LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Bücher

LN-Bibliothek

Coming-out

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Milena-Verlag (Hg.):
C/o coming out.
Storys. Milena-
Verlag, Wien 2004.

So vielfältig, wie Lesben sind und leben, so vielfältig und unterschiedlich gestaltet(e) sich für uns alle die Phase des Coming-out. Manche haben es immer schon gewusst oder sehr früh geahnt, dass sie lesbisch sind, andere wiederum benötigen viele Jahre oder gar Jahrzehnte für diese Erkenntnis. Einige sehen mit Bangen in die Zukunft; andere freuen sich darauf.

C/o coming out betitelt sich die Neuerscheinung des Wiener Milena-Verlags, in der 20 Storys deutschsprachiger Autorinnen (Susanne Hochreiter, Ariane Rüdiger, Claudia Rath, Brigitte Menne und andere) zu diesem Thema versammelt sind. Und genauso unterschiedlich wie die Erfahrungen sind auch die literarischen Formen, in denen Fiktionales neben stark autobiographisch Gefärbtem steht. So erzählt etwa Helga Pankratz die Story einer älteren, bislang heterosexuell lebenden Frau, die sich – zum ersten Mal in ihrem Leben – von einer viel jüngeren Frau verführen lässt. Die Züricherin Petra Paul thematisiert, wie ihr Kontakt mit ihrer Wiener Namensschwester ihr eigenes Coming-out beeinflusst hat. Ulrike Lunacek konzentriert sich auf die Reaktionen ihrer Umwelt, vor allem ihrer Familie.

Ein sehr lesenswertes Buch für Lesben – und ihre FreundInnen –, das durchaus auch zeigt, dass diese notwendige Lebensphase im Leben jeder Lesbe auch heute noch alles andere als einfach ist, aber auf jede Larmoyanz verzichtet. Und zugleich mit hohem Wiedererkennungswert für uns alle – Jüngere wie Ältere.

GH

Intime Leidenschaft

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Renate Stendhal:
Die Farben der Lust. Sex in lesbischen Langzeit- beziehungen. Übersetzt von Andrea Krug. Verlag Krug & Schadenberg, Berlin 2004.

Sind Nähe, Intimität und Sex auf Dauer überhaupt miteinander vereinbar? Verschwindet bei zuviel Nähe gerade in langjährigen lesbischen Partnerinnenschaften die Sexualität quasi automatisch? Ist das Phänomen des „lesbischen Bettentodes“ eine zwangsläufige Folge und somit der Preis für den Fortbestand der Beziehung?

Diesen und noch anderen Fragen, die sich sicher viele Lesben stellen, geht die in Kalifornien lebende Therapeutin Renate Stendhal in Die Farben der Lust nach. Darin beschreibt sie einleitend die „typischen Stadien“ lesbischer Liebesbeziehungen und verdeutlicht ihre wichtigsten Aussagen mit Hilfe der genauen Beschreibung und Analyse einiger lesbischer Beziehungsmuster und -konflikte.

Nein, das Feuer des sexuellen Begehrens zwischen zwei sich liebenden Frauen muss auch nach vielen Jahren des Zusammenlebens nicht zwangsläufig erlöschen, sondern es kann lebendig bewahrt werden. Unerlässliche Voraussetzung dafür ist jedoch die „Wahrheit als Aphrodisiakum“ – der offene Austausch beider Frauen über ihre Wünsche, Phantasien, Begierden, Sehnsüchte, aber auch über ihre Ängste, Hemmungen und Verletzungen, seien sie jetzt sexueller oder nicht-sexueller Natur. Gegenseitiges Vertrauen ist somit unverzichtbar, ebenso der Mut zum Risiko und zur Wahrheit – gegenüber sich selbst und gegenüber der Geliebten. Eine flüssig geschriebene, sehr lesenswerte und zugleich anregende Ratgeberin, die in keinem lesbischen Haushalt fehlen sollte.

GH

Der Märchenprinz

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Katharina Sykora (Hg.):
„Ein Bild von einem Mann“. Ludwig II. von Bayern. Konstruktion und Rezeption eines Mythos.
Campus-Verlag,
Hamburg 2004.

