LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Portrait

Murielle startet voll durch

Vor lauter Lebensfreude funkelnde Augen und ein breites, schelmisches Lächeln: Wer Murielle Stadelmann gegenübersteht, erliegt zwangsläufig binnen weniger Minuten ihrem Charme. Den Interviewtermin hat sie kurzfristig möglich gemacht, zwischen einer Probe und einer Audition: „Ich bin ein wenig müde heute“, sagt sie und wirkt dabei taufrisch, sieht perfekt gestylt aus und ist quirlig wie ein Schneebesen.

Wir handeln zu Beginn gleich die Routinefragen ab: Ihre Eltern stammen aus Frankreich, geboren ist sie aber in Deutschland, ihre Kindheit verbringt sie in Mainz am Rhein. Schon während der Schulzeit entdeckt sie ihre Begeisterung fürs Singen. Und schon damals tanzt sie aus der Reihe: „Die Leiterin des Schulchors hat mich ermahnt und zu mir gesagt: ‚Du bist hier keine Solistin!‘“

Die Mutter arbeitet im diplomatischen Dienst und wird nach Österreich versetzt. Murielle, die bis heute die französische Staatsbürgerinschaft besitzt, landet dadurch in Wien. Eine Gesangsausbildung kommt nicht infrage, die Mutter besteht darauf, dass sie „etwas Gescheites“ lernt. Also studiert sie Simultan-Dolmetsch – und langweilt sich furchtbar dabei: „Das war alles so bieder auf dem Institut und so was von fad.“

Eine der wichtigsten Weichenstellungen in ihrem Leben ergibt sich vor über zehn Jahren, als sie Natalie Dessay kennen lernt. Die bekannte Koloratursopranistin ermutigt sie, ihr Potenzial auszuschöpfen und eine Gesangsausbildung zu machen. Murielle folgt dem Rat und lernt bei verschiedenen Lehrern, unter anderem sechs Monate in Nizza bei Jean-Pierre Blivet. Mitte der neunziger Jahre gibt es dann einen Rückschlag, weil sich Knötchen an den Stimmbändern gebildet haben. Die Gesangslehrerin Jana Sedlá?ková hilft ihr aber, eine entspannte, stimmbänderschonende Singtechnik zu entwickeln. Aufgrund von Veränderungen in ihrem Privatleben tritt das Singen dann jedoch mehr und mehr in den Hintergrund. Erst als sie 2000 zu den HOSIsters, der Showtruppe der HOSI Wien, stößt, erfasst sie wieder die Begeisterung fürs Singen. Sie tingelt durch verschiedene Lokale und tritt bei diversen Veranstaltungen auf, unter anderem in der Disco Why Not. 2001 erobert sie die Herzen des Publikums am berühmten Frankfurter Hof in Mainz, dann als Gast in einem Programm mit Lilo Wanders und bei der großen Europride-Feier am Heldenplatz in Wien. 2004 engagiert sie Alfons Haider vom Fleck weg für seine Show Haider an die M8, wo sie neben ihrer Stimme auch ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen kann. Stolz ist sie auf ihr Engagement an der Wiener Kammeroper, wo sie ab Dezember im Acapella-Musical Avenue X zu sehen und hören sein wird.

Wenn Murielle von Alfons Haider spricht, kommt sie ins Schwärmen. Die Zusammenarbeit mit ihm sei ausgesprochen angenehm und sehr unkompliziert. „Er ist ein reizender Mensch und kümmert sich immer um mich.“ Bis November sind die beiden noch mit Haider an die M8 auf Österreich-Tournee. Auch am 29. Oktober beim Fest zu 25 Jahre HOSI ­Wien im Rathaus werden Murielle und Alfons Teile des Showprogramms bestreiten.

Fannyann Eddy
Für „Haider an die M8“ holte sich Alfons Haider Unterstützung von Murielle und Georg Bauer.

Wie ist das mit Murielle und den Schwulen? Sie versteht die Frage nicht – Schwule seien für sie immer selbstverständlich gewesen. Ihre Eltern waren mit einem schwulen Paar befreundet, das oft bei ihnen daheim zu Besuch war. „Für mich gab es schon von klein auf Mann und Mann genauso wie Mann und Frau. Und natürlich auch Frau und Frau.“ So zählen heute sehr viele Lesben und Schwule zu ihrem Freundeskreis. Für Politik habe sie im Allgemeinen nur durchschnittliches Interesse, wenn sie aber wie neulich in einer TV-Diskussion ÖVP-Justizsprecherin Maria Fekter gegen die „Homo-Ehe“ argumentieren sieht, platze ihr der Kragen: „Am liebsten wär’ ich in den Fernseher gestiegen.“

Und wie ist das mit Murielle und den Lesben? Es gibt ja auch viele Frauen, die sie verehren und mit Begeisterung ihre Konzerte besuchen. Könnte sie den Avancen einer attraktiven Frau widerstehen? Ein besonders breites Lächeln umspielt ihre Lippen. Sie finde die Zuneigung ihrer lesbischen Fans sehr schmeichelhaft und freue sich, als Künstlerin Anerkennung zu finden. Das ist natürlich auch eine Antwort.

Christian Högl

2000 als Köchin in HOSIsters’ Eaton Place

Vor fünf Jahren beim Fest im Rathaus zum 20-Jahr-Jubiläum (mit Moderator Dieter Schmutzer)