LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

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Bücher gegen rechts

Sexualisierte Gewalt in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern war bislang ein auch von der feministischen NS-Forschung stark vernachlässigtes Thema. Nun haben die Sozialwissenschafterinnen Helga Amesberger, Katrin Auer und Brigitte Halbmayr die erste fundierte historische Untersuchung darüber veröffentlicht, für die sie auch lebensgeschichtliche Interviews weiblicher KZ-Überlebender herangezogen haben. Diese umfassende und sehr lesenswerte Studie behandelt weibliche Zwangsarbeit in den KZ-Bordellen, verschiedene Formen sexueller Gewalt gegen Frauen im Kontext des NS-Lagersystems, die spezielle Situation Schwangerer sowie Mütter in den KZ sowie die Gewaltfolgen nach der Befreiung. Deutlich wird – auch im Theorieteil –, dass der Faktor (weibliches) Geschlecht sehr wichtig für Leben und Weiterleben unter diesen Extrembedingungen war. Die Lagerbordelle hatten u. a. die Funktion, die Häftlinge von unerwünschten und sanktionierten homosexuellen Handlungen abzuhalten. Die Bereitstellung dieses „Ventils“ war eine Form sexueller Gewalt gegenüber den hierfür zwangsweise rekrutierten Frauen.

Helga Thomas Porträtsammlung aus dem österreichischen Widerstand gegen das NS-Regime richtet sich in erster Linie an LeserInnen mit nur wenig Vorwissen über diesen Aspekt österreichischer Geschichte. Der Begriff „Widerstand“ ist weit gespannt und nicht auf den bewaffneten Widerstand verengt. Auch die Wiener Schauspielerin Dorothea Neff, die ihre jüdische Freundin vor der drohenden Zwangsdeportation versteckte, ist mit einem Porträt vertreten. Und gerade am Beispiel ihrer Person wird die Geschichtsschreibung zur Geschichtsfälschung, wenn die Autorin geradezu penetrant Neffs Liebesbeziehungen zu Frauen unterschlägt. Ärgerlich und verzichtbar.

Niko Wahls Endbericht über die Verfolgung Homosexueller in Österreich für die HistorikerInnenkommission ist nun auch in verkürzter Form als Buch zugänglich. Der Autor konzentriert sich weitgehend auf die – überblicksmäßige – Darstellung der historischen Fakten, für die er zahlreiche Akten ausgewertet hatte. Der dünne Band ist jedoch allenfalls als Kurzüberblick bzw. als Einstiegslektüre zu diesem Themenbereich geeignet und setzt überdies bei den LeserInnen doch umfangreiche Vorkenntnisse voraus. Verfolgung und Überleben von Lesben sind nur wenige Seiten gewidmet; und im Literaturteil fehlt Claudia Schoppmanns bahnbrechende Studie Verbotene Verhältnisse.
Kurier-Redakteur Christian Thonke beschäftigt sich in Hitlers langer Schatten mit der Entschädigungspolitik gegenüber NS-Opfern. Zwei Diskurse dominieren in diesem Buch: zum einen die historische Nachzeichnung der bisherigen Entschädigungspolitik, zum anderen die Untersuchung der politischen und wissenschaftlichen Debatten über Inhalte, Ausrichtung und moralische Leitlinien von „Wiedergutmachung“ und somit deren Veränderungen bis in die aktuelle Gegenwart. LeserInnen, die indes auch Informationen über die bislang nicht erfolgte Entschädigung lesbischer und schwuler NS-Opfer erwarten, seien gleich gewarnt: Diese Opfergruppe existiert für den Autor nicht – ebenso wie etliche andere auch, denn der Opferbegriff ist ausschließlich für die jüdischen Überlebenden reserviert. Verzichtbar und wissenschaftlich wie politisch überholt.

Oliver Gedens Magisterarbeit über die FPÖ thematisiert einen von traditioneller Malestream-Politikwissenschaft insbesondere im Bereich der Parteienforschung vernachlässigten Aspekt: den der Geschlechterfrage. Dass die FPÖ eine „klassische“ Männerpartei nicht nur in ihren Organisations- und Rekrutierungsstrukturen darstellt, sondern dass ihre Politik und Propaganda an heterosexuelle Wähler adressiert sind, dass konservative Frauenpolitik gepaart mit einem traditionellen Männerbild und andererseits Homophobie nur zwei Seiten der gleichen Medaille sind, macht seine Untersuchung beklemmend deutlich. Ebenso warum gerade diese Partei so attraktiv für ein bestimmtes Wählerspektrum war und ist. Leider bleibt die Auseinandersetzung mit den Männerbund-Diskursen sowie dem offenen – mit latenter Homosexualität verbundenen – Homosexuellenhass weitgehend ausgespart. Dennoch eine informative Lektüre, die u .a. die Frage provoziert, ob und welche dieser reaktionären Geschlechterrollenmodelle die ÖVP aus der „Konkursmasse“ FPÖ übernimmt – halt bloß in etwas „modernere“ Schlagworte und Politfloskeln gekleidet.

Gudrun Hauer

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Helga Amesberger/Katrin Auer/Brigitte Halbmayr: Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern. Mandelbaum-Verlag, Wien 2004.

Helga Thoma: Mahner – Helfer – Patrioten. Porträts aus dem österreichischen Widerstand. Eine Dokumentation. Edition Va Bene, Wien/Klosterneuburg 2004.

Niko Wahl: Verfolgung und Vermögensentzug Homosexueller auf dem Gebiet der Republik Österreich während der NS-Zeit. Bemühungen um Restitution, Entschädigung und Pensionen in der Zweiten Republik. Oldenbourg-Verlag, Wien/München 2004.

Christian Thonke: Hitlers langer Schatten. Der mühevolle Weg zur Entschädigung der NS-Opfer. Böhlau-Verlag, Wien/Köln/Weimar 2004.

Oliver Geden: Männlichkeitskonstruktionen in der Freiheitlichen Partei Österreichs. Eine qualitativ-empirische Untersuchung. Verlag Leske + Budrich, Opladen 2004.