Er war und ist ohne Zweifel einer der legendärsten deutschen Könige, den bis heute der Flair des Romantischen umhüllt: Ludwig II. von Bayern, Erbauer fantastischer Schlösser, Förderer Richard Wagners, Freund Kaiserin Sisis und Prototyp des feinsinnigen schwulen Regenten, der noch dazu unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen im Starnberger See ertrunken war.

Dass sich nun ein von Katharina Sykora herausgegebener Sammelband der Rezeption Ludwigs annimmt, ist äußerst lobenswert, da dadurch Einblicke gewonnen werden können, wie sehr Ideologien und die Sehnsucht nach Mythen und Idolen den Blick auf historische Persönlichkeiten bestimmen. Die einzelnen Beiträge beleuchten sämtliche Bereiche, in denen Ludwig noch heute präsent ist: Von den Schlössern über Fotos und Denkmäler bis hin zur Darstellung im Film werden Projektionen hinterfragt, wobei die Verkitschung immer wieder thematisiert und unterschiedlich bewertet wird. Ein eigener Aufsatz beschäftigt sich mit Ludwig als Thema der frühen Homosexuellenbewegung und zeichnet die Instrumentalisierung des „Schwanenkönigs“ im psychiatrisch-sexualwissenschaftlichen Diskurs nach.

Anzumerken bleibt das einzige Manko des Buches: Eine kurze Biographie Ludwigs hätte manche Anspielungen und Details verständlicher gemacht, da nicht vorausgesetzt werden kann, dass jede/r Leser/in mit dem Leben des Königs vertraut ist.

MW

Glasgower Elegie

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Louise Welsh:
Dunkelkammer.
Übersetzt von Wolfgang Müller.
Verlag Antje Kunstmann, München 2004.

Ein schwuler Angestellter eines Auktionshauses findet bei der Räumung eines Hauses brisante Fotos, die ihn dazu bringen, sich auf die Suche nach einer Wahrheit zu machen, die Jahre zurückliegt. Nicht nur der Plot, auch die Reise durch Glasgow gelingt Louise Welsh mit beklemmender Intensität. Im Alkoholdunst findet die Suche nach dem kleinen Glück und ein bisschen mehr Wohlstand statt. Die Figuren bleiben in ihrer Einsamkeit gefangen, schmieden kleine Allianzen, um den Halt nicht ganz zu verlieren, und gehen einander dadurch immer wieder auf den Leim. Denn wer hier ehrlich spielt, bleibt bis zum Ende ein wohlgehütetes Geheimnis. Dunkelkammer ist somit eine wunderbare Blume, die in einem tristgrauen, dreckigen Hinterhof umso schöner erblüht.

MW

Bel Amis auf Tour

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Howard Roffmann:
Peter & Petr.
Bruno-Gmünder-
Verlag,
Berlin 2004.

Bruno Gmünder vertreibt in Europa nicht nur die DVDs der populären Bel-Ami-Reihe, sondern bringt auch Bildbände mit deren Models heraus. Zur Bewerbung touren jetzt einige der Jungs durch Europa – am 18. Oktober sind sie in der Buchhandlung Löwenherz.

Aus den neuen Bildbänden sei Peter & Petr hervorgehoben: Wenn der bekannte Fotograf Howard Roffman Bel Amis vor die Kamera bekommt, lässt das auf ein interessantes Ergebnis hoffen: Peter & Petr ist tatsächlich ein ästhetischer Leckerbissen geworden – nicht nur für eingefleischte Bel-Ami-Fans.

CH

Lust am Körper

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Karin Ludewig:
Die Wiederkehr der
Lust. Körperpolitik nach Foucault und Butler.

Campus-Verlag,
Frankfurt/Main 2002.

