LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Kurzmeldungen

Österreich

Ein Zug namens „Homosexuelle Initiative“

Ein besonderes Geburtstagsgeschenk macht die HOSI Wien sich, Österreich und vor allem den Fahrgästen zweier ÖBB-Züge ein ganzes Jahr lang: Die HOSI Wien erwarb die Zugpatronanz über den Eilzug E 1807 von Passau über Linz nach Wien Westbahnhof (Abfahrt täglich in Passau Hbf. um 15.15 Uhr, Ankunft in Wien um 20 Uhr) sowie für den Eilzug SPR 1502 von Salzburg über Bischofshofen nach Innsbruck (Abfahrt täglich in Salzburg Hbf. um 7.04 Uhr, Ankunft in Innsbruck Hbf. um 10.35 Uhr). Ab dem Fahrplanwechsel am 12. Dezember 2004 werden die beiden Züge bis zum übernächsten Fahrplanwechsel am 10. Dezember 2005 den Namen „Homosexuelle Initiative“ tragen.

Der Zugname erscheint auf den digitalen Zugzielanzeigen in den mit solchen ausgestatteten Bahnhöfen und wird auch in den Bahnhöfen, wo die Züge halten, entsprechend angesagt – in bewährter Manier von Chris Lohner. Die Zugbenennung wird natürlich in allen gedruckten Fahrplänen aufscheinen, und zusätzlich wird die HOSI Wien im so genannten „Zugbegleiter“ je eines auf der Südbahn- und der Westbahnstrecke verkehrenden Schnellzugs eine Inseratenschaltung haben.

Für die Jungfernfahrt des Eilzugs „Homosexuelle Initiative“ von Passau nach Wien am 12. 12. plant die HOSI Wien natürlich entsprechende Begleitaktivitäten.

 

Besuch bei Stadträtin Wehsely

Sonja Wehsely, die amtsführende Wiener Stadträtin für Integration, Frauenfragen, KonsumentInnenschutz und Personal, empfing am 4. Oktober 2004 VertreterInnen der HOSI Wien zu einem Gespräch. „Wir haben Stadträtin Wehsely, die auch für die Integration von Lesben und Schwulen zuständig ist, unsere Arbeit und Projekte vorgestellt und auch unsere wichtigsten Anliegen präsentiert”, berichtete Gudrun Hauer nach dem Treffen. „Der Termin war als erstes Kennenlernen gedacht, wobei sich herausgestellt hat, dass die Stadträtin nicht nur die HOSI Wien und ihre Arbeit gut kennt, sondern früher auch schon das HOSI-Zentrum besucht hat. Natürlich wollten wir auch Wehselys persönliche Positionen zu unseren Forderungen – etwa nach der so genannten ‚Wiener Ehe‘ – hören. Wie schon ihre Vorgängerin Stadträtin Renate Brauner hält Wehsely eine ‚Wiener Ehe‘ nicht für sinnvoll, sondern möchte gleich eine bundesrechtliche Regelung verwirklicht sehen, nämlich in Form der Eingetragenen PartnerInnenschaft, wie sie die SPÖ vertritt.“

Einig waren sich HOSI Wien und Stadträtin Wehsely darin, dass die schwarz-blaue Regierung, die keine Gelegenheit auslässt, das SP-regierte Wien zu schwächen, durch ihre Haltung auch in diesem Bereich Wien schadet. Etwa indem sich die Bundesbehörden weigern, im Ausland geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen und Eingetragene PartnerInnenschaften anzuerkennen (vgl. Bericht ab S. 7).

Bis auf die Frage der „Wiener Ehe“ ist das Verhältnis zwischen der Stadtregierung und der HOSI Wien also friktionsfrei. Die Stadt unterstützt auch regelmäßig ideell und materiell die wichtigsten Projekte der HOSI Wien wie den Regenbogen-Ball und die Regenbogen-Parade. Stadträtin Wehsely wird auch Ehrengast auf dem großen Fest zum 25. Geburtstag der HOSI Wien im Rathaus am 29. Oktober 2004 sein.

