffentlich auch Lesben) werden durch den Film zu einem Coming-out animiert werden. Für jene, die es – vielleicht schon lange – hinter sich haben, oder für Heteros hat der Film eine interessante Botschaft: Selbst wenn im Jahr 2004 Homosexualität in den Medien sehr präsent ist, rechtliche Diskriminierungen weitest gehend beseitigt sind und die gesellschaftliche Akzeptanz um vieles größer geworden ist – das Coming-out ist auch heute noch für die meisten kein Honiglecken und ein längerer, oft schmerzhafter Prozess. Aber für Heterosexuelle verlaufen Adoleszenz und erste Liebe ebenso meist nicht ganz problemlos. Auch das zeigt Sommersturm auf einfühlsame Weise.

Christian Högl

Info

Sommersturm läuft ab 29. Oktober in den österreichischen Kinos

www.sommersturm.de

Portraitfoto

Marco Kreuzpaintner fungierte als Regisseur und Drehbuchautor.