LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Aus lesbischer Sicht

Der Zug der Zeit

Das „Schlusslicht Europas“ scheint sich immer mehr zu einer Insel der seligen Homos zu wandeln. Ich bin aber alles andere als selig. Dass sogar ÖVPler antihomosexuelle Vorurteile uncool finden, tröstet mich nicht über den Abbau sozialer Errungenschaften – zum Beispiel bei der Eisenbahn – hinweg.

Wir gegen Vorurteile liegt überall in der Wiener Szene auf: Vier Textseiten mit Regenbogencover. Herausgegeben von der Jugendabteilung der Gewerkschaft der Eisenbahner. Klaro gibt es Eisenbahnerinnen – von der Putzfrau bis zur Stationsvorsteherin. Doch ob in Gremien oder Sprachgebrauch – bei Frauenrepräsentation waren die Genossen Gewerkschafter noch nie supercool. Supicool layoutet ist dafür ihre Broschüre. Vorurteile sind oberflächliche und unsichere Urteile, legt sie gleich los: Vorurteile haben wir alle, erfahren wir, und dass Vorurteile auch nützlich, ja schier lebensnotwendig sind: Wir brauchen sie, um uns in der Welt zu orientieren. Das Leben ist so kurz, dass wir nicht in allen Dingen nach der endgültigen Wahrheit fragen können. Bei der Arbeit und im Umgang mit Menschen müssen wir schnell handeln; wir müssen dauernd entscheiden, was richtig und falsch, gut oder böse ist. Wir können dabei nicht alles im Einzelnen nachprüfen, und deshalb verlassen wir uns auf unsichere Urteile. – Wow! Das sagen uns junge Gewerkschafter! Rädchen sind wir, die sich dem verschärften Akkord des digitalen Zeitalters alternativlos anpassen müssen: Weiche stellen, Totmann drücken, Mouse klicken! Zug und Kundschaft abfertigen! Ruckizucki! Pinkelpause und eigenes Denken sind Luxus.

Plakat
Die Gewerkschaftsjugend gegen Vorurteile

Vorurteile sind hartnäckig und daher schwer zu bekämpfen, denn die Ursache (...) liegt hauptsächlich in unserer Bequemlichkeit, Denkfaulheit und mangelnder oder fehlender Informiertheit, lesen wir weiter. Worauf der grafisch toll hervorgehobene Merksatz folgt, dass Vorurteile „angelernt“ sind und auch wieder „verlernt“ werden können. Und dass es lohnt, nachzufragen, nachzudenken und niemand über seinen/ihren Kopf hinweg zu beurteilen. Oki!

Damit kommt die Broschüre zu ihrem Kernthema: Homosexualität. Dass diese etwas „vollkommen Natürliches“ sei, was „in unserer Gesellschaft mit der Zeit immer mehr toleriert und akzeptiert“ wird. Supi. Abgesehen davon, dass sich das Argumentieren mit der „Natürlichkeit“ hinterfragen ließe, wenn so spitzfindig wären, über Paradigmen nachzudenken, ist es höchst faszinierend, wie da „mit der Zeit“ alles „immer besser“ wird – also praktisch von selbst, prozesshaft in stetiger Vorwärtsentwicklung. Wer auch nur ein bisschen zu historischer Analyse neigt, wird das als übersimplifizierenden Fortschrittsmythos erkennen. Doch schlimmer finde ich, dass all das bis dahin kein handelndes Subjekt hat, kein „Wir“, das etwas tut – z. B. echte Fairness fordern und durchsetzen. Aber der Hammer kommt erst: In den älteren Generationen ist Homosexualität meistens noch ein Tabuthema. – Also hat die Geschichte doch ein handelndes Subjekt? „Ältere Generationen“, bestehend aus uncoolen Dumpfbacken. Oder sind auch sie bloß Objekte? Jenem Agens ausgesetzt, das sie letztendlich beseitigt: der Zeit?

Die Erwähnung der machtpolitischen Funktion von Vorurteilen sucht man genauso vergeblich wie echte AkteurInnen, die Position beziehen. Das „Wir“ besteht aus bloßem Publikum, das zuschaut, wie sich im Lauf der Zeit Probleme von selbst lösen: durch natürliches Aussterben der Dumpfbacken. Das ist politischer Fatalismus. Ist passiv konsumierendes Geschehenlassen. Das sind soziale Dynamiken als Reality-Show. Und junge Eisenbahn-Gewerkschafter als deren Couch-Potatoes?

Portraitfoto
HELGA PANKRATZ