Gruppenfoto mit der Stadträtin
Stadträtin Sonja Wehsely empfing Christian, Kurt und Gudrun von der HOSI Wien zu einem Gespräch.

 

Gefährliche Websites

Wie die Grünen in Erfahrung gebracht haben, werden MitarbeiterInnen des Bundeskanzleramts durch eine entsprechende Software daran gehindert, auf bestimmte Webseiten mit lesbischen, schwulen oder bisexuellen Inhalten zuzugreifen. Diese Webseiten sind praktisch für die MitarbeiterInnen des Bundeskanzleramts gesperrt.

Wollen sie die Seiten ansurfen, scheint folgender Text auf: „Der Zugriff auf diese Webseite ist gegenwärtig eingeschränkt. Sie wollten auf eine Website zugreifen, die durch die Internetfiltersoftware WebSense gesperrt wurde. Diese wird im Bundeskanzleramt eingesetzt, um den Zugriff auf Seiten, die nicht im dienstlichen Interesse liegen, zu sperren. Damit soll erreicht werden, dass die Geschwindigkeit bei Zugriffen auf das Internet gesteigert wird und keine Imageprobleme für das Bundeskanzleramt entstehen. Die Kategorisierung wird durch den Hersteller der Software durchgeführt. Diese liegt nicht im Einflussbereich des Bundeskanzleramts. Sollten Sie den Zugriff auf eine gesperrte Seite benötigen, dann wenden Sie sich bitte unter Angabe der zugrundeliegenden URL per E-Mail an ikt@bka.gv.at. Beachten Sie bitte auch das Rundschreiben ‚Freischaltung des Internetzuganges‘ auf dem Schwarzen Brett ‚Mitteilungen des Präsidiums‘.“

Gesperrt sind beispielsweise folgende Websites: www.hosiwien.at, www.hugwien.at, www.rainbow.or.at, www.hosilinz.at und www.gay.com.

Andere lesbische, schwule bzw. bisexuelle Websites, wie beispielsweise www.pride.at oder die Websites der HOSI Tirol (www.queertirol.com) oder der HOSI Salzburg (www.hosi.or.at) sind allerdings nicht gesperrt – vielleicht weil weniger gefährlich?

Fernsehstandbild
Vorsicht Gefahr! Ein Ansurfen dieser Homepage könnte zu Imageproblemen im Bundeskanzleramt führen – ob das an den Inhalten liegt, die von der homophoben Haltung Bundeskanzler Schüssels und seiner RegierungskollegInnen zu berichten wissen?

Die Grünen nahmen diese Zensurmaßnahmen zum Anlass, an Bundeskanzler Schüssel eine Parlamentarische Anfrage zu richten (2181/J). U. a. wollen sie von ihm wissen, ob er von dieser Zensurmaßnahme wusste, wie er sie diesfalls rechtfertige, ob er die Ansicht teile, „dass der Zugriff auf lesbische, schwule, bisexuelle Webseiten wie z. B. auf die Webseite der HOSI Wien, einer seit 25 Jahren bestehenden Lesben- und Schwulenorganisation, durch MitarbeiterInnen des Bundeskanzleramtes ein Imageproblem für das Bundeskanzleramt“ verursachen würde und warum gerade die Kategorien „Schwule“, „Lesben“ und „Bisexuelle“ gefiltert würden.

Weiters wollten die Grünen wissen, ob aufgrund der aktuellen politischen Diskussionen über rechtliche Diskriminierungen von Lesben und Schwulen nicht gerade jetzt ein Zugriff auf Webseiten mit lesbischen und schwulen Inhalten besonders notwendig wäre und ob sein Schweigen in der aktuellen Diskussion um Benachteiligungen von lesbischen und schwulen MitbürgerInnen womöglich damit zu tun habe, dass „Sie sich aufgrund der Sperrung entsprechender Websites nicht informieren konnten?“

Kurt Krickler

Infos im Web

Anfragen bzw. Anfragebeantwortungen im Wortlaut:
www.parlament.gv.at