In ihrer publizierten Dissertation über Körperpolitik nach Foucault und Butler untersucht die Philosophin Karin Ludewig die feministische Entwicklung von der Moderne zur Postmoderne. Seit Butlers Gender Trouble ist der Körper ins Zentrum feministischer Theoriebildung gerückt und Anlass heftigster Kontroversen zwischen Essentialistinnen und Dekonstruktivistinnen. Ging es zu Beginn der Frauenforschung noch darum, Frauen sichtbar zu machen, so dekonstruiert bzw. leugnet die Geschlechterforschung die Binarität der Geschlechter – ein hauptsächlich im akademischen Bereich geführer Diskurs. Ausgehend von Foucault, dem Philosophen zwischen Moderne und Postmoderne, dessen feministische Rezeption Ludewig nach wenigen zentralen Gesichtspunkten zu ordnen versucht, entwickelt sie ihren postfeministischen Ansatz, indem sie die geschlechtlichen Körper in ihrer kulturellen Definiertheit zugleich als „von sich aus seiend“ anerkennt. Nicht der Körper ist produziert, sondern unsere Interpretationen von ihm. Die Sinnlichkeit, die Lust, die Butler völlig ausblendet, werden als wesentliche Aspekte der menschlichen Lebenserfahrung theoretisiert. Ludewig besteht auf der Natürlichkeit des menschlichen geschlechtlichen Körpers, auf der Natur im Sinne eines Durch-sich-selbst-Seins des Materiellen, was aber laut ihrer Aussage weder einen Rückfall in eine präpostmoderne Theorieposition noch einen Rückschritt in neue essentialistische bzw. biologistische Argumentation bedeuten soll. „Der Körper, sein Sex, seine Gelüste sind, so wie sie sind“, behauptet die Autorin, „und wie sie oft genug als Zumutung ans Bewusstsein [...] herantreten, natürlich.“ Butlers Dekonstruktion des natürlichen Körpers wird somit durch eine Wiederaufnahme des Konzepts vom Körper als etwas Natürlichem ergänzt, was sicherlich nicht zur Beseitigung feministischer Kontroversen führen wird.

PS

Vater?

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António Lobo Antunes:
Was werd ich tun, wenn alles brennt? Roman.
Übersetzt von Meralde Meyer-Minnemann.
Luchterhand-Literaturverlag, München 2003.

Carlos. Die Schwuchtel. Mein Vater. Der Clown. Soraia. Das sind die abwechselnd gebrauchten Bezeichnungen für jene Hauptperson, um die sich in immer neuen Variationen die Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen der Erzählperson Paolo drehen. Als „Clown“ hat der Vater sich selbst bezeichnet: „Erschreck nicht. Ich bin ein Clown“, erklärt er dem noch im Vorschulalter befindlichen Kind, warum er Schminke, falsche Wimpern und Perücke trägt. Vater tritt in einem „Zirkus“-Keller in Lissabon auf. Er tanzt zu Liedern und tut so, als singe er selbst. Sein Künstlername ist Soraia.

Zur Zeit der Romanhandlung ist Soraia schon tot. Der erwachsene Sohn hängt Gedankenbildern, Erinnerungsfetzen, Verkennungen und Erkenntnissen nach, in denen die Erwachsenen seiner Kindheit samt ihren Lebensinhalten Gestalt annehmen – und in manchen Kapiteln die Ich-Position besetzen, um ihre Variante der Geschichte zu erzählen. Zu Beginn liegt Paolo beim Nachdenken reglos und kaum affizierbar in der Psychiatrie. Später, draußen, ist er oft auf der Jagd nach dem Fliegen, das sich mit Heroin erzeugen lässt. Antunes erzählt vielschichtig. Eine Schicht ist die kaum endgültig beantwortbare Frage, was denn nun „Familie“ und die damit assoziierte Geborgenheit sein könnte. Ausgangspunkt ist der Satz eines Psychiaters, der – erfolglos – von Paolo verlangt: „Zeichnen Sie Ihre Familie!“ Eine andere Konstante ist die sehnsuchtsvolle und parteiische Liebe zum Vater, dessen Entscheidung als absolut richtig akzeptiert wird, nach kurzer, zu jung geschlossener Ehe Frau und Kind zu verlassen, um ganz und gar Soraia zu sein.

Allen, die sich schnell eine spannende Schwulenstory aus dem Lissabonner Milieu reinziehen wollen, sei von der Lektüre abgeraten: Bei diesem Roman handelt sich um anspruchsvolle Literatur.

HP

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