LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Aus dem Hohen Haus

In memoriam:
Fannyann Eddy

6. Oktober 2004, Justizausschuss im Nationalrat. Als letzte Punkte stehen der Entschließungsantrag der Grünen für einen ZIP (Zivilpakt) sowie der der SPÖ zur Absicherung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften auf der Tagesordnung. ÖVP-Abgeordnete Gertrude Brinek verteidigt – als „besten Fortschritt“ – die „kleinen Schritte“, die die ÖVP mit ihren am 22. September präsentierten (bei Drucklegung am 11. 10. immer noch nicht parlamentarisch eingebrachten) Vorschlägen plant (s. S. 7). Wir können neugierig sein, ob in den Verhandlungen der Regierungskoalition aus dem ÖVP-Minipaket ein noch winzigeres Päckchen wird, das sie der österreichischen Bevölkerung dann als einen wunderbaren Gleichstellungsschritt verkaufen.

Nach diesem bizarren Stück österreichischer Parlamentsrealität – die Anträge von Grünen und SPÖ wurden vertagt – erreichte mich die Nachricht von der brutalen Ermordung von Fannyann Eddy, der Gründerin der Sierra Leone Lesbian and Gay Association (SLLGA), die auf dem gesamten afrikanischen Kontinent und darüber hinaus als Aktivistin für die Menschenrechte von Lesben und Schwulen bekannt ist. Die 30-jährige Mutter eines 10-jährigen Sohnes war am Morgen des 29. September im Büro der SLLGA tot aufgefunden worden: mehrfach vergewaltigt, das Gesicht verstümmelt, das Genick gebrochen. Einige Momente lang erscheinen mir die Auseinandersetzungen im österreichischen Parlament irgendwie lächerlich und unbedeutsam angesichts derartiger Brutalität, derartigen Hasses. Gleichzeitig Zorn und Trauer, dass wieder eine Kämpferin weniger auf dieser Welt ist – eine Kämpferin, die den Mut hatte, in einer feindseligen Umwelt öffentlich als Lesbe aufzutreten, und sich nicht einschüchtern ließ; die von der Überzeugung ausging, dass Menschenrechte unteilbar sind.

Fannyann Eddy
Fannyann Eddy war weltweit als Aktivistin für die Menschenrechte von Lesben und Schwulen bekannt.

Vergangenen April hielt Fannyann eine bewegende Rede vor der UNO-Menschenrechtskommission in Genf. Sie beklagte, dass die Behörden Sierra Leones Gewalt gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Personen weder verfolgen noch bestrafen: „Angst ist unser ständiger Begleiter.“ Angst in der Öffentlichkeit, Angst in der Familie, nirgendwo ein Ort der Sicherheit. „Schweigen macht uns verletzlich. Sie, Mitglieder der Menschenrechtskommission, können dieses Schweigen brechen. Sie können anerkennen, dass wir existieren, in allen Teilen Afrikas, auf allen Kontinenten, und dass unsere Menschenrechte jeden Tag verletzt werden.“ Die Kommission ist Fannyanns Appell, das Schweigen zu brechen, nicht nachgekommen. Auch hier wurde vertagt. Sollte nächstes Jahr doch eine Resolution angenommen werden – für Fannyann wird sie zu spät kommen.

In solchen Momenten werde ich zornig auf jene PolitikerInnen, die ständig von Menschenwürde und Menschenrechten reden, doch genau diese Würde tagtäglich brechen, wenn sie spezifische Menschenrechte als verhandelbar betrachten.

Die Verleihung des Literaturnobelpreises in dieser selben Woche an Elfriede Jelinek und des Friedensnobelpreises an Wangari Maathai, die kenianische Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin und grüne Vize-Umweltministerin, die ich selbst vor zwei Jahren in Nairobi kennengelernt habe, ist eine großartige Anerkennung für zwei kämpferische mutige Frauen. Ich sehe sie auch als stärkendes Symbol dafür, dass Überwindung der Angst, Widerstand und Ausdauer Sinn machen. Und dass sie andere Frauen (und Männer, die ähnliche Ziele haben) ermutigen, gegen die Goliathe dieser Welt – seien sie Personen oder gesellschaftliche Strukturen – anzukämpfen. So wie Fannyann Eddy es getan hat.

Portraitfoto
Ulrike Lunacek